Im Februar präsentierte Madeline Stuart in Manhattan ihr Modelabel „21 Reasons Why“ – eine Anspielung auf Trisomie 21

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Vorbilder
03/14/2017

Träumen trotz Trisomie 21: Sie schaffen das

Model, Moderatorin, Schauspieler - diese Menschen ließen sich keine Grenzen setzen.

von Julia Pfligl

Heute Abend um 20:35 Uhr geht Mélanies großer Traum endlich in Erfüllung: Die 21-Jährige darf im französischen Fernsehen das Wetter ansagen. Der öffentlich-rechtliche Sender France 2 machte ihr ein Angebot, nachdem sie auf ihrer Facebook-Seite "Mélanie peut le faire" (Mélanie schafft das) mehr als 100.000 Likes gesammelt hatte – mittlerweile sind es sogar mehr als 200.000. "Ich bin anders, aber ich möchte der Welt zeigen, dass ich viele Dinge machen kann", schreibt sie dort.

Denn Mélanie Ségard ist keine gewöhnliche Moderatorin: Die Französin lebt mit dem Downsyndrom – und stellt somit das gängige Bild der groß gewachsenen, schlanken und makellosen Wetterlady gehörig auf den Kopf. Die Aktion soll Menschen mit Downsyndrom "sichtbar machen", heißt es vom Verein Unapei, der Mélanie bei ihrer ungewöhnlichen Mission unterstützt hat. Denn: "Das sind Menschen, die trotz ihrer Handicaps Talente haben."

Die Deutsche Carina Kühne ist das Scheinwerferlicht schon gewohnt. Auf ihrem Blog berichtet sie über ihre große Leidenschaft: die Schauspielerei. 2014 spielte sie im preisgekrönten TV-Film "Be my Baby" sogar die Hauptrolle. Darin geht es um eine Frau mit Downsyndrom, die sich ein Kind wünscht. Dass Ségard die erste Wettermoderatorin mit Trisomie 21 wird, findet Kühne gut. Aber: "Es sollte nichts Besonderes, sondern selbstverständlich sein. Menschen mit Downsyndrom gehören dazu und sollten in allen Bereichen miteinbezogen werden."

Nicht vergleichen

Auch Maria Grossauer vom Verein Downsyndrom Österreich freut sich über Mélanie Ségards Auftritt. "Es ist immer gut, wenn mit einer positiven Geschichte mediale Aufmerksamkeit erzeugt wird", sagt die Mutter eines neunjährigen Buben, der ebenfalls mit der Chromosomenstörung lebt.

Die junge Französin Ségard ist nicht die Einzige, die mit ihrem Handicap vor den Vorhang tritt: Die Australierin Madeline Stuart lief vergangenes Jahr bei der New Yorker Fashion Week über den Laufsteg, heuer präsentierte sie ebendort ihre eigene Modekollektion. Ein Vorbild für viele ist der 42-jährige Spanier Pablo Pineda, der als erster Mensch mit Downsyndrom ein Hochschulstudium abschloss und 2009 in einem Film über sein Leben die Hauptrolle spielte.

"Menschen wie Pineda sind natürlich die absolute Ausnahme, er ist sozusagen der Hochbegabte unter den Menschen mit Downsyndrom", betont Grossauer. "Seine Geschichte zeigt aber, was möglich ist und sein kann." Medizinisch gesehen gibt es keine schweren und leichten Formen der Trisomie 21 – von durchschnittlich begabt bis schwer geistig behindert ist alles möglich. Umso wichtiger sei es, sein Kind nicht mit anderen zu vergleichen, sagt Grossauer. "Es ist wie bei Kindern ohne Downsyndrom: Da gibt es auch viele, die keine Matura machen können. Als Eltern muss man sich natürlich davor hüten, zu sagen, mein Kind muss so werden wie Pablo Pineda. Man darf sein Kind nur mit sich selbst vergleichen – nur dann sieht man, welche enormen Fortschritte es macht."

