Leben
05.03.2016

"Twitter ist für Autisten super"

Seit vier Jahren lebt Marlies Hübner mit der Diagnose Autismus. Ihre Geschichte hat sie nun in einen Roman verpackt.

"Bitte geben Sie Marlies auf keinen Fall die Hand. Das mag sie nicht." Der Hinweis der Pressebetreuerin kommt gerade noch rechtzeitig. Die 31-jährige Autistin aus Stuttgart ist in Wien, um ihren Debütroman "Verstörungstheorien" zu präsentieren. Im Gespräch erzählt die Stuttgarterin sehr offen über ihr Leben mit der Entwicklungsstörung, ihren Umgang mit Liebe und warum es so wenig Autistinnen gibt.

KURIER: Sie waren 27, als bei Ihnen Autismus diagnostiziert wurde. Wie ging es Ihnen davor?

Marlies Hübner: Ich dachte , ich bin nicht intelligent, weil ich so vieles nicht verstand. Man versucht ja immer, den Neurotypischen (Anm: Menschen ohne Autismus) nachzueifern. Man sieht immer nur seine Schwächen und hat dadurch ständig das Gefühl, unzulänglich zu sein. Bei der Diagnose hörte ich zum ersten Mal: Sie sind gut so, wie Sie sind. Da brachen alle Dämme.

Welche Schwächen waren das?

Autisten können nur auf der Informationsebene kommunizieren. Ich bin wahnsinnig ironisch und zynisch – merke aber nicht, wenn es jemand anderer ist. Ich erkenne auch nicht, wenn man mich anlügt. Und ich bin meist die Letzte, die über einen Witz lacht, weil ich erst spät mitbekomme, dass es ein Witz ist. Ich kann auch nicht lernen, den Tonfall oder die Mimik von jemandem zu deuten.

Gab es eine Situation, die Ihnen besonders unangenehm war?

Einmal hat man mir gesagt, ich würde auf dem Schlauch stehen. Ich sah nach unten – da war keiner. Irgendwann begann ich, das Sprichwörterlexikon meiner Eltern durchzuarbeiten. Es brachte aber leider nichts.

Hatten Sie Freunde?

Nicht wirklich. Ich habe nicht verstanden, wie das funktioniert – Kinder machen das ja intuitiv, aber ich konnte es nicht. Später sind Freundschaften schnell gescheitert. Erst jetzt, wo ich das Bewusstsein dafür habe, was ich kann und was nicht, geht es einfacher. Ich weiß jetzt auch, dass ich nicht mit jedem befreundet sein muss.

Nach dem Abitur haben Sie als Krankenschwester gearbeitet - unüblich für eine Autistin.

Das ist das Blödeste, was ein Autist machen kann. Ich habe mich durchgekämpft, aber es war einfach nur schrecklich. Danach habe ich eine Zeitlang in einer Praxis gearbeitet, das war aber auch nicht weniger stressig.

Auf Ihrem Blog (www.robotinabox.de) geben Sie eine Anleitung für Dates mit Autisten.

Ich dachte mir, wenn ich ganz klar aufschreibe, wie Dates für uns funktionieren, verstehen es die Leute besser. Und es hilft tatsächlich vielen, was ich toll finde. Der Punkt ist: Man muss Autisten die Dinge ganz klar sagen. Daten ist ja schon für Neurotypische konfus, und für uns noch einmal mehr. Was soll das bitte mit diesem "Ich melde mich drei Tage nicht, dann werde ich interessanter"? Also wenn das bei mir ein Typ macht, bin ich raus.

Trotzdem hatten Sie mehrere Beziehungen.

Ja, aber die liefen über viel Anpassungsleistung meinerseits. Ich konnte ihnen ja nicht sagen, warum ich anders bin. (Anm.: Sie spricht von der Zeit vor der Diagnose.) Ich war nie glücklich, habe immer versucht, es jemandem recht zu machen. Das geht nun mal schief.

Jetzt sind Sie glücklich vergeben. Müssen Autisten anders geliebt werden?

Wenn ich überreizt und aufgewühlt bin und jemand will mich umarmen, geht das nicht. Das muss mein Gegenüber wissen. Oder dass ich sehr viel alleine sein muss, um abzuschalten oder zu verarbeiten. Oder diese emotionale Färbung, die Nicht-Autisten im Streit oft haben. Mein Freund und ich haben die Lösung gefunden, dass wir im Streit nur noch Textnachrichten schreiben – auch, wenn wir im selben Raum sind.

Sind Sie deswegen auch auf Twitter so aktiv?

Twitter ist ein super Ventil. Der Reiz liegt darin, komplexe Dinge so runterzubrechen, dass sie in dieses 140-Zeichen-Korsett passen. Autisten tauschen sich ja generell lieber schriftlich aus, das ist barrierefreier als ein Vis-à-vis-Gespräch. Soziale Netzwerke sind für uns ein kommunikativer Gewinn.

Auf vier männliche diagnostizierte Autisten kommt eine Autistin. Woran liegt das?

Das hat mit alten Geschlechterklischees zu tun. Bei einem Mädchen denkt man, sie ist halt schüchtern, das ist ja normal. Bei Buben merkt man es schneller, weil sie – alte Rollenbilder – im sozialen Leben immer noch aktiver sein müssen. Sie werden schneller auffällig und zur Diagnose geschickt. Für die Mädchen ist das fatal.

Was steckt hinter dem Namen Ihres Blogs, "Robot in a Box"?

Das ist wie mit dem Buchtitel: Ich spiele mit Klischees. Man sagt uns Autisten ja nach, wir seien ein bisschen Roboter-mäßig. Wenn wir müde sind, neigen wir dazu, einen monotonen Tonfall zu bekommen. Und die meisten von uns sind sehr faktenbasiert und logisch.

Während des Gesprächs haben Sie mir fast nie in die Augen geschaut. Warum fällt Ihnen das so schwer?

Viele Autisten können Reize nicht oder kaum filtern. Wir nehmen alles wahr, das macht das Gehirn müde. In so einem Fall hilft nur radikaler Rückzug. Keine Musik, kein Tageslicht. Über die Augen kommen wahnsinnig viele Informationen – sie strömen auf dich ein, sie erschlagen dich. Aber du kannst sie nicht deuten. Das lenkt vom eigentlichen Gespräch ab. Deswegen schaue ich meistens auf die Nasenwurzel.

80.000 Betroffene in Österreich

Definition

Autismus ist eine neurologische Entwicklungsstörung. Betroffene haben massive Probleme, Umweltreize zu verarbeiten und Sinneseindrücke zu filtern. In Österreich leben 80.000 Menschen mit Autismus. Studien zufolge ist die Hälfte der Autisten durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligent. Informationen für Betroffene gibt es unter www.autistenhilfe.at oder www.autismus.at

Buchtipp

"Verstörungstheorien. Memoiren einer Autistin, die man in der Badewanne fand" von Marlies Hübner ist ein autobiografischer Roman. Erschienen bei Schwarzkopf & Schwarzkopf, 384 Seiten, 14,99 €.