Leben
13.09.2018

Nach dem Gefängnis-Experiment: "Jeder kann ein Held sein"

Nach seinem umstrittenen Gefängnis-Experiment will der Sozialpsychologe Philip Zimbardo jetzt die Welt verbessern.

„Die Szenen waren so schrecklich, dass sie mich verlassen hätte, hätte ich das Experiment nicht abgebrochen“, erzählte kürzlich Philip Zimbardo, emeritierter Stanford-Professor für Psychologie bei einem Vortrag in Wien. „Sie“ ist seine Frau Christina Maslach, die damals ebenfalls Psychologie-Dozentin war und nach nur fünf Tagen erkannte, was der junge Professor nicht wahrhaben wollte: Sein Gefängnis-Experiment war aus dem Ruder gelaufen. Im Keller der Stanford-University wollte Zimbardo 1971 mittels nachgebautem Gefängnis das Sozialverhalten in einer Haftanstalt untersuchen. Die Erkenntnis: Sehr schnell wurden sehr viele Gefängnisaufseher grausam zu den inhaftierten Kommilitonen.

Das „ Stanford Prison Experiment“ ging in die Geschichte ein und wurde mehrmals verfilmt. Dass sein Experiment eskalierte, schreibt Zimbardo heute vor allem dem bewusst geschaffenen negativen Umfeld zu. Der Sozialpsychologe ist sich sicher: Die Umstände entscheiden, ob jemand gut oder böse handelt.

Was passiert, wenn diese positiv verändert werden, versucht er in seinem aktuellen Projekt herauszufinden: Das „Heroic Imagination Project (HIP)“ soll Menschen durch Mitgefühl dazu motivieren, Heldentaten umzusetzen. In seinen Vorträgen beschreibt er unter solchen Taten jene seiner damaligen Lebensgefährtin, die durch den Abbruch des Experiments weitere Grausamkeiten verhindert habe.

Gedanken verändern

Immer wieder schaffen es Helden des Alltags in die Medien. Aus einem Impuls heraus retten sie anderen das Leben, befreien jemanden aus einem U-Bahnschacht oder retten ein Kind vor dem Ertrinken. Was unterscheidet sie von andere Menschen? „Jeder kann ein Held sein, es kommt auf die eigenen Gedanken an“, meint Zimbardo, „und die kann man größtenteils lenken“. Rund um HIP hat er 2010 eine Non-Profit-Organisation gegründet, die durch Vorträge dazu motivieren soll, Zivilcourage zu zeigen.

Mit seinem Konzept richtet sich der ehemalige Professor vor allem an Teenager. In Schulen will er soziale Fähigkeiten fördern und Ausgrenzungen verhindern. Sein Schlüsselwort: Selbstreflexion. So wird in den Vorträgen gelehrt, ein dynamisches Selbstbild zu entwickeln, also zu verstehen, wie Denkmuster durchbrochen werden können. In einer weiteren Einheit werden Stereotype und Vorurteile diskutiert. Damit sollen die Schüler lernen, den Zuschauer-Effekt zu überwinden und ins Handeln zu kommen.

Vom Gefühl zur Tat

„Die meisten Menschen wollen in heiklen Situationen helfen – sie wissen nur nicht, wie“, ist Zimbardo überzeugt. Wovon es abhängt, ob jemand eingreift, erklärt Claus Lamm, Professor für Biologische Psychologie an der Uni Wien: „Man muss zwischen dem Gefühl, etwas tun zu wollen, und der tatsächlichen Tat unterscheiden – Gefühle entstehen schnell, aber entscheidend ist, ob es handlungsleitende Effekte gibt.“ Lamm forscht zu menschlichem Sozialverhalten und weiß, dass es schwer ist, eigene Muster zu durchbrechen. „In einem Sanitäter wird es verankert sein, bei einem Unfall zu helfen, jemand anderes traut sich das aber vielleicht gar nicht zu.“ Zudem spielt das Umfeld eine Rolle. Sind viele Beobachter vor Ort, komme es zu einer Diffusion der Verantwortlichkeit, sprich dem Gedanken, „die anderen sollen sich darum kümmern“.

Neben dem Wissen über die eigenen Fähigkeiten ist das Näheverhältnis zur hilfsbedürftigen Person und die jeweilige Gruppendynamik entscheidend dafür, wie jemand im Ernstfall agiert. Letztere spielt für Teenager eine große Rolle, das zeigt auch der jüngst bekannt gewordene Vorfall an einer burgenländischen Schule: Nachdem sie „Die Welle“ im Unterricht angeschaut hatten, haben einige 13- bis 15-jährige Schüler in der Pause das faschistoide Szenario aus dem Film nachgespielt. Dass solche Ereignisse nur durch Selbstreflexion verhindert werden können, bezweifelt Lamm: „Das soziale Zugehörigkeitsgefühl ist im Pubertätsalter extrem wichtig. Als Außenseiter betrachtet zu werden, hat einen starken Effekt auf das Individuum.“

Das HIP-Projekt stuft der Wiener Psychologieprofessor dennoch als sinnvoll ein: „Wenn man Jugendliche oder auch Erwachsene dazu bringt, zu reflektieren, warum sie so handeln, wie sie handeln und ob sie das ändern können, dann ist das positiv zu sehen.“ Diese Verantwortlichkeit kann aber nicht nur bei der Schule liegen: „In der Familie, in der Erziehung und im gesamtgesellschaftlichen Diskurs muss einiges passieren.“