Leben
18.06.2018

Mutter über online-spielsüchtigen Sohn: "Gibt da draußen keine Welt mehr"

Die Frau aus North London berichtet, dass sich ihr Teenagersohn komplett von der Familie isoliert habe.

Die Weltgesundheitsorganisation ( WHO) nimmt exzessives Computer- oder Videospielen in ihren Katalog von psychischen Krankheiten auf. Gaming Disorder oder Online-Spielsucht scheint in dem am 18. Juni erscheinenden Verzeichnis hinter Glücksspielsucht auf. Unter Wissenschaftern ist die Aufnahme umstritten.

Kendal Parmar, eine fünffache Mutter aus North London, hat mit dem Telegraph über die Online-Spielsucht ihres Teenagersohnes gesprochen. Sie hatte zuvor drei Jahre lang dafür gekämpft, dass diese vom Nationalen Gesundheitsdienst (NHS), dem staatlichen Gesundheitssystem in Großbritannien und Irland, offiziell als eine solche anerkannt wird.

Laut Parmar sei es ein Kampf gewesen, ihren 15-jährigen Sohn dabei zu beobachten, wie dieser immer tiefer in die Online-Spielsucht schlitterte. Bevor sie sein ganzes Leben beherrschte, sei er ein begeisterter Rugby- und Cricket-Spieler gewesen. "Jeden Moment, in dem er wach ist, will er spielen", erzählte sie dem Telegraph. "Es gibt da draußen keine Welt mehr. Es ist völlig einnehmend."

Durch die Klassifizierung der WHO sollen Betroffene nun die Möglichkeit bekommen, ihre Online-Spielsucht kostenlos behandeln lassen zu können.

Vitamin D-Mangel

Bei Kendal Parmars Sohn ist die Sucht so stark, dass er deswegen sogar acht Wochen ins Krankenhaus eingeliefert worden war, "weil er nicht mehr funktionierte". "Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht", sagte sie. Dort sei beispielsweise sein Mangel an Vitamin D behandelt worden. Ein Resultat davon, dass er sich kaum mehr draußen aufhält.

Sie habe versucht, die Abhängigkeit ihres Sohnes zu reduzieren, indem sie seine digitalen Geräte konfiszierte und in einem Safe in ihrem Schlafzimmer aufbewahrte. Doch der wusste, wie er ihre Sicherheitsmaßnahme umgehen konnte und wurde aggressiv, wenn er sein Handy oder seinen Computer nicht finden konnte.

Besonders hart sei für Parmar die Isolation ihres Sohnes vom Rest der Familie. "Er hat sich in unserem eigenen Haus entfremdet", erzählte sie. "Wir fühlen uns unsichtbar für ihn. Wir haben ihn verloren … obwohl wir wissen, dass er da ist."

Flucht aus dem eigenen Leben

Laut Angaben des Wiener Anton Proksch Instituts (API), Österreichs größte stationäre Einrichtung für Suchtkranke, seien hierzulande schätzungsweise ein bis zwei Prozent der Bevölkerung süchtig nach Online-Spielen. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um junge Männer. Bei den 15- bis 18-Jährigen liege die Zahl der Betroffenen vermutlich sogar bei vier Prozent. Darum begrüßt man die Aufnahme in den Katalog natürlich, "weil es die Akzeptanz von Online-Gaming als Krankheit fördert und im besten Fall auch die Bereitschaft der Betroffenen erhöht, sich in Therapie zu begeben", sagte Roland Mader, API-Experte für Online-Suche vergangene Woche zur APA. Er erklärte auch die Hintergründe, die zum übermäßigen Computerspielen führen können: "Es geht hier um Eskapismus, um eine Flucht aus dem eigenen Leben."