Leben
29.08.2017

Die Psychologie hinter der Kunst des Lügens

Es passiert nicht nur Leichtgläubigen, wahre Betrüger finden bei jedem Schwachstellen.

Hochstapler sind böse, gewissenlose Menschen mit schlimmen Absichten – wenn dem so wäre, wäre das Leben erheblich einfacher. Wir würden die bösen Buben sofort erkennen. Aber in Wirklichkeit ist es weit vertrackter, schreibt Maria Konnikova in ihrem neuen Buch "Täuschend echt und glatt gelogen". Die US-Psychologin durchleuchtet auf 300 Seiten die Kunst des Betrugs.

Es passiert nur den anderen, den Leichtgläubigen und Gierigen, aber niemals uns: Onlinediebstahl, Anlagebetrug, Abzockerei. Irrtum! Wahre Betrugskünstler finden bei jedem die Schwachstelle. Ob Schneeballsysteme oder Kunstfälschung, getürkte Doktortitel oder Investitionslügen: Immer geht es um Vertrauen, um die Kunst, andere etwas glauben zu lassen. "Der ,confidence artist’ begeht keine Schwerverbrechen. Seine Kunst ist eine Übung in Sozialkompetenz: Vertrauen, Sympathie, Überredung. Der wahre Hochstapler zwingt uns nicht, irgendetwas zu tun, er macht uns zum Komplizen. Er stiehlt nicht, wir geben", analysiert Konnikova. Freiwillig. "Wir glauben ihm, weil wir glauben wollen."

Opfer erkennen

Der Betrug beginnt mit der Anwendung elementarer psychologischer Regeln. Aus dem Blickwinkel des Betrügers geht es darum, das Opfer zunächst zu erkennen: Wer ist es, was will es, und wie kann ich mir seine Wünsche zunutze machen, um zu erreichen, was ich will? Der Clou: Die besten Betrügereien bleiben unentdeckt, wir merken nicht einmal, dass wir hereingefallen sind. Die Psychologin und Journalistin im Interview.

KURIER: Es gibt viele Betrüger in Ihrem Buch. Was ist mit Donald Trump?Konnikova:(Lacht.) Ich habe das Buch vor der Inauguration von Trump geschrieben. Als er dann aber Präsident wurde, habe ich gedacht: Oh mein Gott, er erfüllt alle Charakteristika eines Betrügers. Und die Menschen, die ihn wählen, erfüllen alle Eigenschaften der Opfer von Betrügern. Das ist verrückt, das ist die Person, die dein Vertrauen missbraucht hat, und die Opfer nehmen sie in Schutz.

Sie werden ihn ein zweites Mal wählen?

Genau.

Was braucht man, um als Betrüger erfolgreich zu sein? Sie nennen es die "dunkle Triade".

Hochstapler sind charismatische Persönlichkeiten, die du gerne als beste Freunde haben möchtest. Nicht alle haben alle drei Eigenschaften der "dunklen Triade". Aber alle haben eine: Machiavellistische Ansätze. Das bedeutet, sie bringen Leute dazu, das zu tun, was sie wollen. Und die denken, es war ihre eigene Idee.

Viele Betrüger haben auch ein übergroßes Ego und glauben, dass sie einfach alles verdienen. Und zwar‚ mehr als jeder andere. Sie denken: "Ich bin besser als Leute, die einen Doktortitel haben. Drum nehme ich mir den Titel, denn ich verdiene ihn." Sie betreiben Identitätsdiebstahl und fühlen keine Schuld, kein Bedauern für ihre Opfer. Sie rechtfertigen alles. Das ist die zweite prägende Eigenschaft von Betrügern: Narzissmus, dieses übertriebene Ego, sie denken, sie sind das Beste, was jemals passiert ist.

Die dritte Eigenschaft ist Psychopathie, die Unfähigkeit, Emotionen in der Weise zu fühlen, wie normale Menschen es tun. Es handelt sich um einen Mangel an Einfühlungsvermögen. Das Gehirn von Betrügern verarbeitet emotionale Reize anders.

Gibt es Menschen, die eher auf Betrüger hereinfallen als andere?

Ja, Menschen, die sich in Lebenskrisen befinden, sind die besten Opfer. Wenn sich Dinge in unserem Leben ändern, bedeutet das Unsicherheit und das mögen Menschen nicht. Scheidungen, Geburten, Heirat, eine neue Stadt, Jobverlust oder ein neuer Job – das macht verwundbar. Betrüger geben den Menschen Sicherheit – scheinbar. Sie erkennen, dass man etwas braucht und geben es.

