Umhergehen - in verschiedenem tempo eigene Wege ziehen - und doch immer auf die anderen achten!

© Heinz Wagner

Peace Camp
07/16/2014

Jugendliche zeigen, wie Frieden machbar wäre

Peace-Camp: Jugendliche zeigen, wie Frieden zwischen Jüd_innen und Palästinenser_innen machbar wäre + Beitrag einer jungen Teilnehmerin

von Heinz Wagner

Ein sehr warmer Sommernachmittag. Im dicht belebten Hof zwischen Kinderinfo, ZOOM Kindermuseum und dem Theaterhaus für junges Publikum, Dschungel Wien scheint sich was besonderes anzubahnen. Jugendliche, die zu einer Gruppe zu gehören scheinen, gehen - mal gaaaaaaaaanz langsam, mal rennen sie. Dazwischen stoppen sie immer wieder kurz.

Schauen auf, achten auf die anderen - bevor’s wieder los geht. Irgendwie schaut‘s nach einer Art Choreographie aus, die aber doch improvisiert, angepasst an die äußeren Verhältnisse - und die ja auch hir verkehrenden anderen Besucher_innen - angepasst wird. Worte sind keine nötig, jene, die sich die Abschluss-Performance des diesjährigen, bereits 12. Peace-Camps anschauen wollen und im Theaterhaus zuerst vertröstet wurden, draußen zu warten, folgen automatisch diesen Mädchen und Burschen in den Theatersaal. Dort setzten sie ihre Gänge fort - nur jetzt die meisten mit einheitlichen weißen Masken - wir sind alle gleich kommt die Botschaft rüber.

Lebensfreude trotz...

Ob gespielte (Schulhof-)Szenen, Tänze aus ihren Herkunftskulturen, bei denen stets fast alle mitmachen, Raps, herzerweichende Lieder, kurze Statements oder die als Zugabe mehrfach wiederholte große Rhythmus-Percussion-Runde mit Besen, Blechdosen usw. - die rund drei Dutzend Jugendlichen vermitteln volle Lebensfreude - wenngleich mit dem einen oder anderen Schuss Nachdenklichkeit und Trauer. Vor allem aber drücken sie eines jedenfalls ungeschmälert aus: Gemeinsamkeit. Miteinander für eien bessere Welt kämpfen - und zwar ohne Waffen.

Nachrichten aus der Heimat

Und das ist für die Hälfte dieser Jugendlichen keine einfache Sache - sie kommen aus Israel, Jüd_innen und Palästinenser_innen. Just zu der Zeit, als sich die Konflikte zwischen den beiden Völkern in ihrer Heimat leider wieder einmal verschärften, Jugendliche auf beiden Seiten entführt und ermordet wurden, Raketen hin und her geschossen werden. Da stand natürlich während des Peace-Camps auch die Aufgabe auf dem Programm, gegenseitige Vorurteile und Feindbilder abzubauen. Weg vom „die anderen“ hin zum die einzelne/der einzelne.

Fußball als Puffer-Thema

Zeitweise überlagerte in Lackenhof - wo das Peace-Camp nach einigen Jahren im Waldviertel diesmal stattfand - der erneute Fast-Kriegszustand im Nahen Osten die Gespräche so sehr, dass die Workshop-Leiter_innen „neutrale“ Themen in die Diskussionen einbrachten. „Da haben wir dann zum Beispiel über Fußball geredet“, berichte Josipa Cvitić dem Kinder-KURIER. Atheer Ismael, Workshop-Begleiterin beim Friedens-Camp und von Beruf Kunstvermittlerin in zwei Wissenschaftsmuseen in Israel: „Ich hab einfach die ganze Woche keine Nachrichten geschaut und gehört. Und als ich am letzten Tag in Lackenhof meinen Facebook-Account aufgerufen habe ---- alles voll. Ich hab so Fieber gekriegt wie schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr.“ Und dennoch vermittelt auch sie: Hoffnung und trägt das arabische Schriftzeichen für Haja um den Hals. „Auf hebräisch heißt es Chaim und das steht beides für Leben!“

Der bekannte Dirigent Daniel Barenboim - mit israelischem UND palästinensichem Pass - im Hamburger Abendblatt: Es gibt keine militärische Lösung!

