Leben
08.03.2018

Kosmetiker und Hebamme: Männer in Frauendomänen

Ein Make-up-Profi, ein Tagesvater und eine Hebamme berichten von ihren Erfahrungen.

Bei einem "Sekretär" denken Sie eher an ein historisches Möbelstück als an einen Bürokaufmann? Den Begriff "Tagesvater" hören Sie gerade zum ersten Mal? Ja, Geschlechterklischees halten sich hartnäckig – das gilt vor allem für den Arbeitsmarkt. Im Jahr 2016 fanden sich auf den vorderen Plätzen der Männerberufe ausschließlich traditionelle Männerdomänen wie Metall-, Elektro- oder Kraftfahrzeugtechnik – der Männeranteil in den Pflegeberufen liegt bei 15 Prozent. Initiativen wie der "Boys’ Day" zielen darauf ab, mehr Männer für den Pflege- oder Pädagogikbereich zu begeistern – solange sich die Bedingungen in "Frauenberufen" nicht ändern, seien aber keine Wunder zu erwarten, sagt Elli Scambor vom Verein für Männer- und Geschlechterthemen Steiermark: "Derzeit entscheiden sich Burschen, die einen Care-Beruf anstreben, für ein vergleichsweise niedriges Einkommen und einen ebensolchen Status im Berufsranking."

Um Rollenbilder aufzubrechen, braucht es Vorreiter: So wie Werner Tometschek, der vor 24 Jahren in die Kosmetikbranche wechselte, oder Markus Leich, der bald als erste Hebamme Österreichs Babys auf die Welt hilft. Eine Erfahrung haben sie alle gemacht: Ob sie in ihrem Job gut sind, liegt an vielen Faktoren. Das Geschlecht ist keiner davon.

Kosmetiker Werner Tometschek: "Ich kann kreativ sein"

Seine Mission ist es, Frauen schöner zu machen: Seit 24 Jahren arbeitet Werner Tometschek in der Kosmetikbranche – erst als Nageldesigner, später als Profi für Permanent-Make-up. Dabei wählte er nach der Schule erst einen "typischen Männerberuf": "Ich habe Elektroinstallateur gelernt, wusste aber immer, dass das nicht meine Berufung ist."

Über seine Ex-Frau rutschte der 49-Jährige in die Kosmetikbranche, lange führten sie gemeinsam ein Studio für Nageldesign und Permanent-Make-up. Heute betreut er Kundinnen von Wien bis Salzburg. "Es ist ein kreativer Beruf, das gefällt mir. Außerdem bin ich sehr kommunikativ und gerne unter Menschen. Als Mann arbeitet man natürlich gerne mit lauter Frauen zusammen", schmunzelt er. "Sie spüren, dass ich sie optimal verschönern will."

Vorurteile

Anfangs waren die Reaktionen auf den männlichen Nageldesigner eher durchwachsen. "Meine Freunde haben mich auf die Schaufel genommen. Auch einige Kundinnen haben gesagt: ‚Was machen Sie bei mir, Sie sind doch ein Mann.‘ Es gab auch lange das Gerücht, dass hauptsächlich homosexuelle Männer Nageldesign machen. Ich wurde oft für schwul gehalten – das hat mich aber nie gestört", betont Tometschek, der auch als Ausbildner tätig ist. Etwa 15 Prozent seiner Schüler sind männlich, Tendenz steigend. "In der heutigen Zeit ist man zum Glück offener. Die Gesellschaft hat sich schon sehr zum Positiven verändert."

Vor einiger Zeit hat sich der Schönheitsjunkie ("Privat bin ich eitel") auf eine besondere Form des Permanent-Make-up spezialisiert: Er behandelt Patienten nach Chemotherapien, Operationen oder Unfällen. Dazu gehört etwa die Farbanpassung von Narben, die optische Gestaltung des Brustwarzen-Vorhofs nach einer Brustamputation oder der Augenbrauen. In diesen Momenten liebt Tometschek seinen Beruf besonders. "Dadurch bekommen die Patienten wieder ganz ein neues Lebensgefühl. Für mich ist es toll, wenn ich Menschen mit meiner Arbeit so glücklich machen kann."

Tagesvater Martin Gerdenitsch: "Ich wollte etwas Sinnvolles machen"

Die schönste Seite an seinem Beruf? "Das viele Lachen", antwortet Martin Gerdenitsch, ohne lange nachzudenken. Der Steirer ist Tagesvater – so heißt das männliche Pendant zur Tagesmutter. Zehn Jahre war er im Einzelhandel tätig, ehe sich in der Karenz zu seinem ersten Sohn der Wunsch nach einer Veränderung regte. "Ich wollte etwas machen, das mich erfüllt, das sinnvoll ist. "

Nach der Ausbildung zum Tagesvater und Kinderbetreuer arbeitete er ein Jahr in einem Kindergarten in Graz, mittlerweile betreut Gerdenitsch Kleinkinder in einer Betriebstagesstätte. "Ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass es für die Kinder etwas Neues, Besonderes war, dass ein Mann da war. Da geht es auch um die Entwicklung der Geschlechtsidentität, wo sie Rollenmodelle und Reibungsflächen brauchen."