Weil das Bild von Menschen mit Downsyndrom immer noch negativ geprägt ist, hätten diese "Ausreißer nach oben" aber durchaus ihre Berechtigung, meint Grossauer. "Es ist gut, wenn das Bild zurecht gerückt wird."

Denn in der Realität haben beeinträchtigte Erwachsene am Arbeitsmarkt immer noch schlechte Chancen – obwohl heimische Firmen ab 25 Mitarbeitern verpflichtet sind, eine Person mit Behinderung einzustellen. "80 Prozent zahlen lieber die Taxe", bedauert sie. "Momentan haben jene die besten Chancen, deren Eltern ein Netzwerk haben und für sie kämpfen. Dabei würden Firmen einen ehrlichen Mitarbeiter bekommen, der für ein positives Betriebsklima sorgt. Motiviertere Mitarbeiter als Menschen mit Downsyndrom habe ich noch nie gesehen."

Auch Carina Kühne hat eine Botschaft: "Last euch nicht einreden, dass ihr etwas nicht könnt. Menschen mit Downsyndrom können viel leisten. Vergesst nicht, wir haben die gleichen Wünsche und Bedürfnisse wie alle anderen Menschen auch."

Trisomie 21

Statt 46 Chromosomen haben Menschen mit Downsyndrom 47 – das 21. Chromosom ist dreifach statt doppelt vorhanden. Daher spricht man auch von "Trisomie 21". Dies geschieht nicht durch Vererbung, sondern durch Zufall.

Weltweit kommt jedes 700.bis 800. Baby damit zur Welt. Die körperliche Entwicklung verläuft langsamer, häufig kommt es zu Infektanfälligkeit und/oder Fehlfunktionen der Schilddrüse.

Wie bei allen Kindern ist bei der Geburt das spätere Potenzial nicht vorhersagbar. Auch Kinder mit Downsyndrom haben unterschiedliche Talente, vor allem soziale. Für Erwachsene ist – mit Unterstützung – oft sogar ein zum Teil selbstständiges Leben möglich, etwa in einer betreuten WG und mit Assistenz am Arbeitsmarkt.

Fanny, die Redakteurin mit dem gewissen Extra

Jeden Morgen, kurz vor 10:00 Uhr, betritt Fanny das KURIER-Gebäude. Sie fährt mit dem Aufzug in den fünften Stock, setzt sich an ihren Computer und sucht im Internet nach Geschichten, die sie in einfache Sprache übersetzen kann – ohne Fremdwörter, mit kurzen Sätzen, klar und leicht verständlich. Damit auch Menschen mit Lernschwierigkeiten die Nachrichten verfolgen können.

So wie Fanny selbst: Die 21-Jährige hat das Downsyndrom, ihr "gewisses Extra", wie sie sagt. Seit Oktober 2015 arbeitet sie in der Inklusiven Lehrredaktion des KURIER, ein Integrationsprojekt von "Jugend am Werk" (finanziert vom Fond soziales Wien), das junge Menschen mit Beeinträchtigungen auf das Berufsleben vorbereitet. Unter der Anleitung von zwei Pädagoginnen sowie den KURIER-Journalisten Hubert Huber und Heinz Wagner verfassen die sechs Teilnehmer pro Woche ca. 20 Online-Meldungen in einfacher Sprache.

Diesen Monat ist Fanny für die Ressorts Chronik und Sport zuständig. "Am meisten interessiere ich mich aber für Kultur und Lifestyle", erzählt die Wienerin. Wenn sie ein Wort in einem Artikel nicht versteht, schlägt sie es nach und sucht nach einer verständlichen Erklärung. Fanny liest gerne, doch vor allem Artikel aus dem Politik- oder Wirtschaftsressort sind für die kluge Frau oft schwer zu verstehen. "Deshalb ist es wichtig, dass es die einfache Sprache gibt. Nicht nur für Menschen wie mich, sondern zum Beispiel auch für Menschen, die auf der Flucht waren", sagt sie.

Als Berufsausbildung zum Journalisten ist die Lehrredaktion nicht gedacht. Aber Fanny will ohnehin nicht ihr Leben lang in einer Redaktion arbeiten – sondern lieber in einem Kindergarten.

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