Spürst du andere (noch)?

Alles Am Arsch
Foto: steineder.org Szenenfoto aus "Alles Am Arsch" von E3-Ensemble

Junges Theater-Gruppe "E3-Ensemble" spielt "Alles Am Arsch" im Wiener Off-Theater und entblößt Ichbezogenheit, Rücksichtslosigkeit und Entsolidarisierung.

Ein weißer, sozusagen neutraler Würfel. Nur in der Mitte ein kreisrundes schwarzes Podium mit Schlagzeug drauf. Und an den weißen Seitenwänden nahe den Publikumstribünen links und rechts ein metallener Haltegriff. So präsentiert sich anfangs die Bühne für „Alles Am Arsch“ des E3-Ensembles aus jungen engagierten Theaterleuten (die teils schon seit der Kindheit dem Theater verfallen sind), deren achte Produktion die neueste Performance ist – die zweite, die sie von null auf gemeinsam entwickelt haben.

Ans Eingemachte

Alles Am Arsch Foto: steineder.org Keine sogenannten „Wutbürger_innen“, die über alles und jedes lästern bespielen diese dichte, heftige, manchmal fasst unaushaltbare Stunde. Zu einer solchen entwickelt sich das Stück, das mit ein paar Witzchen über Fürze und Hinterteile beginnt, um das Publikum mit Lachern zu fangen. Die Darsteller_innen, die gleichzeitig ja auch die Autor_innen und davor Ideensammler_innen usw. waren, geben viel von sich Preis. Lauter echte Geschichten, auch wenn sie nicht immer von der jeweiligen Erzählerin/dem Erzähler stammen – aber eine/r aus der Gruppe hat's erlebt, oftmals getan – als Täter_in. Die sich selbst immer wieder als ach so Gute bezeichnende Person hat einen Mitschüler mit Behinderung geschlagen, wenn sie mit ihm allein war, „weil er dann so lustige Grimassen gemacht hat und die wollte ich sehen“. Und das ist nur eine dieser Geschichten. Eine andere Person – es sei nicht allzu viel vorweggenommen – unterbricht alle anderen und „rechtfertigt“ dies mit dem Vor-/Einwand, das von anderen Gesagte hätte null Relevanz.

Sehr körperlich

Die ständig steigende verbale Eigen-Entblößung wird aber auch sehr körperlich. Abgesehen vom Radfahren auch auf engstem Radius, kriegt die Dauer-Unterbrecherin, die noch dazu sinniert, weshalb alle sie für so liebenswürdig halten, vom Dauer-Kuchen-Esser eine sehr heftige arge Schokotorten-Abreibung, die sie so verletzt, dass sie sich stark behindert in Super-Zeitlupe über die Bühne schleppen muss.

Spürbare Ich-Bezogenheit

Alles Am Arsch Foto: steineder.org Trotz Interaktionen scheint jede und jeder zu signalisieren: Außer mir gibt es nur mich. Keine Rührung, wenn von Bomben auf Aleppo die Rede ist, kein wirkliches Wahrnehmen anderer. „Diese Ich-Bezogenheit, Rücksichtslosigkeit, Entsolidarisierung wollten wir herausarbeiten und darstellen. Dazu haben wir authentische Geschichten bei uns selbst, in unserer Gruppe gesucht. Wir haben rund 300 Seiten zusammengeschrieben, aus denen wir dann das Stück entwickelt haben“, schildert Isabella Jeschke dem Kinder-KURIER. Es ist voll arg gelungen, spürbar. Immer wieder läuft's kalt über den Rücken, manchmal stellt sich das Gefühl ein: „Na, das ist aber jetzt zu arg...“ Aushaltbar wird’s eigentlich erst durch die immer wieder einfließende (Selbst-)Ironie bis hin zur Komik, die zu lachenden Atempausen führt.

Infos

Was? Wer? Wann? Wo?

Alles Am Arsch
Kulturverein E3 Ensemble

Von und mit: May Garzon, Isabella Jeschke, Tom Waldek, Gerald Walsberger
Live-Musik: Sebastian Spielvogel

Ton: Florian Spielvogel
Licht: Lisa Faderl
 

Wann & wo?
Bis 11. März 2017, 20 Uhr
OPEN.BOX im OFF-Theater, 1070, Kirchengasse 41
Karten: 0664/887 360 91
[email protected]

www.e3ensemble.at

(kiku) Erstellt am
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