Szenenfoto aus Rauch-Pause der Schall- und Rauch-Agency

© Theresa Pewal

Tschick, Bananen und andere Süchte
11/23/2016

Tschick, Bananen und andere Süchte

„Rauchpause“ - eine witzige, verspielte, spielfreudige Performance rund um Süchte und Genießen.

von Heinz Wagner

So viel Lachen bei einem „Problemstück“ war selten. Lustvoll, stark verspielt, schräg, sehr persönlich und damit voll authentisch tanzen, performen, singen und spielen Elina Lautamäki, Marco Payer, Gabriele Wappel in „Rauchpause“ über Süchte. Nie mit erhobenem Zeigefinger, ja nicht einmal wirklich „pädagogisch“, sondern grundehrlich und sehr, sehr humorvoll, im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückt. Schon der Titel ist das genaue Gegenteil des üblicherweise verwendeten Begriffs. Wird unter Rauchpause normalerweise verstanden, dass jemand Pause von der Arbeit oder was auch immer braucht, um der Nikotinsucht zu frönen, versteht die „schallundrauch agency“ den Titel genau umgekehrt – als Pause vom Rauchen.

Schleich dich, Tschick!

Das war auch der Ausgangspunkt für die Gruppe in ihrem mittlerweile üblichen Arbeitsprozess. Ein Thema ist da, die Mitwirkenden recherchieren, spielen, proben, probieren aus, Gedanken, Bewegungen, Musik, Gegenstände werden aufgenommen, weiterentwickelt, andere verworfen – die einen leichten, viele andere schwereren Herzens. Eine Szene über Handy- oder viele mehr Smartphone-Sucht wurde im Probenprozess schnell wieder rausgekippt, weil sie die Akteur_innen richtig aus dem Bühnenspiel gebracht hat. „Wir konnten nicht tanzen, uns nicht gscheit bewegen, weil wir uns so aufs Tippen konzentriert haben und die Stimmung dabei keine Gute war“, wie Gabriele Wappel – mit-Akteurin, Regisseurin und Gruppen-(Mit-)Gründerin zum Kinder-KURIER.

Diese Gabi – die Akteur_innen treten in den Stücken der „schallundrauch agency“ in der Regel mit ihren echten Namen auf, weil auch die verhandelten Geschichten und Geschichterln von ihnen selbst erlebt wurden und handeln – liest einen witzigen Abschiedsbrief an ihre letzte Zigarette vor. Ein Beziehungsdrama das zu Ende geht. Aus. Schluss. Und das noch mit einem Song „Hit the Road Tschick“ zur Melodie des fast gleichlautenden „Hit the Road Jack“ (Hau ab, Jack), das vor mehr als 50 Jahren in der Version von Ray Charles (als Duett mit Margie Hendricks) wochenlang Nummer1-Hit war.

Brauchst a Banane?

Elina, die schon eingangs als Fischfrau mit Sirenengesängen (in der griechischen Mythologie lockten die Sirenen mit ihren bezaubernden Gesängen Seefahrer an, um sie ins Verderben segeln zu lassen) betört, gibt sich ihrer Sucht nach Bananen hin, die von den beiden anderen als DIE Droge schlechthin angesehen wird. Marco frönt vor allem exzessiven Tänzen, in denen er vor allem inmitten aller anderen für und mit sich allein ist.

Fenster- und Ladensucht

Viele Facetten rund um Sucht(verhalten) – woher, wie, warum... - entfalten sich auf der Bühne durch situationskomische oder wortspielerische Darstellung der drei Performer_innen. Da es (fast) nichts gibt, wonach nicht wenigstens irgendwer süchtig werden könnte, fallen in einer Brainstorming-Szene Beispiele von der Fenstersucht (in alle Fenster reinschauen zu müssen) über eine ähnliche die Schubladen und Kästen betrifft bis zu Sternschnuppen- und jener danach, „ständig Fotos von der letzten Tschick zu schießen“. Womit sich der Kreis fast geschlossen hätte – samt dem David-Bowie-Song „Ashes to Ashes“ ;)

Halt, kein Bad End. Am Ende steht ein Plädoyer fürs lustvolle miteinander Genießen – in Maßen.

Crazy

Achtung: Diese nicht ganz einstündige Performance im Dschungel Wien kann zu Lach-Muskelkater führen. Vielleicht trifft auf vieles das finnische Wort „syntymästä humalassa“ zu. Auf Deutsch heißt dies „von Geburt an besoffen“ und entspricht am ehesten unserem „ver-rückt“ oder dem Englischen „crazy“.

Was? Wer? Wann? Wo?

RauchpauseEin Stück über Sucht und Suche, ein Selbstversuch von schallundrauch agencyPerformance, 55 Minuten, ab 12 Jahren

Konzept, Regie: Gabriele Wappel Co-Regie: Janina Sollmann Performance, Stückentwicklung: Elina Lautamäki, Marco Payer, Gabriele Wappel

Technische Leitung, Bühne, Licht: Silvia Auer Kostüm: Anna Panzenberger Coaching, Dramaturgie: Frans Poelstra Musikalischer Coach: Sebastian Radon Regieassistenz, musikalische Beratung: Sara Wilnauer Bühnenaufbau: Momo Maresch

Beratende Expertin (Psychologie): Agnes Blumenschein Workshops: Martin Wax

Wann & Wo?

Bis 16. Dezember 2016 Dschungel Wien, 1070, MuseumsQuartier Telefon: (01) 522 07 20-20www.dschungelwien.at