Wer Kinder in ihrer Entwicklung begleitet, müsse auch zur eigenen Entwicklung bereit sein, sagt Gerdenitsch, selbst Vater zweier Söhne.

Letztlich sei es den Kleinen aber egal, ob sie von einem Tagesvater oder einer Tagesmutter betreut werden, spricht Gerdenitsch aus Erfahrung. "Am meisten nervt mich der Satz, ‚Buben brauchen endlich Männer im Kindergarten‘. Das stimmt schon – so, wie sie Frauen brauchen und so, wie Mädchen Männer brauchen." Kinder würden in erster Linie auf die Persönlichkeit und Feinfühligkeit eines Menschen achten. "Das Wichtigste ist, dass sie in der Betreuung einen sicheren Hafen finden. Das ist vom Geschlecht weitestgehend unabhängig."

Auch, wenn der Begriff "Tagesvater" vielen (noch) nicht geläufig ist – Gerdenitsch ist nicht der einzige Mann, der beruflich Kinder betreut. Auf seiner Website www.tagesvater.at schuf er eine Plattform für Kollegen aus der Umgebung, beim "Tagesväter-Stammtisch" tauschen sich die Kinderbetreuer regelmäßig aus. "Wir wollen aufzeigen, dass es in diesem Beruf auch Männer gibt. Seit ich diesen Beruf mache, hat sich viel verändert. Es melden sich ganz bewusst Eltern, die für ihr Kind einen Tagesvater suchen."

Hebamme Markus Leich: "In Skandinavien ist das keine Besonderheit mehr"

Medienrummel ist Markus Leich inzwischen gewöhnt. Als er vor drei Jahren sein Studium an der FH Campus Wien begann, war er plötzlich ein begehrter Interviewpartner. Schließlich ist der 34-Jährige der erste Mann in Österreich, der die Ausbildung zur Hebamme absolviert. Ja, die Berufsbezeichnung bleibt dieselbe, und Leich hat damit kein Problem: "In Deutschland heißt es Entbindungspfleger, aber ich finde, das wird unserer Qualifikation nicht gerecht, weil es sich nur auf ein Teilgebiet, also die Geburt, bezieht." Dabei seien Hebammen von der Familienplanung bis zum ersten Geburtstag des Kindes zuständig.

Der gebürtige Deutsche absolvierte erst eine Ausbildung zum Hotelfachmann, arbeitete in einem Luxushotel und im Restaurant Steirereck, danach in der Immobilienbranche und Unternehmensberatung. "Mir haben alle meine Jobs großen Spaß gemacht, aber als ich 30 wurde, habe ich mein bisheriges Leben reflektiert. Wo bin ich, wo will ich hin?" Sein Interesse für Medizin wurde schon während seines Zivildiensts in einem Spital geweckt. "Meine beste Freundin meinte dann, ich soll doch Hebamme werden. Ich musste ihr recht geben."

1995 wurde die Ausbildung für Hebammen in Österreich für Männer geöffnet – Leich ist der Erste, der die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Seine Studienkolleginnen reagierten positiv: "Sie haben sich total gefreut, als sie gehört haben, dass auch ein Mann dabei ist. Für die Lehrhebammen war es anfangs ungewohnt, gerade was die Bezeichnungen betrifft – man hat oft nur in der weiblichen Form gesprochen." Doch der 34-Jährige nimmt es locker. "Es braucht eben seine Zeit, bis ein Umdenken stattfindet."

Im deutschsprachigen Raum hat dieses gerade erst begonnen – männliche Hebammen sind nach wie vor die absolute Ausnahme. Anders ist die Situation in Skandinavien: "Da ist das keine Besonderheit mehr", sagt Leich. Die Qualitäten, die in diesem Beruf gefragt sind, seinen ohnehin unabhängig vom Geschlecht: "Was es braucht, sind Einfühlungsvermögen, Fachwissen und eine hohe soziale Kompetenz. Man muss sich in dem, was man tut, sicher fühlen und seine Leistung erbringen. Geschlechterrollen sind da fehl am Platz", ist er überzeugt. Und die Reaktionen der werdenden bzw. frisch gebackenen Eltern – während seines Studiums war Leich schon in verschiedenen Krankenhäusern tätig – geben ihm recht: "Von Männern wie Frauen habe ich nur Zuspruch bekommen. In dem Moment, in dem man hilft, ein Kind auf die Welt zu bringen, ist es egal, ob man Mann oder Frau ist."

Im Juni wird Markus Leich sein Studium abschließen, danach in Wien ins Berufsleben starten. Auf die Geburten freut er sich besonders: "Es gibt nichts Schöneres, als wenn man die Eltern ein paar Stunden unterstützt, alles gut geht und sie danach total glücklich sind."