Greta Elbogen mit der 7b des Gymnasiusm Rainergasse (Wien)

© Heinz Wagner

So viel Lebensfreude
05/29/2015

So viel Lebensfreude

Trotz vieler herber Schicksalsschläge strahlt die 77-jährige Greta Elbogen so viele Freude und Kraft aus, dass sie für Jugendliche ansteckend wirkt.

von Heinz Wagner

Eine kleine, sehr drahtige lebenslustige 77-jährige Frau sitzt und steht vor den Jugendlichen der 7b in der Bibliothek des Gymnasiums Rainergasse in Wien-Margareten. Sie erzählt aus ihrem Leben, das die ersten Jahr(zehnt)e alles andere als Honiglecken war. Und vermittelt dennoch, wie kannst du den Weg zum honigsüßen Leben schaffen. So wie sie's allen Widernissen zum Trotz nach vielen (Um-)Wegen geschafft hat. Und die Jugendlichen, denen üblicherweise keine einzige Schulstunde Aufmerksamkeitsspanne zugetraut wird, hängen mit elefantengroßen Lauschern an ihren Lippen – gut zwei Stunden lang!

Greta Elbogen, 1937 in Wien geborene Fischmann, musste mit ihrer Familie im Babyalter flüchten. Mit Einmarsch der deutschen Nazi war das Leben als jüdische Familie gefährdet. Fluchtort war letztlich Budapest, wo's bald danach das Überleben auch nur mehr durch ständiges Verstecken möglich war. Der Vater war 1940 „verschwunden“, von den Nazis geholt und ins Konzentrationslager Dachau verfrachtet. Die kleine Ela hat wenig, vor allem praktisch keine positiven Erinnerungen an ihre Kindheit, kein Streicheln, keine Wiegenlieder, so gut wie keine Spielsachen, keine Puppe.

Wenige Erinnerungen an die Kindheit

Einer der wenigen Momente, die sie vor sich sieht: „Ich steh in einer Holzwanne, mit einer sehr harten Bürste werden mir die Feuchtblattern weg gerieben“. Ein anderer: „starkes Bauchweh bei der Oma in Budapest“. Und eine, die sich über die ganze Kindheit erstreckte: „Meine Mutter war immer abwesend, wie ein Geist.“ Sie hatte die Verfolgung, den Zwang zur Flucht nie verkraftet. Auch später nach dem Krieg nicht. Für sie muss sie eigentlich schon als kleines Kind die Mutter spielen.

Im Zuge des ständigen Verstecken-müssens, mal da, mal dort, werden Mutter und Bruder verhaftet. Mit den anderen drei Geschwistern ist sie allein in einem Haus. Kälte, frieren, hungern. Irgendwann klopft es an der Tür, sie hat ihr Zeitgefühl verloren – sind Mutter und Bruder wieder da. Ihr Überleben sichert Raoul Wallenberg, führender Mitarbeiter der schwedischen Botschaft in Ungarn, der Hunderten Jüdinnen und Juden in Ungarn schwedische Schutzpässe ausstellte.

Danach kommt sie in ein Kinderheim, wo man ihr sogar ihre wenigen Habseligkeiten und ihren geliebten Teddy wegnimmt, mit der Botschaft „hier wird alles geteilt“. Dort bleibt sie bis Kriegsende.

In Budapest absolvierte sie nach dem Krieg das Gymnasium, lernte auch mehrere Jahre Geige spielen und „war Mutters Helferin, wie eine Sklavin: Kochen, putzen, einkaufen.“

Zurück nach Wien

1956 kam sie mit der Mutter und einer Schwester im Zuge der Ungarnaufstände gegen die Sowjets zurück nach Wien, „aber ein Wien ohne Wien. Wir hatten niemanden und nichts“. Davor war die Familie angesehen Geschäftsleute, jetzt gab es nichts für sie. Aufgenommen in der jüdischen Gemeinde, wurde ihr ein Mann aus New York vorgestellt, den sie heiraten sollte. Ich habe einmal nein gesagt, später ein zweites Mal. Aber beim dritten Mal hab ich es nicht geschafft.“ So wurde aus Greta Fischmann eine Elbogen „und bevor ich noch wusste, wie Kindermachen geht, war ich schon schwanger“. Sie wurde nicht nur vierfache Mutter, sie kümmerte sich auch um ihre depressive Mutter und später auch den psychisch kranken Bruder, der nach England und Israel zu ihr nach New York kam.

Und all den Widernissen zum Trotz begann sie spät mit Ausbildungen und Studien: Sozialarbeiterin, Psychotherapeutin. „Ich wollte meine Mutter lehren, was Liebe ist“. Eine mehr als harte Nuss. „Aber bei der Party zu ihrem 100. Geburtstag hatte sie erstmals Tränen in den Augen! Die Mühe hatte sich gelohnt.“

Späte Wende

Mit ungefähr 45 Jahren trat ein, nein der, Wendepunkt in ihrem Leben ein: Bei einer Fortbildung des Himalaya-Institutes hörte – und spürte – sie, „dass wir alle gleiche Wesen sind, selbst Meister und Meisterinnen unseres Schicksals“. Sie ließ ihr religiöses Bekenntnis mehr oder minder sausen, saugte aus unterschiedlichsten Kulturen Wissen, Erkenntnisse, Gefühle auf, Spiritualität – unabhängig von Religionen und Weltanschauungen wurde zu ihrem Weg, auf dem sie lehren will zu lieben.

Neben therapeutischer und sozialer Arbeit begann sie Gedichte zu schreiben, die ihre liebende und optimistische Sicht auf die Welt vermitteln: „Peace is possible building it... only by peaceful means. Let's go for it!“ („Frieden zu schaffen ist möglich... aber nur durch friedvolle Gedanken, Lasst es uns angehen!“)

In einem anderen heißt es übersetzt: „In meiner Welt verwandeln Waffen sich magisch in Palmenhaine... In meiner Welt erfüllen sich Wünsche ob groß, ob klein, indem man sie bloß denkt.. Ich weiß, du glaubst mir nicht. Ich weiß, es klingt verrückt, doch kümmert mich das nicht. Denn ich weiß, ich bin die Schöpferin meines eigenen glücklichen Lebens.“

Funke sprang auf Jugendliche über

Der Funke Greta Elbogens, die auf Einladung des JewishWelcome Service in Wien war, sprang auf die Jugendlichen über. Obwohl anfangs schüchtern und für ihn ein wenig peinlich ließ sich ein angesprochener Schüler, Todor Jalnev, darauf ein, mit Greta Elbogen vor der im Halbkreis auf den Stufen der Bibliothek sitzenden Klasse auf und ab zu gehen: Fest geerdet, positive Gedanken ausstrahlen. Beeindruckt waren viele nicht nur von Elbogens Erzählungen trotz eines mehr als harten Lebens spät aber doch für sich eine positive Wendung zu schaffen, sondern auch von dem Tipp „Liebe zu schicken“. Statt sich zu ärgern, dass jemand von dem du hoffst, dass er oder sie sich meldet, das nicht (gleich) tut, versucht einmal die Bitte/den Wunsch/den Gedanken auszusenden, dass sie oder er doch anruft...

http://gretaelbogen.com/

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