Leben
08.01.2018

Wie Kinder die Freude am Schnee entdecken

Wenn es schneit, johlt jedes Kind. Der erste Kontakt ist widerlich, aber die Liebe kommt rasch. Schließlich haben Eltern den Ehrgeiz, dem Nachwuchs das Nationalelement näher zu bringen. Ein Erfahrungsbericht.

Früher oder später versuchen fast alle Eltern, ihren Spross mit der Grundlage des österreichischen Selbstbewusstseins bekannt zu machen. Was Ahnungslose "Sport" nennen, ist hierzulande Kulturtechnik, die uns immer wieder in den Größenwahn und die Annahme treibt, dass Österreich unschlagbar wäre.

Also wollen Eltern, dass ihre Kinder Skifahren lernen.

Auch ich. Als Sohn Valentin einundzwanzig Monate alt war, beteuerten mir alle Skischulen, dass dieser Sport erst mit zweieinhalb Jahren funktioniere. Ihre Vehemenz befeuerte mich nur, ich hielt es für eine List der Westösterreicher, die ihnen den Ski-Vorsprung gegenüber Wienern sichern sollte. Ich kramte im Hirn meine alte Reiseweisheit "Glaube nie Einheimischen" hervor und erklärte das Projekt für eröffnet, es übe sich früh, wer einmal ein übermotivierter Fußball-Papa werden will: zeigte Valentin jedes TV-Skirennen, wies subtil darauf hin, wie super Skifahren ist, und erstand 26er-Skischuhe. Sein Interesse blieb überschaubar.

Wenn schon nicht Skifahren, dann wollen Eltern dem Nachwuchs zumindest das fantastische Element Schnee näherbringen, der erste Winter ist wie der erste Weihnachtsbaum. Dabei behilflich ist der Tourismus, auf viele Dreitausender wurden Winter-Wonderländer gesetzt, auf das Kitzsteinhorn wie den Dachstein wie die Zillertaler Berge. Wo Gletscher ist, ist Disneyland – der deutsche Dichter Joachim Ringelnatz lag falsch, als er schrieb: "Der Schnee ist weiß, wo nicht Menschen sind. Der Schnee ist weiß für jedes Kind."

Auf dem Weg zum Skidebüt starrte Valentin auf das weiße Was und durchstapfte es im dicken Overall neugierig wie ein Welpe und unerschrocken wie eine Pistenraupe. Er begutachtete seine Füße, die bei jedem Schritt ein wenig versanken, bei jedem Heben ein wenig Weiß in die Luft wirbelten. Erste Schritte im Schnee verlieren nie an Zauber.

Schneevolution

Ich rate Reiseeltern oft: "Wenn du mit deinem Kind wegfahren willst, plane die Reise genau so, wie du sie ohne Kind planen würdest. Dann halbiere das Programm oder die Strecke bei gleicher Reisedauer." Denn Reisen sind für Kinder immer bloßes Entdecken: Sie fordern Zeit für Details und Menschen, die wir übersehen oder für nicht wichtig erachten. Ein paar Mal entkommt man mit Ablenkungsmanövern, aber ich garantiere, man fragt sich bald: Warum eigentlich? Da sind wir wieder bei dem Spiegel, den uns Kinder vorhalten: Du willst doch auch in das Fremde und Neue eintauchen, also tauche! Das gilt auch im Schnee. Und besonders am Anfang.

Zum ersten Mal überhaupt griff Valentin als Elfmonatiger in den Schnee, hinter der Selbstversorgerhütte, die Basislager für die Entdeckung sein sollte, und vor einer mächtigen Bergkulisse. Hier sollte sich der damals noch krabbelnde Forscher dem Element in angemessenem Tempo nähern können. Der erste Griff in den Schnee war unangenehm. Ein nasser, kalter Stich. Valentin konnte das Weiß nicht fassen, es zerrann in den Händen. Für einen, der erst seit ein paar Monaten greift, ist ziemlich ernüchternd, dass etwas nicht fassbar ist. Ich schaute in ein verständnisloses Gesicht. Warum sind wir hier, warum ist es kalt. Können wir wieder in die Hütte.

Für kleine Kinder zählt beim Reisen das Gefühlte. Die Kaltluftwatschn beim Hinausgehen. Und die Rückkehr, wenn die Kachelofenwärme auf die Backen knallt, die Wärme wieder in den Körper kriecht. Irgendwann verlieben sich dann alle Kinder in den Schnee. Der Unschuld wegen: Nichts darf man werfen, außer den Schneeball. Nie soll man auf seine Nase fallen, außer in den Schnee. Aus sonst nichts lässt sich in wenigen Minuten ein Karottennasen-Valentin bauen.

Ich zog ihn beim Langlaufen auf der Rodel nach. Es gibt eigene Anhänger, deren Gurt man um die eigene Hüfte schnallt. Aber wer langläuft wie ich, zu dem passt kein Profizeug. Andererseits kann man als schlechter Langläufer keine Rodel mit der Hand nachziehen. Kinder finden Schnee übrigens am schönsten, wenn Papas Gesicht sich ungewollt darin vergräbt.

Das Skidebüt war trotz einundzwanzig Monaten erfolgreich. In die Bindung, erster geschobener Meter, Valentin kippte nach hinten, ich richtete ihn auf, hysterisches Lachen. Zehn Minuten ging es hin, her, ein bisschen runter und rauf. Rutschen an meiner Hand, Stehen ganz alleine. Dann reichte es ihm. "Macht ja nix" sagte ich mit schlecht gespielter Leichtigkeit. Weil wenn du das nicht ernst nimmt, kannst du dir den Olympiasieg abschminken, Sohn.

Buchtipp: Alle Skischulen beteuerten, dass der Sport erst mit zweieinhalb Jahren funktioniere. Der motivierte Papa des 21-Monatigen glaubte ihnen nicht. Viele Geschichten und Tipps zum Reisen mit Kind in: „Reisen ist ein Kinderspiel. Wie Valentin seinem Vater die Welt zeigt“ (Amalthea, 23 €)