Jugendliches Podium und Journalist_innen samt den Forderungen auf das Recht von Schutz, Bildung, Familie und soziale Sicherheit

© Heinz Wagner

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11/20/2015

Kinderrechte auch für Kinderflüchtlinge

Sechs jugendliche Flüchtlinge stellten sich Fragen jugendlicher Journalistinnen und Journalisten.

von Heinz Wagner

Nach einigen Aktionen im Vorfeld stieg am Geburtstag der Kinderrechtskonvention selbst eine Jugend-Pressekonferenz in der Wiener Albertina. Zum einen, wie Elisabeth Schaffelhofer-Garcia Marquez vom Netzwerk Kinderrechte einleitend betonte: „Es ist euer Festtag, der Geburtstag Eurer Rechte“ und zum anderen erinnert Hausherr Klaus Albrecht Schröder daran, dass das Palais 1792 Herzog Albert und Marie Christine als „Flucht“-Quartier diente.

Die Statthalter in den zum Habsburgerreich zählenden Niederlande wurden dort aus ihrem Schloss, dem heutigen belgischen Königsschloss, vertrieben. Das könne aber fast nicht mit demselben Begriff bezeichnet werden wie das Schicksal, das jene sechs jungen Menschen haben/hatten, die am Podium dieser Pressekonferenz saßen.

Zakia und die Bildung

Derai und Zakia, der eine aus dem Irak, die andere aus Afghanistan haben schon vor mehr als zehn Jahren als junge Kinder mit ihren Familien Zuflucht in Österreich gefunden. Ersterer studiert derzeit Wirtschaftsrecht und arbeitet daneben schon in einer großen einschlägig spezialisierten Kanzlei. Zakia hat dieses Jahr maturiert, nachdem sie, wie sie erzählte, in den Sommerferien vor ihrer Gymnasialzeit „fast nichts geschlafen hatte – aus Sorge davor, ob ich die Schule schaffen werde. Und in der Volksschule hab ich keine Sprachförderung bekommen, ich musste jeden Tag zu Hause drei bis vier Stunden Deutsch lernen, mein kleiner Bruder braucht heute nur seine Hausübung machen“, erzählt sie von den Schwierigkeiten am Anfang ihrer Bildungskarriere. Bildung ist ihr Herzensanliegen und sie „ist Österreich dankbar dafür, dass hier weder soziale Schicht, noch Religion oder Geschlecht eine Rolle spielt. In Afghanistan bist du als Frau benachteiligt, darfst als Mädchen oft nicht einmal in eine Schule gehen.“

Mostafa und die österreichische Bürokratie

Ganz anders stellt sich die Situation für jene dar, die später, zum Teil erst vor kurzem in Österreich Zuflucht gefunden haben. Mostafa, vor drei Jahren aus Afghanistan allein in Wien gelandet erzählte die Leidensgeschichte seines Asylverfahrens in dem einmal ein Richter gewechselt hat, alle Unterlagen verschwunden und eine Säumnisbeschwerde frisch nicht fristgerecht bearbeitet worden sei. Mit einem kräftigen Schuss Galgenhumor meint Mostafa: „Ich habe die österreichische Bürokratie sehr gut kennen gelernt.“

Reza wurde älter gemacht

Noch krasser erging/ergeht es Reza, der auch aus Afghanistan flüchten musste. Zuerst fand die Familien Zuflucht im Iran. „Dort hatte ich aber keine Chance. Als Ausländer durfte ich nicht in die Schule gehen.“ Also zog er weiter, kam vor sieben Monaten als 16-Jähriger in Österreich an. „Aber da haben sie mein Alter nicht akzeptiert“, übersetzt für ihn Mostafa, der in seinem Verfahren längst keinen Dolmetscher mehr braucht. „Jetzt haben sie mich auf 18 Jahre und neun Monate geschätzt.“ Folge: Als nicht-mehr Jugendlicher flog er aus diesen besseren Betreuungsprogrammen, wurde in eine abseits gelegenen Unterkunft für Erwachsene in der Steiermark verschickt, „ich darf nicht in eine Schule gehen, habe dort keinen Deutschkurs“, wirkt er mehr als zerknirscht.

Mohammad, 15, wollte in die Schule

Da hat’s Mohammad deutlich besser. Der 15-Jährige Kurde aus dem syrischen Aleppo, der mit seiner Familie flüchten musste, weil er und seinesgleichen „Freiheit“ und ähnliches auf hausmauern geschrieben hatten, landete zunächst in der Türkei. Da gab’s für ihn aber keine Möglichkeit eine Schule zu besuchen. „Traust du dir zu alleine weiter zu flüchten“, fragte der Vater. Und Mohammad traute es sich zu. Seit acht Monaten ist er in Österreich. Nach Traiskirchen kam er ins Georg-Danzer-Haus des Vereins Fluchtweg in Wien „und kann da gut leben und lernen, auch Deutsch“. Letzteres übrigens für diese kurze Zeit mehr als erstaunlich gut.

