Kiku
09.12.2017

Starker musikalischer Sprachwitz um Sprachlosigkeit

„Muttersprache – Mameloschn“ über drei Generationen von Frauen im Wiener Kosmostheater.

Obwohl eingebettet in historische, politische, gesellschaftliche Zusammenhänge, ist das humorvolle, teils bitterböse, sehr assoziative und vor allem höchst musikalische Stück „ Muttersprache – Mameloschn“ im Wiener Kosmostheater zeit- und ortlos: Suche nach der eigenen – auch sexuell orientierten - Identität einer jungen Frau, Sprachlosigkeit zwischen Generationen, Abgrenzung bis Widerwilligkeit zur eigenen Herkunft, Nostalgie kontra Geschichtslosigkeit. Letztere wird knapp nach Beginn mit einem eigenen Song thematisiert: „Get ready for history repeating“.

Kommunistin, Jüdin - na und?!

Das Stück stammt von der erst 32-jährigen – noch in der Sowjetunion geborenen, als Kind nach Deutschland gekommenen – mittlerweile Hausautorin am Berliner Maxim-Gorki-Theater, die schon mit etlichen Prosa- und Theatertexten aufhorchen ließ (Weißbrotmusik, Weltrettungsauftrag…). Die eineinhalb Stunden drehen sich um Großmutter (Lin), Mutter (Clara) und Tochter (Rahel) – somit natürlich auch wiederum zwei Mütter und zwei Töchter. Die älteste hat ein Konzentrationslager der Nazis überlebt, lebte als bewusste Antifaschistin und Kommunistin in der DDR und ist ihrer Überzeugung treu geblieben, was für ihr Judentum nicht ganz so stark gilt. Ersteres wird unter anderem mit der auf Deutsch, Hebräisch, Französisch und Serbisch gesungenen „Internationalen“ und anderen Arbeiterliedern „gewürdigt“, zweiteres nicht zuletzt durch den Titel – wobei Mameloschn jiddisch ist und Muttersprache bedeutet – mit dem Treppenwitz, dass trotz der selben Muttersprache Menschen einander oft nicht verstehen.

Der mittleren Frau, Tochter und Mutter, ist beides wurscht bis zuwider. Und die Jüngste hält vor allem ihre eigene Mutter und deren Kontrollwahn nicht aus, sie vertschüsst sich zum Studium nach New York.

Geniale Musik-Erfindung

Das Abarbeiten an der – jeweiligen – Mutter ist dank der von Beginn an auf einer Seite der Bühne stehenden riesigen Buchstaben dieses Wortes, die später – beleuchtet – ins Zentrum rücken, die ganze Zeit im Blickfeld; wobei zwischenzeitlich „nur“ einige Buchstaben davon zu „MUTE“ (stumm im Sinne von sprachlos) zusammengestellt werden ;)Die drei Schaupielerinnen, hier oft auch Tänzerinnen - Suse Lichtenberger, Michèle Rohrbach, Martina Rösler - wechseln praktisch ständig ihre Rollen in der weiblichen Generationenfolge, fallweise schlüpft auch die meist ein wenig abseits spielende Musikerin in die Rolle der Großmutter. Jelena Popržan erzeugt mit ihrer Spezialbratsche (fünf Saiten und einem elektronischen Octaver, der sie fallweise fast wie einen Kontrabass klingen lässt) und vor allem ihrer eigenen genialen Erfindung – eine Geige, die mit langen Drahtfedern mit an der Decke hängenden Schlagzeug-Trommeln als externe Resonanzkörper – die passenden klanglichen Atmosphären der Stimmungen zwischen den handelnden Frauen. Wobei die privaten Konflikte hin und wieder eingebettet werden in die politische Geschichte – etwa des Trogs voller Blut, in denen Zettel, die an handgeschriebene Plakate erinnern, getaucht werden.

So tragisch die häufige Sprachlosigkeit – „willst du wirklich (nicht) reden“ – die nicht selten mit vielen Worten zu kaschieren versucht wird, auch ist – das Stück (Regie: Sara Ostertag) ist reich an Sprachspielen, Wort- und jiddischen Witzen, verstärkt durch Situationskomik vor und im Maul des großen korbgeflochtenen Bartenwals, der den hinteren Teil der Bühne dominiert (Ausstattung: Nanna Neudeck). Und nicht zuletzt kommt fast jeder und jedem im Publikum – trotz der Verfremdungen der konkreten Handlungen auf der Bühne – so manche Situation und so mancher Sager aus dem eigenen Leben ja nicht gerade unbekannt vor ;)

Was? Wer? Wann? Wo?

Muttersprache - Mameloschnvon Sasha Marianna Salzmann

Koproduktion makemake produktionen & KosmosTheater Wien

Mit: Suse Lichtenberger, Jelena Popržan, Michèle Rohrbach, Martina Rösler

Regie: Sara Ostertag Musik: Jelena Popržan Ausstattung: Nanna Neudeck

Produktionsleitung: Daniela-Katrin Strobl Regieassistenz: Anita Buchart

Wann & wo?Bis 16. Dezember 2017 sowie14. bis 24. Februar 2018

KosmosTheater, 1070 Wien, Siebensterngasse 42 Telefon: (01) 523 12 26www.kosmostheater.at

www.makemake.at