Szenenfoto aus "Rescue" von SILK-Flügge

© Phil Lindner

Gibt es überhaupt Rettung?
11/23/2016

Gibt es überhaupt Rettung?

„Rescue – Eine Performance über die (Un-)Möglichkeit der Rettung“ von SILK Fluegge derzeit im Dschungel Wien.

von Heinz Wagner

Was mit einem ungewöhnlichen, eher witzigen Vorspiel im Foyer des Theaterhauses beginnt, wird im Saal zu einem satten, dichten Tanz- und Bewegungs-Theater mit vielen spannenden, immer wieder auch überraschenden Bildern – und einer noch mehr aufgeworfenen Fragen und Inhalten. „Rescue“ mit dem Untertitel „Performance zur (Un-)Möglichkeit der Rettung“ von SILK Fluegge gastiert – nach vier Aufführungen in Linz - für drei Tage im Dschungel Wien.

Lärm-Verschmutzung

Im Foyer tauchen die vier Darsteller_innen - Michaela Hulvejová, Fabian Janicek, Matej Kubuš, Jerca Rožnik Novak - in Manier von „Baywatch“ in Badehosen und -Anzügen mit Rettungsboje auf, düsen durch die Wartenden, auf der Suche nach Rettungswilligen. Nur Sand und Wasser fehlen zum Strandfeeling. Das vermittelt sich beim Eintritt in den Theatersaal. „Luftiges“ Wasser – ein Ventilator lässt die dünnen Kunststofffolien, die den ganzen Tanzboden darunter bedecken flattern. Wasser- und Wellengeräusche werden begleitet von dem was Lärmverschmutzung von großen Schiffsmotoren usw. genannt wird, die das Orientierungssystem von Delfinen massiv stören. Symbolisch dafür stecken links und rechts an den Wänden aufblasbare Delfine in Autoreifen. In einer Ecke ganz hinten schwebt ein Gebilde aus aufgeblasenen Reifen, -schlangen, und anderen Schwimmhilfen.

Retten! Warum?

Auftritt der vier Rettungsschwimmer_innen – diesmal in SlowMo. Ihre zeitlupenartigen Bewegungen persiflieren die Schönlings-Heldinnen und Helden der TV-Serie. Ihre Rettungsbojen überantworten sie vier Leuten im Publikum – wo sie sie auch die ganzen 70 Minuten lang lassen. Nur das andere Ende des Seils mit dem Schultergurt nehmen sie sich hin und wieder. Ansonsten tanzen, turnen, spielen sie rund um Rettungssituationen – als Rettungswillige, als Retter_innen mit unterschiedlichen Beweggründen und Ausprägungen. Die Bandbreite reicht vom eher theatralischen minutenlangen „Hilfe, rette mich!“, das eher sagen will: „nimm/nehmt mich doch bitte, bitte endlich wahr“ bis zu „ich helf dir nicht, damit du endlich lernst, dich selber zu retten, sonst findest du nie deinen eigenen Weg...“ Angesprochen, vielmehr -spielt, -tanzt wir nicht zuletzt auch der Gesichtspunkt, retten manche andere, um eigentlich nur Dankbarkeit oder gar Held_innen-Status zu ernten? Und bringen sie vielleicht gar andere erst in eine Lage, wo sie sich selbst als Rettende „Engel“ aufspielen können?

Positionen und Rollen wechseln, mal ist die eine ganz allein oder wird allein gelassen, mal ein anderer. Die Auseinandersetzung rund ums Thema „Rettung“ wird hin und wieder auch nicht gerade sanft ausgetragen. Immer aber mit einem reichen Repertoire an Bewegung – ob auf dem Boden, an den Vertikaltüchern, die Wände rauf laufend oder auf und unter einem großen live während der Vorstellung sich aufblasenden Viereck, das an einen flauschigen Riesenpolster erinnert.

Erschütternder Anlass

„Nebenbei“ wird aber schon vom Vorspiel mit dem Baywatch-artigen Auftritt im Foyer an und dazwischen immer wieder auch der Kult der „schönen“ Körper und deren mediale Inszenierung thematisiert, persifliert, hinterfragt. So manche ernste Inhalte, die da in diesem Stück auf offener Bühne – und nicht zuletzt mit dem Ende, das von den vier Menschen im Publikum abhängt, die zu Beginn die Rettungsbojen in die Hand gedrückt bekommen – verhandelt werden, haben einen noch ernsteren Ausgangspunkt. Compagnie-Gründerin und Erfinderin sowie Choreografin dieses Stücks, Silke Grabinger, „wollte unbedingt zu dem Thema was machen“, nachdem ihr vor wenigen Jahren drei Schülerinnen, die sich geritzt haben, bei einem Schulprojekt einen Brief mit Hilferuf geschrieben hatten. „Als ich die Schule darauf aufmerksam machte, wurde ich zurechtgewiesen. Das Urteil war, dass diese SchülerInnen entweder nur Aufmerksamkeit wollten, oder dass ihnen ohnehin nicht zu helfen sei, da das Aufgabe der Eltern sei. Dieser Umgang der Schule hat mich erschüttert“, schreibt Grabinger im Begleitmaterial zum Stück. Sie ließ nicht locker und „es wurde dann doch etwas getan“, sagt sie dem Kinder-KURIER. Aus dieser Erfahrung heraus wurde „Rescue“ aber nicht nur zu einem Stück Tanztheater, sondern zu einer Herzensangelegenheit – mit allgemeingültigen Denkanstößen.

Was? Wer? Wann? Wo?

Rescue SILK Fluegge Tanztheater, 60 Minuten, ab 16 Jahren Eine Performance über die (Un-)Möglichkeit der Rettung

Inszenierung, Regie, Choreografie: Silke Grabinger Tanz, Performance: Michaela Hulvejová, Fabian Janicek, Matej Kubuš, Jerca Rožnik Novak Produktionsleitung, choreografische Assistenz: Olga Swietlicka Dramaturgische Beratung: Angela Vadori Bühne, Musik: Johannes Steininger Kostüm: Bianca Fladerer Video: Magdalena Schlesinger Lichtdesign: Jan Derschmidt Assistenz: Franciska Grill

Wann & wo? Bis 24. November Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier Telefon: (01) 522 07 20-20www.dschungelwien.at

Zu SILK-Fluegge

... von der Theater-Aktion vor der Vorstellung

Rescue, Vorspiel

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