Meeral Ibrahim (16)aus der bilingualen und bikulturellen (Hebräisch und Arabisch) Schule „Hand in Hand“ in Jerusalem fiel durch einen starken, mitreißenden Rap-Auftritt auf. Kaum zu glauben, als sie sagt, „das war meine erste öffentliche Performance“, allerdings rappt sie „schon seit ich ungefähr 10 bin, aber immer nur zu Hause und meistens ganz allein“. Die Nachrichten von daheim seien schon sehr schockierend gewesen, „aber wir sind ja hier, um Frieden zu promoten – von beiden Seiten“, verwirft sie alle Hoffnungslosigkeit und strahlt aus: „Wir Jungen werden das hoffentlich auch schaffen!“

Snir Kril, 14 aus der Kibbuz-Schule von Yagur im Zentrum Israels, der eigentlich gar nicht wirklich zurück wollte aus dieser friedlichen wieder in die fast Kriegssituation nimmt jedenfalls - in einem Fernseh-interview - aber mit: „Man kann nicht sagen, die Seite ist schuld oder die andere – es liegt an beiden Seiten!“

Sümeyra Coşkunaus dem Vorarlberger Lustenau ist ganz happy: „Mit dem Peace-Camp hab ich genau das gefunden, wonach ich schon lange gesucht habe“, freut sich die17-Jährige nach der Performance gegenüber dem Kinder-KURIER und strahlt übers ganze Gesicht, bevor sie sich den tränenreichen aber hoffnungsvollen Abschieds-Umarmungen mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern hingibt. „In der Schule ist viel zu wenig zeit und Raum, sich mit anderen Kulturen, Religionen und ähnlichen Themen zu beschäftigen. Hier haben wir das die ganze zeit gemacht.“

Seit dem ersten Peace-Camp sind neben jüdischen und palästinensischen Jugendlichen auch immer solche aus Österreich und Ungarn dabei. Die ungarischen Teilnehmer_innen kommen seit acht Jahren aus einer Schule in Budapest. Baranyi Bence (16) erzählt: „Natürlich haben wir nicht dises Konfliktsituation oft nahe an der Grenze zum Krieg wie im Nahen Osten, aber bei uns gibt es viele Auseinandersetzungen und Vorurteile gegenüber Roma und Sinti. Auch wenn ich diese nicht hatte, vom Peace-Camp kann ich schon auch für Diskussionen mit Leuten, die über Roma und Sinti schimpfen, Argumente und Erfahrungen mit nehmen.“

Apropos Ungarn: Gabor Hegedüs, der vor drei Jahren am Peace-Camp teilgenommen hat, kam - wie auch schon in den beiden vergangenen Jahren - extra aus Budapest "nur" für die Abschluss-Performance seiner Nach-nach-nach-folger_innen angereist so bewegt hat ihn die damalige Aktion. "Viele von uns sind noch immer in regelmäßigem Kontakt untereinander. Einige kommen auch im Sommer zusammen."

Jugendliche interviewen Jugendliche

Mónika (17), wie hast du vom Peacecamp erfahren?

Eine Lehrerin aus meiner Schule hat mich und weitere Schüler und SchülerInnen aus unterschiedlichen Klassen gefragt ob wir Lust hätten mit zu fahren.

Wie waren deine Erwartungen?

Ich wusste recht wenig übers Camp und daher auch nicht, was mich erwarten würde.

Wie hat es dir letztendlich gefallen? Bzw. hat dir etwas nicht gefallen?

Ich hatte unglaublich viel Spaß in dieser Zeit, v.a. mochte ich die Proben für die Aufführung. Die Stunden, als zwei Betreuer eine offene Diskussion über die Frage, ob Ein-Staat oder Zwei-Staat für den Nah-Ost-Konflikt als Lösung erscheinen würde, abhielten, mochte ich nicht besonders. Es kam mir wie eine Morgen-Talkshow vor, nur eben in den Nachmittag verlagert.

Hast du etwas Neues dazu gelernt?

Als wir bei den talks4peace-Stunden lebensgroße Umrisse von uns aufmalen mussten und dann Eigenschaften, Hobbys usw. einfügen sollten, habe ich vor allem viel über mich selber gelernt.

Hat das Peacecamp dich in irgendeiner Art und Weise für die Zukunft weitergebracht?

Ich habe auf jeden Fall viele, neue Freunde gefunden und hoffe mit diesen in Kontakt zu bleiben. Außerdem denke ich, dass ich in Zukunft immer noch an meiner Schüchternheit arbeiten muss, hier jedoch einiges in diese Richtung erreicht habe.

