Leben
04.04.2018

Nach #deletefacebook: Warum Österreicher Facebook verlassen

"Nur noch Memes und Katzenvideos" - die Sorge um Datensicherheit spielt keine große Rolle.

Der 24. April ist der Stichtag für Sophie Geiblinger: An diesem Datum wird die 27-Jährige nach knapp zehnjähriger Mitgliedschaft dem größten sozialen Medium Adieu sagen. "Mir fiel auf, dass ich nur noch stupide herumscrolle. Facebook bietet mir nichts Relevantes, das ich nicht auch auf anderen Plattformen finde", sagt die selbstständige Lektorin.

Angst um ihre Daten, ausgelöst durch den jüngsten Skandal, war nicht ausschlaggebend für den Ausstieg – schließlich nutze sie mit Whatsapp und Instagram täglich Portale, die zum Facebook-Konzern gehören. "Mir wurde einfach bewusst, wie viel Zeit Facebook raubt, ohne etwas zurückzugeben. Ich erhoffe mir, dass mein Medienkonsum wieder bewusster wird und ich mir Neuigkeiten wieder gezielter von einzelnen Medien hole, auf deren Seiten ich zum jetzigen Zeitpunkt eher durch Facebook komme." Am 24. April findet ein Event statt, das sie auf Facebook betreut, daher kann sie sich erst danach abmelden. Eines weiß sie schon jetzt: "Ich kann den Tag kaum erwarten. Was mich allerdings nicht daran hindert, es mehrmals täglich zu benutzen. Die Gewohnheit ist einfach zu groß. "

Es ist kompliziert

Seit dem Datenmissbrauchsskandal der Analysefirma Cambridge Analytica und dem öffentlichen Aufruf zum Facebook-Boykott von Whatsapp-Mitgründer Brian Acton unter dem Schlagwort #deletefacebook (lösch Facebook) scheint sich ein gewisser Frust über den Social-Media-Giganten breitzumachen. Es gibt keine offizielle Statistik, wie viele der 3,4 Millionen österreichischen Facebook-Nutzer im Zuge der jüngsten Ereignisse tatsächlich den virtuellen Hut draufhauen. Gefühlt häufen sich die Fallbeispiele – so wie jenes von Katharina Lattermann, Marketingmanagerin beim Konzertveranstalter LSK. Die 37-Jährige beschloss kürzlich, privat "leiser zu treten": "Ich habe immer schon einen Monat im Jahr Facebook-frei gemacht. Jetzt habe ich gesehen, dass mir das immer schwerer fällt. Dass ich schon vor dem ersten Tee nachschaue, was es Neues gibt. Ich will nicht, dass irgendetwas mich so in der Hand hat. Es ist wie mit Zigaretten oder Alkohol." Beruflich muss Lattermann Facebook weiter nutzen: „Das geht im Marketing nicht anders, außerdem habe ich ja viele Freude auf Facebook, die unsere Veranstaltungen interessieren.“ Wobei, so ehrlich ist sie: „Das wird natürlich weniger werden, denn wenn man privat nicht mehr so aktiv ist, kommt der Content weniger an. Es ist wie bei einem Stammtisch: Wenn ich nur alle paar Jahre dort vorbeischaue, wird mir auch keiner beim Umzug helfe, wenn ich danach frage.“

Mangelnde Datensicherheit ist auch für sie nicht der springende Punkt. "Facebook auf meine Daten aufpassen zu lassen wäre ja, wie wenn ich meinen Hund auf Knochen aufpassen lasse. Ich habe prinzipiell immer nur Fotos und Dinge gepostet, die nicht heikel sind.“ Das Netzwerk sei "einfach immer uninteressanter" geworden. "Früher war es lustig, man sah Freunde und blieb informiert. In den vergangenen Jahren wurden es immer mehr Werbungen und Veranstaltungen."

Karim-Patrick Bannour, Gründer der Social-Media-Agentur viermalvier.at, freut das: Er hilft Unternehmen dabei, via Facebook möglichst viele potenzielle Kunden zu erreichen. Bis jetzt habe keine Firma den Wunsch geäußert, sich von Facebook zurückzuziehen (so, wie es etwa die deutsche Commerzbank angekündigt hat). Jedoch beobachtet der Social-Media-Experte eine Verschiebung der Zielgruppen, von den Elf- bis 17-Jährigen nutzen nur noch 48 Prozent Facebook – "sie lieben Instagram, YouTube und Whatsapp. Die Daten bleiben dem Konzern letztlich erhalten". Bannour ortet einen Trend zu geschlossenen Chaträumen: "User teilen und schreiben weniger, sie wollen sich weniger öffentlich präsentieren. Stattdessen vernetzt man sich thematisch, in Gruppen oder via Whatsapp."

Clemens Raitmayr, 21, kann das vollinhaltlich unterschreiben. Der BWL-Student hat sein Facebook-Profil brach gelegt, als seine Eltern dort aufgetaucht sind; seitdem konzentriert sich seine digitale Kommunikation auf Whatsapp, Instagram und Snapchat. "Dort gibt es weniger Spam und Werbung. Mit meinen Daten hat das nichts zu tun, man gibt bei der Facebook-Anmeldung ja sein Einverständnis ab." Facebook habe für ihn die Sinnhaftigkeit verloren: "In meinem Newsfeed finde ich nur noch Memes und Videos, in denen sich Katzen vor Gurken fürchten. Ich verbringe meine Zeit lieber anders, als mich dümmer machen zu lassen."