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Leben
11/01/2019

Umgang mit dem Tod: Warum wir einen Letzte-Hilfe-Kurs brauchen

Muss man Trauernde mit Worten trösten? Was ist das Leichentabu? Was hilft Hinterbliebenen wirklich? Ein "Thanatologe" klärt auf.

von Gabriele Kuhn

Der Tod ist groß – wenn er ins Leben tritt, sind die Hinterbliebenen schmerzerfüllt und hilflos. Doch was können Mitmenschen in solchen Momenten tun? Das versucht der Thanatologe und Notfallpsychologe Martin Prein in seinen „Letzte-Hilfe-Kursen“ zu vermitteln. Darüber hat er nun auch ein Buch geschrieben. Im KURIER-Interview spricht er über den „Mythos Leichnam“, Momente der Sprachlosigkeit und die Angst vor dem eigenen Ableben.

KURIER: Sie bieten „Letzte-Hilfe-Kurse“ an – was genau ist das?

Martin Prein: Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens, etwa rund um die Führerscheinprüfung, einen Erste-Hilfe-Kurs. Das ist wichtig. Wir alle kommen aber irgendwann einmal auch mit dem Tod in Berührung, im näheren oder weiteren Umfeld. Es kann die Kollegin sein, der beste Freund, die Nachbarin – damit umgehen zu können, kann nicht schaden. Weil wir auf diese Weise zu mehr Selbstbestimmung kommen, für Betroffene ein so genanntes Hilfs-Ich sein können. Wir lernen, einfach nur da zu sein und die Situation auszuhalten. Wenn wir in einer aufgeklärten Gesellschaft leben, muss man sich einmal damit befasst haben, finde ich.

Das heißt, jeder braucht so einen Kurs? 

Natürlich. Er ist längst nicht mehr nur für bestimmte Berufsgruppen und direkte Betroffene gedacht, sondern für alle. Mittlerweile sitzen in meinen Seminaren und Vorträge Menschen von 20 bis 80 drin, von der Polizistin zur Hausfrau, vom Pensionisten zum Tischler.

Weil der Tod ein Thema ist - so lautet der Untertitel Ihres Buchs.

Paul Watzlawick hat gesagt: Man kann nicht nicht kommunizieren. Ähnlich ist es mit dem Tod, er kann nicht nicht ein Thema werden. Der Tod ist immer da, im näheren oder weiteren Umfeld. Diese Säulen bedient der Kurs – ob man jetzt selbst betroffen ist, oder eben Mitmenschen. Da schauen wir uns an, was wir füreinander tun können.

Wie kam es dazu, dass Sie den Tod und das Sterben zu Ihrem Beruf gemacht haben?

Das war nicht geplant, ich habe schon viel gemacht. Ich bin LKW gefahren und Reisebus, ich habe nach der Schule Rauchfangkehrer gelernt. Vom 17. Lebensjahr an war ich ehrenamtlicher Sanitäter beim Roten Kreuz, dort habe ich dann auch eine Ausbildung zum Thema Krisenintervention gemacht. Im Rahmen dieser Tätigkeit ist man sehr häufig mit solchen Situationen konfrontiert. Dann fährt man zu einem Einsatz und da ist der Verstorbene, und dort sind die orientierungslosen Angehörigen. Da steht man vor der Aufgabe, das alles halten und aushalten zu müssen. Ich habe mir auch viele Gedanken darüber gemacht, was mit dem Verstorbenen, was mit den Hinterbliebenen in den nächsten Tagen passiert. So ist das mehr und mehr in meinen Blick gerückt.

Und dann sind Sie Bestatter geworden?

Genau. Ich bin in Linz einfach in ein Bestattungsinstitut gegangen und habe gefragt, wie man Bestatter wird. Die meinten, das macht man einfach, Ausbildung in dem Sinn gibt es nicht. Ich habe gefragt, ob ich anfangen kann und die haben tatsächlich jemanden gesucht. Ich wusste aber, dass ich einmal ganz was anderes tun möchte, nämlich Psychologie studieren. Während des Studiums habe ich weiterhin als Bestatter gearbeitet.