Das letzte Interview führte Josipa Cvitić, selber Camp-Teilnehmerin (16)

Frieden in der Nachbarschaft

Sümeyra Coskun führte noch mit Amitay Carmon (15), einem jüdischen Jungen aus Israel ein kurzes Interview. In diesem erzählte er ihr: „Ich bin zum Friedenscamp gekommen, um die Geschichten von arabischen und anderen Jugendlichen zu hören. Für mich war’s interssant zu sehen und erleben, ob die Araber_innen hier genau so gut sind wie die in meiner Nachbarschaft, weil wir leben zu Hause in friedlicher Nachbarschaft. Wir können doch nicht von bösen Juden, bösen Arabern reden oder gar von Tod den einen oder den anderen.“

Natürlich ist er angesichts der aktuellen Situation sehr besorgt, aber „ich habe die Hoffnung, dass sich was ändern kann, wenn die Hamas aufhört uns zu verletzen. Ich will nichts Böses über sie sagen, aber ich kannte sie schon vorher.“

Flashmob im MQ

... einer Wiener Teilnehmerin

Einige Tage nach dem Camp übermittelte Josipa Cvitić (16) einen reflektierten persönlichen Erfahrungsbericht, hier ist er:

Peacecamp. Bei dem Wort denkt man womöglich an eine Runde naturliebender Tagträumer, die eine Friedenspfeife rumgehen lassen oder an eine Gruppe von Menschen, die mit bunt bemalten Gesichtern Bäume umarmen. Jedenfalls kommen nicht Gedanken von Tränen, Wutausbrüchen oder zugeschlagene Türen auf. Warum eigentlich nicht? Schließlich gingen während des Peacecamps 2014 in Lackenhof Tränen Hand in Hand mit Diskussionen über Frieden. Diesen Sommer waren rund drei Dutzend Jungen und Mädchen aus vier verschiedenen Ländern in einem kleinen Dorf untergebracht, um dort einerseits ihre Meinungen zu vertreten, Neues über andere Kulturen aber auch zuhören zu lernen.

Gleich am ersten Tag wurden wir gefragt, was unsere Erwartungen für die kommenden zehn Tage sind. „Ich möchte meine Perspektive schildern, neue Menschen kennen lernen und zuhören“ , war die am öftesten gegebene Antwort. Gleich in der ersten „Large Group“, einer zweistündigen Diskussionsrunde, an der alle PeacecamperInnen und alle BetreuerInnen teilnehmen müssen, kam der mehr als schwierige Konflikt des Nahen Osten auf. (Meist wird das Gespräch mit einer Frage eingeleitet und in eine bestimmte Richtung gelenkt, damit die Themen abwechslungsreich bleiben.) Fragen wurden gestellt, verschiedene Meinungen eingeholt und unterschiedliche Situationen geschildert. Ob man nun erzählt bekommt, wie die Checkpoints an der Grenze zum West-Jordanland funktionieren oder was genau in den vor kurzem geschehenen Kidnappings von drei israelischen und einem palästinensischen Jungen passiert ist, fast immer glitzerten Tränen in den Augen einer oder mehreren Personen.

Niemand hat erwartet, dass es leicht ist. Niemand hat erwartet, dass wir zu einer Lösung kommen. Und doch spürte ich eine gewisse Enttäuschung, die nicht abzuschütteln ist. Schließlich kamen doch insgesamt 32 Jugendliche aus den unterschiedlichsten Ländern zusammen, um zu diskutieren und zu einer friedlichen Lösung zu kommen.

Nach einigen Tagen, in denen wir zusammen Musik gemacht, geschauspielt, eine Menge verschiedener Spiele gespielt, Wörter in einer fremden Sprache gelernt und anderen beigebracht, gelacht, Sport gemacht, geweint, das Essen, die Zimmer geteilt haben und viel gegangen sind, ist mir klar geworden, dass es genau das ist, was wir in diesem Camp erfahren sollen. Es sind nicht nur die Fakten und die Hintergrundgeschichten, die wir lernen sollten, sondern vor allem das weit unterschätze Zuhören, das Konfrontieren und das Mitfühlen. Es stimmt, dass wir PeacecamperInnen zu keiner Lösung kommen konnten, aber wir konnten dennoch Freundschaften schließen und selbst mit Jungen und Mädchen „von der anderen Gruppe“ Freude teilen. Letztendlich war es wichtiger was die Eigenschaften eines Menschen und seine Gedanken zu einem Thema waren, als die Herkunftsgeschichte oder die seines Landes. Nicht nur, aber vor allem wegen dieser Erkenntnis hat sich die Teilnahme schon gelohnt.

Performance im Dschungel Wien

(Nationale) Tänze und internationale Musik

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.