Kiku
07.12.2016

Mode inklusiv, rollbare Bänke, essen statt wegwerfen!

Projekte mit und für Jugendliche - in Österreich und grenzüberschreitend. Erstmals wurde der Österreichische Jugendpreis verliehen.

Update 10. Dezember 2016, 20.12 Uhr: Ergänzung um Foto-Ausstellung über die Wiener Jugendarbeit

Wer denkt beim Mode Designen und Machen an Menschen in Rollstühlen oder mit anderen Handicaps? Bisher kaum wer. „Ich mache nicht nur Mode, sondern engagiere mich auch schon lange und gerne sozial“, beginnt die junge Modemacherin Özlem Turan ihre Beweggründe für ihr Projekt „Reißverschluss: Weil wir uns nicht verschließen“ im Gespräch mit dem Kinder-KURIER zu erläutern. „Wer im Rollstuhl sitzt braucht zum Beispiel kürzere Oberteile – aber das ist nur ein Beispiel. Und vor allem ist die Idee, Kleidungsstücke auch modisch zu designen. Bei einer Kollektion ist üblicherweise alles zuerst fertig, dann kommt es an die Konsumentinnen und Konsumenten. Hier geht es darum, auch zuerst Feedback von den Betroffenen zu bekommen. Was muss wir anders sein, damit es für sie auch praktisch ist.“ Für die Idee und die ersten Entwürfe, die im Action Pool der Young Caritas entstanden sind, wurde Özlem Turan für „Reißverschluss“ mit einem der Awards des erstmals vergebenen Österreichischen Jugendpreises ausgezeichnet.

Breiter Bogen

Vom gemeinsamen Kochen im Park über Mode für Menschen mit und ohne Behinderungen, verschiebbaren Selbstbau-Parkbänken bis zu internationalen Begegnungen Jugendlicher, um gemeinsam Medien zu machen spannt sich der Bogen von Projekten, die Dienstag Abend mit dem genannten Preis in drei Kategorien ausgezeichnet wurden – von Ministerin Sophie Karmasin und Nymand Christensen, seines Zeichens stellvertretender Generaldirektor für Bildung und Kultur der Europäische Kommission.

Erfunden worden war der Preis, um im Jahr der (außerschulischen Jugendarbeit), zu der 2016 ausgerufen wurde, die vielfältigen Projekte und Einrichtungen in diesem Bereich vor den Vorhang zu holen und entsprechend Wert zu schätzen. Rund eineinhalb Millionen Kinder und Jugendliche kommen in den Genuss der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit. 153 Projekte haben sich um die Preise in drei Kategorien beworben: „Eure Projekte“, „Nationale Jugendarbeit“ und „Erasmus+: Jugend in Aktion“, je fünf wurden ausgezeichnet.

Eure Projekte

In der Kategorie „Eure Projekte“ wurden Initiativen von Jugendlichen ausgezeichnet. Kriterien für die Auswahl waren das Engagement und die Verantwortung der Jugendlichen sowie der Nutzen für die Allgemeinheit. Die fünf – gleichwertigen – Gewinnerprojekte in dieser Kategorie sind:

  • „Reißverschluss: weil wir uns nicht verschließen“, bei dem durch eigens angefertigte Kleidungsstücke für körperlich beeinträchtigte Personen der Fokus von Handikaps abgelenkt wird
  • die Ausstellung „ Anne Frank. Eine Geschichte für heute“: Im Herbst des zeigte die 7. T2-Generation des Vereins Talente Österreich diese Ausstellung in einer Bankfiliale. Im Laufe der zwei Wochen wurden zahlreiche Schulklassen kostenlos von 18 Peer-Guides durch die Ausstellung begleitet.
  • der Workshop „Respektvoller Umgang mit Mensch und Tier“: Lisa hat gemeinsam mit ihrer Hündin Keetah die SchülerInnen der Volksschule Oggau besucht. Die dortigen Schulkinder sollten soziales Verhalten, Denken und Handeln, sowie den respektvollen Umgang mit Menschen und anderen Lebewesen wie z.B. Hunden auf spielerische, kreative Art und Weise üben.
  • der „Spielerische Deutschsprachkurs“ für Flüchtlingskinder: Barbara möchte Flüchtlingskindern des Flüchtlingsheims Reichenau deutsch beibringen. Sie hatte viele Ideen um den Kurs so spielerisch und spannend wie möglich zu gestalten, die sie erfolgreich umsetzen konnte. Nicht nur die Kinder haben sehr viel gelernt, sondern auch ihre Helfer_innen und sie selbst konnten viele positive und hilfreiche Erfahrungen aus dieser Zeit mitnehmen.
  • das Food-Sharing-Projekt „Verwenden statt Verschwenden“: Im BG Dornbirn ( Vorarlberg) blieben in der Schulkantine viel zu viele Lebensmittel übrig und wurden entsorgt. Da kamen Schüler_innen auf die Idee, die genießbaren Reste in einem Food-Sharing-Kühlschrank bereitzustellen, aus dem Flüchtlinge gute Gerichte zeitlich unabhängig abholen können und die Speisen dadurch nicht in den Bio-Müll kommen. Einer der Schüler, selbst ein Flüchtling, bringt die Speisen meist in die Unterkunft.

