Leben
14.09.2014

Nackt im Netz: Der neue Online-Exhibitionismus

Einmal nicht aufgepasst, schon landet das Erotik-Video im Netz – das passiert einem Paar im Film "Sex Tape". Wie man Daten schützt und woher die Lust an der nackten Selbstdarstellung kommt.

Annie und Jay sind seit zehn Jahren verheiratet und haben die leidenschaftlichsten Zeiten hinter sich. Um die Routine aus dem elterlichen Schlafzimmer zu vertreiben, wird das Paar erfinderisch: Drei Stunden lang wird auf dem Ehebett jede erdenkliche Sex-Position ausprobiert – und zur Krönung der Lust mit dem iPad aufgenommen. Für magere Zeiten, quasi.

Dumm nur, dass das pikante Video automatisch in die Cloud (siehe unten) geladen wird – und statt dem eingeschlafenen Sexleben den Tratsch im Bekanntenkreis anheizt. Auf das Film-Dokument haben nämlich plötzlich alle Zugriff, denen Technik-Aficionado Jay seine alten iPads geschenkt hat.

Gehackt

Dieses Horrorszenario entstammt zwar einem Film ("Sex Tape" mit Cameron Diaz und Jason Segel, derzeit im Kino), ist aber durchaus realistisch. Diese Erfahrung mussten kürzlich prominente Schauspielerinnen, darunter Jennifer Lawrence und Kirsten Dunst, machen: Hacker hatten ihre privaten Nacktaufnahmen aus der Cloud gestohlen und im Internet verbreitet. Das Mitleid mit den prominenten Opfern hielt sich in Grenzen – selber schuld, so der allgemeine Tenor in den Foren.

Dabei sind es nicht nur Hollywoodstars, die Freude daran haben, sich nackt zu fotografieren – und die Bilder nach Lust und Laune weiterzuschicken. Eine Studie des Pew Research Center ergab, dass 20 Prozent der Erwachsenen in den USA bereits ein Nacktfoto geschickt bekamen. Bei Teenagern waren es sogar 44 Prozent – fast doppelt so viele wie 2012. Laut einer Untersuchung der Purdue-Universität haben 80 Prozent der 21-jährigen Amerikaner nicht jugendfreie Nachrichten oder Bilder versandt oder erhalten.

Verbreitet

Michael Thiel, Psychologe und Medienexperte in Hamburg, erklärt, woher die Lust an der digitalen Enthüllung kommt. "Das ist eine Mischung aus Exhibitionismus und Voyeurismus, aus Stolz auf den eigenen Körper und einer sexuell anregenden Spielform."

Ganz neu ist die erotische Selbstdarstellung nicht. Lange vor der Ära von Smartphones und Social Media wurde die Nacktheit mit Stift oder Pinsel festgehalten und dem Liebsten als Zeichen der Zuneigung geschenkt. Die Gefahr einer ungewollten Verbreitung war wesentlich geringer. Abseits von Künstlerkreisen galt der offene Umgang mit Sexualität als Tabu.

Heute ist die Welt schamloser und nackter, schreibt der Berliner Philosoph Byung-Chul Han im Buch "Transparenzgesellschaft". Alles sei nach außen gekehrt, enthüllt, entkleidet und exponiert. "Jeder stellt sich selbst aus und bekommt dafür Aufmerksamkeit."

Inszeniert

Es ist kein Zufall, dass gerade in der Pubertät viele Nackt-Selfies geschossen werden, sagt Psychologe Thiel. "Jugendliche sind gerade dabei, ihren Körper und ihre Sexualität zu entdecken. Ihr Selbstwertgefühl ist schwankend. Wenn sie sich inszenieren und fotografieren, wie sie sich selbst am schönsten finden, stärkt das ihr Selbstbewusstsein." Von einer Pauschal-Verurteilung hält Thiel nichts. "Das ist eine moderne Form, sich und seine Sexualität zu entdecken. Also eigentlich etwas Positives." Riskant wird’s, wenn die Fotos im Netz landen oder an den Partner geschickt werden. "Im Jugendalter hält die Liebe meist nicht ein Leben lang. Was dann passiert, lässt sich nicht kontrollieren." Mit einem solchen Szenario muss sich derzeit Facebook beschäftigen: Ein Mann erstellte ein Fake-Profil seiner Ex-Freundin und postete dort gefälschte Nacktfotos: Er montierte mittels Bearbeitungsprogramm Portraits seiner Ex auf nackte Frauenkörper. Da der Konzern die Bilder zu spät löschte, fordert sie nun 123 Milliarden Dollar – umgerechnet 10 Cent für jeden der 1,23 Milliarden Facebook-Nutzer, die diese Bilder gesehen haben könnten.

Glossar: Von sexy Schnappschüssen bis Erpresservideos

Sexting (Dirty Talk): Ich zeig dir meins, du zeigst mir deins – so funktioniert’s, wenn sich Jugendliche anzügliche Nachrichten und erotische Selbstbildaufnahmen via Handy oder Chat schicken. Sexting setzt sich zusammen aus Sex und texting (schreiben, chatten, Anm.).

