Kiku
12.01.2016

Abenteuer Vertrauen schöpfen

"Tschick", der Erfolgs-Jugendroman und Bühnenrenner, in einer großartigen Inszenierung im Wiener Theater der Jugend.

Grooooooßaaaartiiiig! Bewegend, berührend. Vielleicht fällt einem nicht aufs erste die Beschreibung „mitreißend“ im herkömmlichen Sinn ein. Diese Inszenierung (von Direktor Thomas Birkmeir) des Jugendroman „Tschick“ ist aber sogar mehr. Trotz so mancher Stellen, die definitiv Lachen provozieren, nimmt diese Version das Publikum richtiggehend mit auf die große Reise durch die kleine und doch so unendlich große Welt zweier verletzter, vernachlässigter, an den Rand gedrängter Jugendlicher Rabauken bei der Flucht in wenige Tage Welt voller Abenteuer, erstmals erlebtes Vertrauen, Freundschaft, auch Überwinden von Vorurteilen.

Licht und Schatten

Der vor einem halben Jahrzehnt von Wolfgang Herrndorf geschriebene Roman hatte sich rasend schnell zum Renner entwickelt, wurde in rund zwei Dutzend Sprachen übersetzt und war/ist auf deutschsprachigen Bühnen landauf, landab zu sehen – häufiger noch als Goethes „Faust“. Die Version im kleineren Haus des Wiener Theaters der Jugend kommt allein schon bühnenmäßig (Goda Palekaite) mit „nichts“ anderem aus als einigen Requisiten und – Licht, (Lukas Kaltenbäck / Johann Cizek) zweitweise auch projizierte Videos.

Kein Umbau, immer dieselbe Kulisse – eine schräge Fläche im Hintergrund und an der Decke – beide aus Quadraten mit neutral bemalten Leinwänden und hinterlegt mit LED. Deren verschiedene Farb- und Helligkeitstöne erzeugen die Stimmungen: Egal ob elterliches Wohlstandshaus des Maik Klingenberg, Autobahnen, Landstraßen, Feldwege, gar der Abhang über den Maik und Andrej Tschichatschow, genannt Tschick mit ihrem „ausgeborgten“ Lada stürzen oder der nüchtern, kahle Furcht einflößende Gerichtssaal, vor dem sich die beiden am Ende als Angeklagte wieder finden.

Bilderbuch, Karikaturen und leibhaftig

Und das ist nur das Setting, in dem die fünf Schauspieler_innen – mit Ausnahme der beiden Hauptdarsteller – in jeweils mehreren Rollen ausgezeichnet - entsprechend ganz unterschiedlich - agieren. In nur kurzen Nebennebenrollen wirkt die Familie, die Maik und Tschick zum Essen einlädt, bilderbuchmäßig (Pia Baresch, Felicitas Franz und Uwe Achilles). Der in der Pampa herumballernde Fricke scheint eine Karikatur auf Waffennarren, Schuss, Schuss, Schuss – aber vor dem „Kriegsgebiet Berlin“ Angst haben. Maiks Mutter und Vater tragen in ihrer Überspitzung sozusagen verdichtete, prototypische Züge reicher Eltern, die sich um ihre Kinder nicht wirklich kümmern.

Vielschichtig

Felicitas Franz gibt aber auch die beiden gänzlich verschiedenen Mädchen, in die sich der 14-jährige Maik verliebt, die beleibte Mitschülerin Tatjana Kosić, die ihn als einen der wenigen nicht zu ihrer Party einlädt, sowie die abgefuckt irgendwie punkmäßig von der Müllhalde kommende Isa Schmidt. Als letztere lässt sie von Anfang an unter ihrer stinkenden Fassade große sympathische, schlaue, neugierige Züge erkennen.

Auch Meo Wulf transportiert von Anfang an mit, was in Maik steckt. Auch wenn er mehrmals sagt, der größte Feigling und Langweiler zu sein, vermittelt er die Bereitschaft, sich auf den Weg des ungewissen Abenteuers zu machen, weil das immer noch besser ist als sein klares, eindeutiges, aber faktisch nicht wirklich aushaltbares Leben mit Mutter und Vater, die „gerne unglücklich sind“, es offenbar zu lieben scheinen, sich anzubrüllen.

Schönste Wochen

DIE Entdeckung aber ist Luka Dimić als „ Tschick“, dessen Namen Tschichatschow der lehrer nicht und nicht richtig über die Lippen bringt. Anfangs wortkarg – „ja, nein, weiß nicht“ – und der Kapuze übers Augen, Nase und Mund – hält er sein Deutsch mit russischem Akzent auch in den längsten Gesprächen durch. Herkunft aus einer Russland-Aussiedlerfamilie, die erst seit vier Jahren in Deutschland lebt, einerseits und sozial am unter(st)en Rand angesiedelt ist er doppelter Außenseiter. Aber eine Art scheiß-dir-nix, eh schon wurscht. Und der Heroe – nicht nur weil er die Idee zum Ferienabenteuer hat, das für Maik trotz aller Troubles zu den schönsten Wochen seines Lebens werden sollen. Vor allem aber dadurch, dass er ganz genau NICHT, wie Maiks Vater prophezeit, die Schuld auf den Freund abwälzen, sondern ganz allein auf sich nehmen will.

Zeitlos

Bisher hatte der ab seinem achten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsene und seine Ausbildung absolvierte Schauspieler, der in Split ( Kroatien) geboren wurde eher nur nette Typen gespielt, wie er dem Kinder-KURIER nach der Premiere erzählt. „Am Anfang war die Vorstellung, den Assi zu spielen, für mich gar nicht so einfach. Aber es hat Spaß gemacht, in diese Rolle einzutauchen, mich in dieses Spiel einzulassen.“ Und es bereitet Vergnügen, ihm dabei zuzusehen – und seinen vier Kolleg_innen – auf dem Road-Trip durch Brandenburg in die fiktive „Walachaaaaai“, die aber auch ein Western in den USA sein könnte, oder vielleicht sogar „nur“ ein grandioses Abenteuer im Kopf. Das übrigens so nebenbei ganz ohne Handy auskommt – und das gar nicht abgeht! Sozusagen in the middle of no-where out of time and space – zeitlos und allerorten möglich!

Was, wann, wo?

Tschick
von Wolfgang Herrndorf
Bühnenfassung von Robert Koall
Ab 13 J.;

Maik Klingenberg: Meo Wulf
Tschick Luka Dimić
Isa / Tatjana /
Florentine /
Krankenschwester Felicitas Franz
Maiks Vater /
Wagenbach /
Friedemann / Fricke /
Stimme am Telefon Uwe Achilles
Maiks Mutter /
Friedemanns Mutter /
Sprachtherapeutin /
Richterin Pia Baresch

Regie Thomas Birkmeir
Bühne Goda Palekaite
Kostüme Susanne Özpınar
Licht Lukas Kaltenbäck / Johann Cizek
Videogestaltung Julian Wieser
Dramaturgie Wolfgang Türks
Assistenz,
Teilinspizienz Felix Metzner
Teilinspizienz Florian Pilz
Regiehospitanz Anna Klein

Aufführungsrechte Rowohlt Theater Verlag, Reinbek bei Hamburg

Wann & wo?
Bis 2. April
Theater im Zentrum, 1010 Wien, Liliengasse 3
Telefon: (01) 521 10-0
www.tdj.at