Im Rahmen dieser Tätigkeit hat sich vieles aufgetan. Ich habe begonnen, bestimmte Berufsgruppen – Pflege- und Einsatzkräfte, zum Beispiel – einzuladen. Gerade diese Menschen hatten oft Probleme mit den Bestattern, da war so eine vorsichtige Distanz, wenn wir wo auftauchten: die komischen Typen, die die Toten holen. Dem wollte ich entgegenwirken. Daraus sind Tagesseminare für Berufsgruppen entstanden. Schließlich haben sich auch andere Menschen dafür interessiert. So entstand der „Letzte Hilfe-Kurs“.

Sie schreiben ausführlich über den Mythos des Leichentabus. Was meinen Sie damit?

Es ist interessant, welche Wirkmacht von einem toten Körper ausgeht. Und was der tote Körper mit den Lebenden macht. Weil er uns etwa vor dieses Memento mori stellt, dieses Bewusstsein, dass man selbst sterben wird. Oder wenn ich einen toten Körper anschaue, es nicht fassbar ist, was hier eingetreten ist, was jetzt nicht mehr da ist, was vorhin noch da war. Das macht alles etwas mit uns. Obwohl, rein objektiv betrachtet, vom toten Körper gar nichts ausgeht. Wir projizieren das hinein, das sagt viel über unser Innenleben aus.  Vieles im Letzten-Hilfe-Kurs wäre ohne das Verständnis des Leichentabus nicht denkbar.

Es heißt oft, wenn jemand stirbt, ist das natürlich und früher war’s noch natürlicher. So ist das nicht. Gerade früher hatte das Leichentabu Hochkonjunktur. Sie finden hunderte Omas, die bestätigen werden, dass eine Schwangere einen Toten nicht einmal ansehen durfte. Der Volksglauben war voll mit diesen Ideen und Mythen. Das ist heute auch noch da. Wir spüren es aber nicht mehr so, weil heute in Institutionen gestorben wird und wir mit den Toten nicht mehr so oft direkt konfrontiert sind.

Sie versuchen aufzuklären und dieses Tabu zu entmystifizieren?

Nun, ich sage nicht, dass das alles nicht sein darf und versuche auch nicht, den Menschen etwas auszureden. Das sind Dimensionen, die sehr tiefe Seelenschichten in uns berühren und damit auch unsere Todesangst – das ist eben so. Natürlich erlebt das nicht jeder, manche erleben nur Ruhe, Stille, Frieden. Doch das ist oft nur eine Seite der Ambivalenz. Die direkte Begegnung mit dem Tod ist immer hochambivalent. Da ist Beides beieinander – unrein und gefährlich sowie heilig und geweiht. Daher geht es vor allem darum, zu verstehen, warum es uns beim Anblick eines Toten so geht und dass diese Empfindungen sein dürfen. Auch deshalb, weil das alles unsere Abschiedskultur beeinflusst.

Inwiefern?

Das Leichentabu ist mit ein – unbewusster – Grund, weshalb das leibliche Sich-Verabschieden seitens der Hinterbliebenen nicht mehr stattfindet. Es kann aber wichtig sein, sich vom Toten zu verabschieden, das ist individuell zu betrachten. Wir sagen nicht, dass das jeder tun sollte, das ist eine sensible Angelegenheit.

Das heißt, es gibt kein Pauschalrezept?

Nein, sowieso nicht. Mir geht es einfach darum, dass Menschen eingeladen werden sollen, es zu tun – vor allem aber sollten sie in die Lage versetzt werden, es selbst entscheiden zu können, ob sie es wollen oder nicht. Da können wir als normale Mitmenschen, als Nachbarin, Kollegin, beste Freundin sehr viel füreinander tun.

Der Schmerz der Hinterbliebenen löst oft Hilflosigkeit aus. Man weiß gar nicht, was man sagen soll.

Ja, und das darf auch so sein – denn natürlich fühlt man sich in solchen Momenten hilf- und sprachlos. Wir dürfen das ausdrücken, den Betroffenen gegenüber. Weil wir in so einen großen Druck kommen, das Richtige sagen zu müssen, etwas Tröstendes, etwas Kluges. Doch manchmal fühlen sich die Betroffenen gerade dadurch nicht verstanden oder wertgeschätzt, wenn es heißt: „Wird schon wieder“ oder „Das Leben geht weiter“. Wie es den Hinterbliebenen gerade geht, das will gewürdigt werden.  Wir brauchen in diesen Begegnungen keine Heldinnen und Helden, sondern demütige Menschen, die sich mit Hochachtung dem Leid und dem Erleben der Betroffenen zuwenden oder einfach nur da sein können.

