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Abenteuer
05/12/2014

Mit dem Rollstuhl durch Mexiko und Zentralamerika

Reinfried Blaha ist querschnittgelähmt und reiste mit Victoria Reitter ein Jahr lang durch Mexiko & Zentralamerika.

von Sandra Lumetsberger

Am gefühlten Ende der Welt löste sich das rechte Vorderrad aus der Halterung des Rollstuhls von Reinfried Blaha. In einer Gegend Nicaraguas – dort, wo Wege nur per Boot bewältigt werden – erlebte der 35-Jährige einen Moment der Verzweiflung. "Dass der Rolli kaputt geht, war eines der schlimmsten Szenarien – meine Mobilität war verloren." An dieser Stelle wollte er die Reise vorzeitig abbrechen.

Der Reihe nach: Seit einem Skiunfall vor sieben Jahren ist der Grazer querschnittgelähmt. Das hinderte ihn nicht daran, mit seiner Freundin Victoria Reitter (31) nach Mexiko zu reisen. "Wir wollten arbeiten – ich in einem Architekturbüro, Vicki in einer NGO – um Sprache, Land und Leute kennenzulernen. Und wir wollten dem Winter entfliehen." Der Schnee, den Reinfried früher liebte, ist ihm heute nämlich ein Hindernis. Er berührt mit den Händen seine Beine. "Wenn es kalt ist, frieren meine Finger schnell ein und meine Beine werden ganz kalt. Und der Schnee bleibt ständig in den Rädern stecken."

25.000 Kilometer

Für die Reise ließ er sich von seinem Arbeitgeber karenzieren, Victoria nahm eine Auszeit von ihrem Kultur- und Sozialanthropologie-Studium. In Kalifornien, der ersten Station, erstand das Paar einen günstigen 1984er Volvo 240 GL. Dass Victoria damit 25.000 Kilometer fahren wird, wussten die beiden da noch nicht. Aus dem halben Jahr wurde ein ganzes. "Ab der Grenze nach Mexiko war ich keinen Tag mehr ohne Hilfe unterwegs. Ohne Vicki und ihre Zuversicht wäre diese Reise nicht möglich gewesen. Vieles ist an ihr hängen geblieben: die Schlafplatzsuche, das Gepäck ein- und ausräumen, die Autofahrt – ich war nur das Maskottchen." Reinfried Blaha lacht laut. Victoria mit Blick zu ihm: "Nein, wir waren ein Team und beim Autofahren warst du mein Copilot. Bei meinem intuitiven Fahrstil ..."

Unterwegs mit wenig Budget, schlugen sie ihr Zelt überall auf, wo es ging, schliefen auf verlassenen Terrassen von US-amerikanischen Ferienhäusern, nächtigten via Couchsurfing (Onlineplattform, auf der Menschen kostenlos Schlafplätze anbieten, Anm.) oder in Stundenhotels. Letzteres erwies sich als besonders praktisch. "Das klingt komisch, aber die Stundenhotels waren perfekt für uns. Wir konnten mit dem Auto vor die Türe fahren, es gab keine Stufen", sagt Victoria. Wer unkonventionell reist, erlebt Überraschungen. So wachten die beiden oft, nach nächtelanger Schlafplatzsuche, an menschenleeren, paradiesischen Stränden auf. Bei schwachem Wellengang konnten sie gemeinsam ins Wasser. Victoria nahm Reinfried huckepack. Im Wasser erlebten sie unvergessliche Momente. "Uns haben die gemeinsamen Aktivitäten gefehlt, etwa auf einen Vulkan zu wandern. Im Tauchen haben wir etwas gefunden, was barrierefrei und gleichberechtigt ist. Unter Wasser muss jeder die Balance halten, es geht nicht darum, wer schneller ist", sagt die 31-Jährige.

Als ihr Visum in Mexiko nach 180 Tagen ablief, beschlossen sie, weiter zureisen. Zuerst nach Belize, Guatemala, dann nach El Salvador, Honduras und Nicaragua. Zwischendurch bekamen sie Besuch aus Österreich. Victorias Bruder brachte zwei Mal Nachschub an Kathetern, weil der mexikanische Zoll die vorherige Lieferung konfisziert hatte. Reinfried, der sich selbst katheterisieren muss, bekam mehrmals einen Harnwegsinfekt. Victoria erkrankte am Dengue-Fieber, das tödlich sein kann. "Reini konnte mich nicht ins Spital bringen, er konnte ohne mich auch nicht aus dem Zimmer, vor der Türe war Sandwüste."

Nach diesen Strapazen benötigten sie Erholung, oder wie die beiden sagen: "Urlaub vom Reisen." Dann saßen sie in Cafés, dösten in der Hängematte oder besichtigten Kulturschätze der Azteken, Olmeken, Tolteken und Maya. Während Victoria Pyramiden von oben erkundete, zeichnete sie Reinfried von unten. Die Begegnungen mit Einheimischen wogen die Mühen der Reise auf. "Wir lernten viele liebe Menschen kennen, die wenig hatten, aber uns zu sich einluden oder uns in ihrem Garten campieren ließen."

Mr. Silvio

Als ihre Reise in Nicaragua kurz vor dem Ende stand, erwies sich ein 80-Jähriger als Retter in der Not. Mr. Silvio, der sein Leben lang auf Öltankern gearbeitet hat, schweißte das Vorderrad von Reinfrieds defektem Rollstuhl an. "Ich war nicht mehr so wendig, aber wieder mobil und sehr dankbar." Dass sie dennoch nicht weiter gen Süden reisten, lag am alten Volvo, den die Behörden nicht über die Grenze nach Costa Rica ließen. So fuhren sie wieder Richtung Mexiko und flogen nach Hause. Dort ereilte sie ein Kulturschock und eine persönliche Krise. Daran zerbrach ihre Beziehung.

Mittlerweile sind Reinfried und Victoria befreundet und wollen anderen von ihrem Abenteuer erzählen. Ihre Reise bezeichnen beide rückblickend als Lebensschulung. "Man muss seine Bedürfnisse hinterfragen. Fürs Glücklichsein braucht es nicht viel, kein iPhone und auch keine zwei Beine", sagt Reinfried. Und: "Für mich war es wichtig zu erkennen, dass mir niemand sagen kann, wo meine Grenzen liegen. Ich musste sie selbst finden."

Multimediavortrag: Am 15. 5. um 19 Uhr erzählen Reinfried Blaha und Victoria Reitter im Hörsaal A am Campus im Alten AKH von ihrer Reise. Weitere Termine: www.facebook.com/mebeguelhonicopa

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