Ali liebt Vielfalt und Demokratie

Der sechste im Bunde, der seine Geschichte kurz erzählte, war Ali (17) aus Somalia. Der Bursch, der vor rund eineinhalb Jahren nach Österreich gekommen ist, hat – so die Frage einer jugendlichen Journalistin – auch „gar keinen Kontakt mehr zu meiner Familie, ich weiß nicht, was mit ihnen ist. So geht es eben in Somalia zu“. Hier schätze er vor allem, „dass in dem Jugendwohnheim wo ich lebe viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Andere Kulturen und Sprachen kennen zu lernen und in Frieden und Demokratie zu leben liebe ich. Und jetzt lerne ich für meinen Hauptschulabschluss.“

Derai: Alle Friedliebenden gegen eine Minderheit von Mördern

Neben den Schilderungen ihrer eigenen Schicksale und Zakias Plädoyer für die Wichtigkeit von Bildung nahm Derai, der Wirtschaftsrechtler, der sich auch in der Jugendarbeit der muslimischen Jugend engagiert, Stellung zur aktuellen politischen Frage. Er erinnerte an die Aussagen des EU-Parlamentspräsidenten Martin Schultz, dass Flüchtlinge genau vor jenen wegrennen müssen, die Attentate wie in Paris verüben. Flüchten müssen sie unter anderem, weil das was jetzt in Paris verübte wurde in Aleppo und anderen Städten Syriens fast täglich passiert ist. Es ginge, so Derai, „um ein gemeinsames wir – auf der einen Seite all jene Menschen, die in Frieden leben wollen egal welcher Religion, Nationalität, Kultur usw. sie angehören und auf der anderen Seite die Mörder.“

Kinderrechte

Passend zum Anlasstag wollte der Kinder-KURIER wissen, wann die sechs Jugendlichen zum ersten Mal von Kinderrechten gehört hätten.

Zakia: „In Afghanistan ist es normal, dass du in der Schule oder zu Hause geschlagen wirst. Zu Hause hab ich nie Watschen gekriegt, in der Schule aber schon. Erst hier in Österreich hab ich erfahren, dass auch Kinder Rechte haben, auch nicht geschlagen zu werden.“

Derai: „Am ersten Tag der Volksschule hat mir mein Vater gesagt, hier in Österreich haben alle Rechte, Hunde, Kinder und Frauen!“

Reza: „Ich hab das erst gestern zum ersten Mal gehört.“

Mostafa: „Vor genau einem Jahr zum 25. Geburtstag der Kinderrechte hab ich das vom Netzwerk Kinderrechte erfahren.“

Mohammad: „Vor ein oder zwei Wochen ungefähr. Und im Park hab ich Kinder gesehen, die von ihren Eltern nicht geschlagen wurden, wenn sie was angestellt haben. In Syrien wären sie dafür gehaut worden.“

Ali: „Nach der Flucht in einem kleinen Boot übers Mittelmeer in Italien habe ich zum ersten Mal gehört, dass es Kinderrechte gibt.“

Schulprojekt

Die jungen Journalistinnen und Journalisten der Pressekonferenz kamen vom Gymnasium Linzer Straße (Wien-Penzing) sowie aus der 7b des Gyms F21, Franklinstraße 21. Letztere nehmen sich des Themas Flucht gleich umfassend an. „Gemeinsam mit einer Schule in Portugal machen wir ein eTwinning-Projekt“, berichtet Najma dem KiKu. „Wir behandeln das Thema in vielen Gegenständen, in Deutsch, Geografie, englisch und Französisch. Wir wollen auch zum Westbahnhof gehen. Einige von uns waren auch schon dort und am Hauptbahnhof, um freiwillig mitzuhelfen. Wir arbeiten jetzt an einem Englischen Video mit Statements von Jugendlichen dazu. Als wir Ende September von dem Projekt erfahren haben, haben wir uns sehr gefreut, mehr dazu machen zu können. Auch weil wir selbst von den 21 Schülerinnen und Schülern ungefähr 20 verschiedene Sprachen und Kulturen haben.“

www.kinderhaben rechte.at

Kinderrechte für Kinderflüchtlinge!

Die Asylkoordination Österreich hat über UMF - wie Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge, also solche, die ganz allein auf sich gestellt ohne Eltern und andere Verwandte unterwegs sind - eine eigene dreiseitige Information zusammengestellt - siehe Link unten.

Übrigens: In den vergangenen rund zehn Jahren sind 6.175 Jugendliche auf sich allein gestellt nach Österreich geflüchtet, 129 von ihnen waren sogar jünger als 14. Die Herkunftsländer liegen fast auf der Hand: Afghanistan, Syrien und Somalia liegen deutlich an der Spitze der insgesamt 30 Fluchtländer.

Und: Artikel 22 der am 20. November 1989 von der UNO-vollversammlung beschlossenen KinderRechtsKonvention hält fest, dass sich alle Staaten – die Konvention wurde mit Ausnahme der USA mittlerweile sogar von Somalia unterzeichnet (die Praxis ist natürlich in vielen Ländern eine andere Frage!) – verpflichten, „sicherzustellen, dass ein Kind (bis 18 Jahre), das die Rechtsstellung eines Flüchtlings begehrt... angemessenen Schutz und humanitäre Hilfe bei der Wahrnehmung der Rechte erhält....“

Und zu den Kinderrechten zählt natürlich auch jenes auf Bildung! Aber auch jenes auf Mitsprache!

Infoblatt der Asylkoordination zu UMF - Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge

http://umf.asyl.at/Infoblaetter/

... von der Jugend-Pressekonferenz

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