Nationale Jugendarbeit

In der Kategorie „Nationale Jugendarbeit“ ging der Hauptpreis ging an das „Luteracher Bänkle“, ein Projekt der Offenen Jugendarbeit Lauterach zur Förderung der Lebensqualität und des Miteinanders im öffentlichen Raum. Die Bänke schauen aus wie eine Mischung aus Bank und Scheibtruhe (Schubkarre) und werden von Menschen aus der Bevölkerung gebaut, können ganz nach Bedarf mobil weitergeschoben werden und so dort stehen, wo sie gerade gebraucht werden. Die Bänkle sind flexibel, mobil, fördern das Zusammenkommen und den Austausch und gehören allen. Die Luteracher Bänkle sollen den Diskurs über die gemeinsame Nutzung des öffentlichen Raums anregen. 20 davon gibt’s derzeit, keine einzige ist abhanden gekommen oder demoliert worden!

Die vier Anerkennungspreise gingen an

  • „Jugend am Wort“, eine Initiative zur aktiven Mitgestaltung in der Gemeinde Birkfeld: Allen Jugendlichen zwischen 14 und 30 Jahren können in dieser steirischen Gemeinde ihre Meinung bzw. ihre Wünsche für die Marktgemeinde Birkfeld.
  • das partizipative Kulturprojekt „z6 Kulturproduktionen“ aus Tirol: Ein vielfältiges Programm – Kochen, HIP-HOP-Café, Deutschkursen, Ausstellungen, Beatbox-Kitchen, Breakdance, Jamsessions, Graffiti- oder Siebdruckworkshops – steht Jugendlichen zur Verfügung, um ihre Talente auszuprobieren und zu fördern.
  • „72 Stunden ohne Kompromiss“ der katholischen Jugend und der Young Caritas: „72 Stunden ohne Kompromiss“ ist Österreichs größte Jugendsozialaktion, bei der sich tausende Jugendliche in ca. 350 Einzelaktionen 72 Stunden lang für einen sozialen Zweck engagieren. Heuer fand die Aktion bereits zum 8. Mal statt.
  • Die „Jugendteams im aha ( Vorarlberg), Schuljahr 2015/16“: Jugendliche aktiv in die Gestaltung und Weiterentwicklung des aha, dem Jugendinformationszentrum Vorarlberg, mit einbeziehen und gewährleisten, dass Informationen und Angebote für Jugendliche relevant sind – das ist die Idee hinter den Jugendteams. Die mit Vorarlberger Jugendlichen entwickelten Teams übernehmen unterschiedliche Aufgaben im aha und sind in die Organisationsstruktur voll eingebunden.

Über den Tellerrand

Grenzüberschreitende Initiativen aus der Jugendarbeit wurden in der Kategorie „Erasmus +: Jugend in Aktion“ ausgezeichnet. „Youth EVS Tirol 2014“, eine Initiative für die Gestaltung des Europäischen Freiwilligendienstes mit Mehrwert für Freiwillige, gastgebende Einrichtungen und die lokale Jugend, bekam hier den Hauptpreis verliehen. Fünf Jugendliche aus Litauen, Spanien, Bulgarien und der Türkei wurden über das InfoEck, die Jugendinfo Tirol, in Jugendzentren bzw. Jugendeinrichtungen nach Telfs, Innsbruck, Hall in Tirol, Schwaz und Kirchbichl vermittelt, wo sie bei der Medienarbeit, Veranstaltungsorganisation, Jugendarbeit, beim Projektmanagement und bei pädagogischen Aufgaben wertvolle Beträge leisten konnten. Es wurden in Folge von den Freiwilligen sogar zwei „Eure Projekte“ initiiert und umgesetzt, ein Radioprogramm erstellt, eine Poster-Kampagne über Migration und Flucht, welche nun österreichweit im Einsatz ist, gestaltet, Seifenkistenrennen veranstaltet, es wurden diverse Veranstaltungen zur Bewerbung des EFD von ihnen partizipativ mitgestaltet und zudem Kooperationen mit den sendenden Organisationen intensiviert oder sogar neue gestartet. Alle Freiwilligen haben viel Selbstvertrauen gewonnen, ihre Sprachkenntnisse in Englisch und Deutsch maßgeblich verbessert, ihre sozialen und beruflichen Kompetenzen ausgeweitet und viel zum kulturellen Austausch in den jeweiligen Gemeinden beigetragen.

