Kiku
24.01.2016

Satire gegen (militärische) Macht – mit Hintergründen

Neuer Theaterverein MAA* spielt im Wiener Off-Theater beliebtes Satire-Stück aus Ungarn - erstmals in Österreich.

Das alltägliche „was schaust'n so deppat?!“ wird beim hochrangigen Uniformträger zur kritischen – und eigentlich keinen Widerspruch duldenden Frage, was denn das Gegenüber da etwa im Hintergrund des Majors auszumachen hätte. Es sei ja ohnehin blöd, dass man ständig was im Rücken habe. Zu Boden solle er allerdings auch nicht blicken... Erst als die schlaue und sehr unterwürfige Ágika Tót, die Tochter des Feuerwehrhauptmanns, dem Herrn Vater rät, vielleicht seinen Helm ein wenig ins Gesicht zu ziehen, zeigt sich der Major zufrieden.

„Familie Tót“ ist derzeit in der White Box des Off-Theaters in der Wiener Kirchengasse zu erleben. Es ist die erste Produktion einer neuen engagierten Gruppe junger Theatermacher_innen, genannt MAA*, – dazu weiter unten.

Sinnlos hackeln gegen (Nach-)Denken

Der Major (Suse Lichtenberger) ist bei den Tóts vorübergehend eingezogen, um seinen Fronturlaub zu verbringen – in Ruhe und Stille. Auf Empfehlung des jungen Tót. Der ist Soldat. Er und seine Familie hoffen durch zuvorkommende Bewirtung des Majors, dass der Bub von der Front in eine Schreibstube versetzt werden könnte und damit im Krieg mehr Überlebens-Chancen hätte.

Ágita ( Anna Kramer) und ihre Mutter Mariska (Constanze Passin) versuchen dem Ober-Militär alle Wünsche von den Augen abzulesen, Vater/Ehemann Lájos (Claudia Kottal) leistet sozusagen passiven Widerstand, schläft immer wieder ein, insbesondere als der Major gleichsam die Fließbandarbeit Karton einschneiden, Schachteln falten entdeckt und darin aufgeht. Die könne gut und gern vom (Nach-)Denken abhalten. Hätten seine Soldaten nichts zu tun, so lasse er sie die Knöpfe der Uniform abschneiden und wieder annähen, nur damit sie nicht auf Gedanken kämen, verkündet er der Familie Tót stolz.

Zensur

Schikanöse Machtausübung einerseits und Unterwürfigkeit auf der anderen Seite werden satirisch zugespitzt gespielt – wunderbar die Stimmungen mal untermalend, mal betonend, mal dadurch erst richtig etabliert durch das Cello-Spiel von Rina Kaçinari. Regie- sowie Konzept und Musik: Imre Bozoki Lichtenberger.

Neben der Kritik an der Macht(ausübung) spielt auch jene an Zensur eine große Rolle – verkörpert in der Briefträgerin (Julia Schranz), die entscheidet, welche Briefe zugestellt, welche aufgehoben und welche vernichtet (gegessen) werden.

Bezug zu heute

Das Stück von István Örkény (übersetzt von Barbara Frischmuth) entstand wenige Jahre nach 1956 und wird auch heute in Ungarn oft gespielt – offenbar eine Art Ventil – damals, aber nicht zuletzt auch heute. Die aktuelle, Demokratie einschränkende, gegen Migrant_innen hetzende Politik des Regimes unter Viktor Orbán wird im Stück durch mehrere – aber nie aufgesetzte – Unterbrechungen thematisiert – mit übersetzten Originalzitaten führende Politiker bzw. des sogenannten ungarischen Andreas Gabalier.

„Das wollten wir von Anfang an“, so Claudia Kottal, Co-Gründerin von MAA* zum KURIER. „Darum haben wir auch mit der einleitenden Szene in einer Wiener Volkshochschule (Ungarischkurs) etabliert, dass das Stück hier und heute stattfindet.“

Diese Rahmenhandlung verpasst zwar die Gelegenheit, das eine oder andere ungarische Vokabel zu vermitteln, eröffnet aber die Chance, auch vordergründige Offenheit durch den Kakao zu ziehen, indem etwa eine der Teilnehmerinnen des Ungarisch-Kurses nach ihren Beweggründen gefragt, meint, „damit ich meinen ungarischen Putzfrauen besser sagen können, wo sie putzen sollen...“

MAA* - was ist das?

Claudia Kottal und Anna Kramer hatten schon lange die Idee, „was Eigenes auf die Beine zu stellen“, meinen die beiden Gründerinnen des jungen Theatervereins zum KURIER. „Aber erst mit der Förderung durch die MA7 (Kulturamt) konnten wir unser erstes Stück wirklich realisieren.“

Beide woll(t)en Stücke – möglichst – erst-aufführen, die hier nicht, in anderen Ländern aber sogar sehr bekannt sind. Dafür wollen sie auch ihre mehrsprachigen Kompetenzen nutzen, Kottal Polnisch – das nächste Stück wird eins aus Polen sein – und Kramer Ungarisch. Als Halbungarin kannte sie die Satire der „Familie Tót“ (Tóték), die in Ungarn durch eine Verfilmung in den 60er Jahren eine zusätzliche Popularität gewann.

Und weil Mehrsprachigkeit, sofern sie nicht Englisch, Französisch oder Spanisch ist, oft mit dem neudeutschen, vordergründig korrekter klingen „Migrationshintergrund“ etikettiert wird, nahmen die beiden diesen auch gleich ein wenig aufs Korn: MAA* steht für *migrationshintergrund.am.arsch

Was? Wann? Wo?

Familie Tót eine Tragikkomödie von István Örkény aus dem Ungarischen von Barbara Frischmuth MAA* Kulturverein

Konzept/Regie/Musik: Imre Bozoki Lichtenberger Es spielen: Der Major: Suse Lichtenberger Feuerwehrhauptmann Tót: Claudia Kottal Frau Tót: Constanze Passin Ágika Tót: Anna Kramer Briefträgerin/ Senkgrubenräumer Julia Schranz Cello/ Gizi Géza, eine Frau von schlechtem Ruf Rina Kaçinari

Bühne/Kostüme: Bianca Fladerer Dramaturgie: Luca Palyi, Tanja Witzmann

Originalrechte bei PROSCENIUM AGENCY FOR AUTHORS Ltd. www.proscenium.hu

Wann & wo? Bis 31. Jänner; 9. bis 12. März; jeweils 19:30 OFF-Theater/OFF.WHITE.BOX 1070, Kirchengasse 41 Karten: 0660 / 779 15 43karten@maa.co.atwww.maa.co.at