Sextortion (Erpressung): Eine unbekannte Frau nimmt im sozialen Netzwerk Kontakt zu einem jungen Mann auf und vereinbart ein Gespräch via Videotelefon. Vor der Webcam zeigt sie ihren nackten Körper und überredet ihn, sich sexuell zu erregen. Meist steckt dahinter eine Bande, die ein Video aufzeichnet und droht, es zu veröffentlichen, wenn der Mann nicht zahlt.

Revenge Porn (Rache): Wenn jemand (u.a. auch manipulierte) Nacktfotos oder Videos seines Ex-Partners ins Netz stellt oder diese per Mail u. a. an Familie, Freunde oder Kollegen schickt.

Cybergrooming (Verführung): Ein Erwachsener pirscht sich im Internet an Kinder und Jugendliche an und versucht sie zu virtuellen oder realen sexuellen Handlungen zu überreden.

Nützliche Infos für Eltern: www.saferinternet.at

Die wichtigsten Fragen rund ums Speichern in der Cloud

Die Cloud ist nichts anderes als ein ausgelagerter Speicherplatz, auf den via Internetverbindung zugegriffen werden kann. Daher rührt auch die Bezeichnung Cloud, das englische Wort für Wolke. Denn die gespeicherten Daten sind ständig präsent und schweben quasi in der Luft. Es bedeutet, dass Fotos, Musik oder Textdokumente nicht lokal am PC, Smartphone oder Tablet gespeichert werden, sondern auf Festplatten in einem Rechenzentrum. Der große Vorteil daran ist, dass nahezu unbegrenzt Speicherplatz zur Verfügung steht und man von überall aus übers Internet auf seine Daten zugreifen kann. Die beliebtesten und bekanntesten Services für private Nutzer sind Dropbox, Apples iCloud, Google Drive und Microsofts OneDrive. Dabei werden die Daten in der Regel manuell in die Cloud geladen. Bei Smartphones besteht allerdings die Möglichkeit, jedes Foto oder Video, sobald es aufgenommen wurde, automatisch in die jeweilige Cloud zu laden. Wer dies verhindern möchte, sollte sich die Einstellungen seines Smartphones genau ansehen und gegebenenfalls die entsprechende Option deaktivieren.

Wie sicher ist die Cloud?

Große Ansammlungen von Daten sind immer potenzielle Ziele von Angriffen. Allerdings ist davon auszugehen, dass professionelle Dienste besser gegen solche Angriffe gewappnet sind, als der eigene Computer, der am Internet hängt. "Diese Dienste legen sehr großen Wert auf Sicherheit, denn das ist eines ihrer Qualitätsmerkmale", sagt erklärt IT-Rechtsexperte und Vorstandsmitglied derEuroCloud.AustriaÁrpád Geréd im Gespräch mit dem KURIER. Auch für Otmar Lendl, Sicherheitsexperte und Leiter des österreichischen Computer Emergency Response Team (CERT), steht fest, dass seriöse Cloud-Dienste an sich in der Regel sehr gut vor Angriffen geschützt sind.

Passwörter sollte man – nicht nur bei Cloud-Diensten – generell mit Bedacht wählen und regelmäßig ändern. Auch mit persönlichen Daten sollte man immer behutsam umgehen. So kann es durchaus Sinn machen, seine Kreditkartendaten, TAN-Codes für Online-Banking oder ähnlich Vertrauliches nicht so ohne weiteres auf dem mit dem Internet verbundenen Computer zu speichern oder in der Cloud abzulegen.

Können in der Cloud Daten verloren gehen?

Auch wenn es um den Verlust von Daten geht, sind Cloud-Services für gewöhnlich zuverlässiger als der eigene Computer oder das eigene Smartphone. Mobile Geräte wie Laptops oder Smartphones können leicht abhandenkommen und externe Festplatten oder PCs können jederzeit ihren Geist aufgeben. "Dass Daten bei Cloud-Services verloren gehen, gilt als höchst unwahrscheinlich und kaum möglich", erklärt Geréd.

Wie können Daten sicher gespeichert werden?

"Die absolute Sicherheit kann und wird es nicht geben", sagt Lendl. Er rät dazu, vertrauliche Daten auf Datenträgern zu speichern, die nicht mit dem Internet verbunden sind. Außerdem sollte berücksichtigt werden, dass auch USB-Sticks, DVDs, CDs oder externe Festplatten eine begrenzte Lebensdauer haben und jederzeit kaputt werden können. Daher sei es ratsam, Fotos von der Hochzeit, von Kindern oder ähnlich unersetzliche Erinnerungen doppelt und dreifach abzuspeichern und an unterschiedlichen Orten aufzubewahren.

Was passiert mit dem Urheberrecht meiner Fotos, wenn ich sie in die Cloud lade?

Wie IT-Rechtsexperte Geréd erklärt, bleibt das Urheberrecht davon unberührt und wird nicht an den Cloud-Betreiber übertragen. Durch die Nutzung der Cloud akzeptiert man die AGBs des Cloud-Services. In der Regel erlaubt man den Diensten dadurch lediglich, die Fotos zu speichern.