Spielball zwischen den Grenzen

"Hin und Her" von Ödön von Horváth
Foto: Ina Aydoğan Szenenfoto aus "Hin und Her" von Ödön von Horváth

Ödön von Horváths „Hin und her“ startet mit einer Einführung in Angern/March (NÖ) und spielt - nach der Fähren-Überfahrt - im Kulturhaus/Kultúrny Dom in Záhorská Ves (Slowakei).

„Hin und her“/“Sem a tam“, ein viel zu wenig bekanntes Stück von Ödön von Horváth, spielt auf einer Brücke. Der Hauptprotagonist bleibt dort hängen – zwischen den Grenzbalken der Länder X und Y. Ersteres, in dem er mit Ausnahme der ersten beiden WOCHEN sein ganzes Leben verbracht hat, weist ihn aus. Zweiteres, sein Geburtsland, lässt ihn nicht rein. Gespielt wird die Produktion im Rahmen des Viertelfestivals NÖ-Weinviertel mit einer Einführung in Angern an der March (NÖ) dann im Kulturhaus von Záhorská Ves (Slowakei) – auf Deutsch mit an die Wand projizierten slowakischen Übertiteln. Ironie der Geschichte und deswegen von Regisseurin und Dramaturgin bewusst gewählter Spielort: 28 Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ gibt es hier noch immer keine Brücke, lediglich seit 16 Jahre eine Fähre als schwimmende Verbindung über die hier schmale und seichte March.

"Hin und Her" von Ödön von Horváth Foto: Ina Aydoğan Zunächst zum Grundplot der 1933 geschriebenen Posse: Land X weist Ferdinand Havlicek (verzweifelt bis frustriert gespielt – und hervorragend gesungen – von Helge Salnikau) aus, weil seine Drogerie in Konkurs ging und er nun ohne Einkommen ist. Land Y lässt ihn nicht rein, weil er nicht rechtzeitig um Verlängerung seiner Staatsbürgerschaft angesucht hatte. Und so pendelt Havlicek zwischen den beiden Grenzbalken. Sowohl da als auch dort wird ihm beschieden: Unerwünscht, sozusagen „geh doch rüber!“. Ödön von Horváth 1933 hat „Hin und her“ geschrieben als er in Deutschland schon „unerwünschte Person“ war, in Ungarn gerade noch seinen Pass verlängern konnte und auch Österreich sein Stück nicht spielen wollte.

Skurriler Humor, bitterböse Ironie

"Hin und Her" von Ödön von Horváth Foto: Ina Aydoğan Zum Hauptstrang gesellen sich noch weitere skurrile Nebenhandlung, die humorvolle Szenen zur Ironie der bitterbösen Geschichte liefern: So verliebt sich die Tochter von Grenzerin X (zynisch bitterböse Gabriela Garcia Vargas ) in Grenzer Y (hochamtlichst korrektest Morteza Tavakoli), was der Mutter gegen den Strich geht, weil die da drüben so falsch sind. Evas (empathisch gefühlvoll Julia Plach) Widerrede, dass ihr Konstantin so aufrichtig ist, quittiert sie, das dies ja gerade das Heimtückisch an deren Falschheit sei. Noch schräger ist das – vermeintliche – heimliche Zusammentreffen der beiden Premierminister (Vargas und Plach) auf der Brücke. Der eine verspätet sich, da hält der andere den Brückenbewohner Havlicek für seinen Kollegen...

Regisseurin Christina Gegenbauer hat nicht nur den – leider (eine Brücke wäre nach drei Jahrzehnten schon ein Hit) - ideal geeigneten Ort gefunden, sondern sich auch die passende Bühne ausgedacht: Das Podest trennt die Publikumsreihen in der Mitte und ist als Tennisfeld konzipiert: Grenzerin und Grenzer sitzen auf den Schiedsrichter-Hochsitzen, die Grenzen sind Tennisnetze. Beim Tennis wie überhaupt in vielen Sportarten spiele Patriotismus bis hin zum übersteigerten Nationalismus eine große Rolle, unterstreicht die Regisseurin gegenüber dem Kinder-KURIER ihre Entscheidung.

Körperlich bis an die Grenzen (!)

"Hin und Her" von Ödön von Horváth Foto: Ina Aydoğan Die Wahl des sportlichen Ambientes führt nicht zuletzt auch zu einem sehr körperlichen, die Spieler_innen in den eineinhalb Stunden bis an die Grenzen (!) fordernden, Schauspiel. In den eineinhalb Stunden schlüpfen – mit Ausnahme Salnikaus – die anderen drei immer wieder in jeweils drei verschiedene Rollen. Im derzeit an sich schon ziemlich aufgeheizten Kulturhaus, wo du schon als Zuschauer nur beim Sitzen schwitzt, siehst du immer wieder, wie den Darsteller_innen der Schweiß von der Stirne nicht nur tropft, sondern rinnt. Unter anderem bald einmal nach Beginn bei Morteza Tavakoli, bekannt aus TV-Serien wie „Schnell ermittelt“, der zu Beginn als alter, tattriger Herr Fischer zwischen den Publikumsreihen „Würmer“ für seine fischende Frau sucht. Auch Julia Plach mischt sich schon zu Beginn in ihrer Rolle als Schmugglitschinksi, in dem Fall als Drogendealerin (abgebrüht) unter die Zuschauer_innen.