Die weiteren Preise in dieser Kategorie gingen an:

  • „Picturing the Global South: The Power behind Good Intentions“ von Service Civil International Österreich: Im November 2015 kamen 24 Teilnehmer_innen aus Freiwilligenorganisationen aus neun europäischen Ländern bei einer Fachkräftemobilität in Wien zusammen, um darüber zu diskutieren und zu reflektieren, ob, wer, wie und warum von Europa in den Globalen Süden versendet werden soll, um einen Freiwilligendienst zu absolvieren. Viele europäische Freiwillige haben gute Absichten, wollen „helfen“, aber wie reflektieren Freiwillige über postkoloniale Machtstrukturen, die hinter gewissen Ideen von „Entwicklung“ stecken? Der Diskurs rund um Freiwilligenarbeit im Globalen Süden mit einem macht- und normkritischen Ansatz wurde nicht nur den Teilnehmer_innen des Seminars, sondern auch weiteren Menschen zugänglich gemacht und zu einem kritischen Umgang angeregt. Dazu dient auch das Toolkit, das online zum kostenlosen Download bereitsteht: Hier geht's zu diesem "Werkzeug-Koffer".
  • das Projekt „Key to employability – Inercultural Competence“ des JuKult Jugend und Kulturverein: Diese Fachkräftemobilität brachte 25 JugendarbeiterInnen und in der Jugendarbeit-Aktive aus Österreich, Armenien, Bulgarien, Deutschland, Georgien, Moldawien, Portugal, Rumänien, Ukraine und Weißrussland. Ziel war es, Methoden und Tools kennenzulernen, die jungen Menschen bei der Entwicklung von Interkultureller Kompetenzen helfen und damit auch ihre Beschäftigungsfähigkeit fördern.
  • die Jugendbegegnung „Europe – Identity under (de)construction“: Ohne fixe Strukturen und mit wenig Rückhalt hat eine informelle Gruppe junger Menschen eine Begegnung von 40 jungen Menschen aus Österreich, Bulgarien, Polen und Spanien im Sommer des Vorjahres auf die Beine gestellt. Auf spielerische Weise setzten sich die Teilnehmer_innen mit europäischer Identität in Form von Theater, Texten, Musik, Fotos, Film, Radio und Video auseinander. In mehreren Kunstaktionen sowie bei Straßentheater-Performances im öffentlichen Raum wurde das Thema auch öffentlich zugänglich.
  • die Initiative „Jump in!“ der Plattform Generation Europa: Der Verein „Plattform Generation Europa“ hat in Kooperation mit einer Partnerorganisation in Jordanien ein Europäisches Freiwilligendienst-Projekt organisiert. Johanna Damböck konnte als Europäische Freiwillige nach Jordanien reisen. Ihre Hauptaufgabe war es in einem palästinensischen Flüchtlingslager mitzuhelfen und den Kindern und Jugendlichen dort Englisch beizubringen. Zudem organisierte sie Aktivitäten zu Jugendpolitik und Sozialer Beteiligung und brachte sich aktiv bei der Entwicklung neuer Projekte ein. Die Plattform wird weiteren jungen Österreicherinnen und Österreichern solche Auslandseinsätze in Partnerländern im arabischen Raum möglich machen.

Zur Website des Jugendpreises

... aus allen ausgezeichneten Projekten

... über Wiener Jugendarbeit

„Das kann die Wiener Jugendarbeit
Rund 30 Fotos zeigen den Alltag der Wiener Jugendarbeit und geben Einblicke. Die Ausstellung ist bis Ende April 2017 im wienXtra-institut für freizeitpädagogik zu sehen.
Öffnungszeiten:
Mo, Fr: 10 bis 13 Uhr
Di, Mi, Do: 13 bis 16 Uhr
1080, Albertgasse 35/II
Eintritt frei!
www.ifp.at