Fühlen sie das instinktiv?

Ja, sie halten danach Ausschau. Früher hatten es Betrüger viel schwerer, denn es gab keine sozialen Medien. Heute ist es ganz leicht, weil jeder alles auf Facebook schreibt. Und Betrüger verwenden diese Informationen.

In Ihrem Buch schreiben Sie über viele Betrüger, welcher ist für Sie der bemerkenswerteste?

Der, mit dem ich das Buch beginne – Ferdinand Waldo Demara, weil er über viele Jahrzehnte so viele verschiedene Menschen imitierte. Mehr als 30, wie wir heute wissen. Ärzte, Ingenieure, der Typ begründete auch eine Sekte. Dabei hat er die High School nie abgeschlossen. Er war ein furchtbarer Charakter, der Menschen in Lebensgefahr brachte. Besonders als er sich als Chirurg ausgab, und das ohne jede Ausbildung. Er brachte nämlich, die Navy dazu, ihm ein ganzes Schiff voller Menschen zu überlassen. Und dort hat er tatsächlich Operationen durchgeführt. Er war in Talkshows und konnte trotzdem weitermachen. Es ist also nicht so, dass die Leute nicht wussten, was und wer er war. Sie wollen es nicht wahrhaben. Wenn der Betrüger gut ist, sehen wir es nicht kommen. Ferdinand Waldo Demara vereinte alle Eigenschaften eine Hochstaplers.

Sie haben nicht nur die Lebensgeschichten von Betrügern recherchiert, sondern einige getroffen?

Als ich mit ihnen sprach, war es vorbei mit der Objektivität. Mir passierte dasselbe wie allen anderen, weil sie so gut, so charismatisch sind. Es ist nicht nur das, was sie sagen, sondern wie sie es sagen. Sie interessieren sich für dich, sie wissen viel über dich. Ich war überrascht, wie gut sie ihre Hausaufgaben gemacht hatten. Ich war eine Journalistin, die sie interviewte, und sie sprachen mit mir über mein erstes Buch oder über einen Artikel. Sie haben tatsächlich Hintergrundforschung über mich gemacht. Sie sagen: "Du hast so gute Arbeit geleistet." – Das ist schmeichelhaft.

Du fängst wirklich an, dich mit ihnen zu identifizieren und zu denken: "Oh, sie sind wirklich nicht so schlimm." Sie haben Ausreden für alles, was sie getan haben. Und du fängst an, sie auch zu entschuldigen. Da erkannte ich, dass ich mit den Opfern reden musste.

Warum ist es so schwer, Lügen zu erkennen, wie kann man sich wappnen?

Es ist wirklich schwierig, weil wir eher darauf ausgerichtet sind, Menschen zu vertrauen. Schon Säuglinge und Kleinkinder müssen darauf vertrauen, dass Erwachsene sich um sie kümmern werden.

Es gibt so viel Betrug, weil wir betrogen werden wollen. Wir wollen Märchen und Lügen glauben. Und in Wahrheit ist niemand ein so guter Mensch wie er denkt. Wir selbst lügen auch von Kindesbeinen an. Und in jedem von uns steckt ein kleiner Betrüger. Als ich mit dem Buch fertig war, ging ich durch eine Periode, in der ich der ganzen Menschheit wirklich misstraute.Die Grenze zwischen Betrügern und, sagen wir, guten Verkäufern ist also eine fließende, oder?

Ja, es ist eine dünne Linie zwischen Betrügern und guten Vermarktern, guten Politikern, guten Anwälten, und es gibt so viele Berufe, die diese Art von Technik die ganze Zeit verwenden.

Erstaunlich ist auch, wie selten Hochstapler auffliegen.Das liegt daran, dass die Leute ihre Reputationen über alles schätzen und nur sehr ungern zugeben, dass sie auf einen Betrüger herein gefallen sind. Sie glauben viel lieber, dass sie ein Opfer des Unglücks waren. Unsere Selbsttäuschung ist unglaublich mächtig, und dieser Schutzmechanismus, sorgt dafür, dass wir uns im bestmöglichen Licht sehen. Es ist verrückt: Da ist eine Person, die dein Geld genommen und dein Vertrauen missbraucht hat, und die Opfer nehmen sie in Schutz. Es gibt Fälle, da haben Opfer den Anwalt für den Betrüger bezahlt, weil sie nicht glauben wollten, dass sie einem Hochstapler aufgesessen sind.

Wurden Sie auch schon einmal das Opfer eines Betrügers?

Ehrlich: Ich weiß es nicht.