Viel mehr Details seien nicht verraten, auch wenn es nur mehr eine Aufführung am jetzigen Spielort gibt. Die (bedauerliche) brisante Aktualität von Menschen als Spielball zwischen Staaten und Grenzen könnte zu Wiederaufnahmen – auch andernorts – führen.

Infos

Was? Wer? Wann? Wo?

"Hin und Her" von Ödön von Horváth Foto: Ina Aydoğan Hin und  Her
Grenz-Groteske von Ödön von Horváth

Inszeniert von Stefanie Fröhlich und Christina Gegenbauer
Ein Projekt des Viertelfestivals NÖ-Weinviertel 2017 in Kooperation mit Acting Center Tavakoli

Regie und Bühne: Christina Gegenbauer

Es spielen:
Ferdinand Havlicek, Mann zwischen den Grenzen: Helge Salnikau
Thomina Szamek, Grenzorgan des Landes X: Gabriela Garcia Vargas
Eva, deren Tochter: Julia Plach
Konstantin, Grenzorgan des Landes Y: Morteza Tavakoli
Mrschitzka, ein Gendarm: Morteza Tavakoli
Frau Hanusch, bankrotte Wirtin aus Y: Gabriela Garcia Vargas
Premierminister von X: Gabriela Garcia Vargas
Premierminister von Y: Julia Plach
Frau Fischer: Julia Plach
Herr Fischer: Morteza Tavakoli
Schmugglitschinksi: Julia Plach

Dramaturgie:  Stefanie Fröhlich
Regieassistenz: Petra Rotar
Technik: Gary Maurer
Kostüme: Magdalena Schwentenwein
Werkstatt: Reinhard Gegenbauer, Heidemarie Gegenbauer, Bernhard Gegenbauer, Agathe Sauseng
Regie- und Bühnenbildassistenz: Petra Rotar
Produktionsassistenz: Vanessa Mazanik
Übersetzung: Ingrid Zelenay

"Hin und Her" von Ödön von Horváth Foto: Ina Aydoğan Wann & wo?
Bis 11. August 2017
18.30 Uhr: Einführung ins Projekt bei der Zollstation in Angern/March (NÖ, 2261, Zollamtsstraße)
dann Querung der Grenze zur Slowakei mit der Fähre
20.15 Uhr: Aufführung des Theaterstücks im Kulturhaus/Kultúrny Dom in Záhorská Ves (900 65, Hauptstraße 40/Hlavná 40

Kartenreservierungen: office@hinundher.at
Telefon: 0664/528 72 10
www.hinundher.at

Schnappschüsse (1)...

... rund um den Start in Angern/March

Stückplakat und auf die Überfahrt wartende Autos Theaterbesucher_innen vor der ehemaligen Zollstation Ehemalige Zollstation Theaterbesucher_innen vor der ehemaligen Zollstation Theaterbesucher_innen vor der ehemaligen Zollstation Theaterbesucher_innen vor der ehemaligen Zollstation Die March als Grenzfluss Keine Brücke, aber wenigstens - seit 2001 - eine Fähre Keine Brücke, aber wenigstens - seit 2001 - eine Fähre Keine Brücke, aber wenigstens - seit 2001 - eine Fähre Keine Brücke, aber wenigstens - seit 2001 - eine Fähre Keine Brücke, aber wenigstens - seit 2001 - eine Fähre
Schnappschüsse (2)...

... vor der Aufführung in Záhorská Ves

Blicke über die March von Záhorská Ves aus Blicke über die March von Záhorská Ves aus Blicke über die March von Záhorská Ves aus Blicke über die March von Záhorská Ves aus Kulturhaus/Kultúrny Dom Der Spielplatz/Detské ihrisko gegenüber Der Spielplatz/Detské ihrisko gegenüber In Záhorská Ves stehen alle paar Meter informative (GEdenk-)Tafeln, u.a. auf die jüdische Gemeinde und Opfer in der Nazizeit In Záhorská Ves stehen alle paar Meter informative (GEdenk-)Tafeln, u.a. auf die jüdische Gemeinde und Opfer in der Nazizeit In Záhorská Ves stehen alle paar Meter informative (GEdenk-)Tafeln, u.a. auf die jüdische Gemeinde und Opfer in der Nazizeit In Záhorská Ves stehen alle paar Meter informative (GEdenk-)Tafeln, u.a. auf die jüdische Gemeinde und Opfer in der Nazizeit In Záhorská Ves stehen alle paar Meter informative (GEdenk-)Tafeln, u.a. auf die jüdische Gemeinde und Opfer in der Nazizeit In Záhorská Ves stehen alle paar Meter informative (GEdenk-)Tafeln, u.a. auf die jüdische Gemeinde und Opfer in der Nazizeit
(kiku) Erstellt am
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