Setzen Sie sich auch mit Ihrem eigenen Tod auseinander?

Ich beschäftige mich intensiv auf einer geisteswissenschaftlichen Ebene mit diesem Thema, dabei treiben mich oft ganz andere Fragen um. Etwa, was wir mit dieser Todesangst ganz grundsätzlich tun, sie scheint ja eine anthropologische Konstante. Wenn ich auf die Straße gehe und Menschen frage, ob sie Angst vor dem Sterben haben, gibt es sicher viele, die sagen, "Naja, das ist natürlich, so ist es".

Das sagt aber der Verstand, weil das System, die Biologie auf Überleben ausgerichtet ist. Ich habe das selbst einmal erlebt, als ich dachte, ich hätte einen Herzinfarkt. Da weiß man, was Todesangst ist. Ich teile nicht die Ansage, dass sich die Gesellschaft mehr mit dem Tod befassen soll. Das wird leicht dahingesagt, immer wieder auch jetzt, zu Allerheiligen – aber es wird nie dazugesagt, auf welche Weise genau man das tun sollte. Reicht es, eine Lebensversicherung abzuschließen oder beim Bestatter lustig in einem Sarg probezuliegen? Wie man da tun soll, ist zumindest mir nicht ganz klar. Das wird sehr schnell dahingesagt.

Und dennoch ist Ihre Endlichkeit auch für Sie ein Thema…

Natürlich ist die eigene Endlichkeit ein großes Thema. Auch ich habe Angst. Woody Allen hat einmal gesagt: „Nicht, dass ich Angst vor dem Sterben hätte, ich will nur nicht dabei sein, wenn es passiert.“ Da bin ich voll bei ihm. Vielleicht ändert sich das mit dem Alter und es wird anders, wenn man seinem Ende näher rückt. Interessant ist ja für mich auch, was der Tod gesellschaftlich bewirkt. Wir können davon ausgehen, dass alles, was wir treiben – Kultur, Wissenschaft, Gesellschaft, Religion – dazu dient, die Todesangst zu bändigen oder damit umzugehen. Das ganze Heldentum, das Thema Vaterland – das ist vermutlich alles Todesangst.

Dabei frage ich mich, was wäre, würden wir uns mit dieser Angst mehr auseinandersetzen. Um vielleicht zu erkennen, dass eine große Triebfeder des menschlichen Tuns wahrscheinlich genau diese Angst ist. Und wir alles tun, um diese zu bändigen, abzuwehren, nicht so zu spüren und uns in die Ewigkeit entwerfen. Wäre uns das bewusster, wären wir nicht mehr so leicht führbar und verführbar. Die Bewirtschaftung menschlicher Ängste ist ja die Quelle höchster Macht. Das hat die Kirche, das hat die Politik schon immer gewusst. Das funktioniert tadellos. Würde man sich hier bewusster werden, wäre das spannend. Wir würden vermutlich nicht tun, was wir tun und uns so vieles gegenseitig nicht antun. Schon gar nicht im Namen des Glaubens. Aber da scheinen wir evolutionär noch nicht so weit.

Welche Art von Todesbild haben Sie?

Ein rationales, „aufgeklärtes“. Aus meiner Sicht müssen wir über kurz oder lang hinnehmen, dass der Tod das biologische und komplette Ende dieser Existenz ist, ein völliges Ausgelöscht-sein. So sei es. Es schaut mit zunehmender Naturwissenschaft nichts danach aus, dass es anders wäre. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Wären wir uns bewusster, dass wir nichts mehr haben als diese paar Jahre, würden wir vielleicht besser aufeinander aufpassen – auch global betrachtet.

Buch: "Letzte Hilfe Kurs. Weil der Tod ein Thema ist", Dr. Martin Prein, 176 Seiten, 22 Euro, Styria Verlag

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