© Catherine Forest

Kiku
11/15/2016

Spielen ist für Kinder so wichtig wie atmen

Plädoyer fürs Spielen: Multitalent André Stern, der nie in der Schule war, im Gespräch mit dem Kinder-KURIER über seine beiden neuen Bücher.

„Wenn man Kinder in ihrem Element, dem Spiel, lässt, sind sie ausnahmslos genial. Meine Eltern haben nie versucht, eine persönliche Vorstellung durchzusetzen. Ausgangspunkt waren immer wir. Sie haben uns sehr genau beobachtet und stellten sich immer begeistert die Frage: ,Was wird wohl der nächste Schritt sein?' Sie kamen gar nicht auf die Idee, uns zu fördern.“

So radikal bringt André Stern in seinem jüngsten Buch sein Plädoyer fürs kindliche Spiel auf den Punkt. Bekannt wurde der Gitarrenbaumeister, Musiker, Komponist, Journalist, Autor und was weiß Gott noch alles durch das Buch „... und ich war nie in der Schule“ (2009). Der 45-Jährige wurde in Paris geboren und wuchs frei in einem kreativen Elternhaus auf. Der österreichische Filmemacher Erwin Wagenhofer engagierte ihn deswegen als einen der Protagonisten für seinen die herrschenden Bildungssystem stark kritisierenden Film „Alphabet“ und verfasste mit André Stern das gleichnamige Buch zum Film.

Gespräch

Rund um das Erscheinen seiner zwei neuen Bücher – siehe Infos – traf der Kinder-KURIER den Autor, der sein Multitalent trotz – oder wegen(?) - der Tatsache, dass er nie eine Schule besucht hatte, entwickeln konnte. Mittlerweile ist er Vater zweier Kinder – und lässt so manche Beobachtung des Spiels seiner Sprösslinge in die beiden Bücher einfließen.
„Deine Erkenntnisse und Plädoyers klingen/lesen sich ja sehr überzeugend. Aber läuft nicht alles in eher in die Gegenrichtung? Und wie ist das vor allem für Kinder, die keine derart aufgeschlossenen Eltern haben wie du? Die auch nicht den Nerv, die Zeit dafür haben?“
André Stern:„Ich bin optimistisch. Mein Plädoyer, das ja nicht nur allein meines ist, dafür, Kinder spielen zu lassen wird mittlerweile ja schon seit einigen Jahren auch von der Hirnforschung unterstützt. Die sagt uns, dass sich das Gehirn sich da am besten, schnellsten und spontan entwickelt, wo wir uns begeistern, da geht Lernen geht scheinbar ,von allein'.
In seinem schmalen Bändchen - „das hab ich geschrieben für Leute, die vielleicht nicht so viel lesen wollen oder nicht so viel Zeit haben“ - verweist Stern dabei auf Forschungsergebnisse, dass, „die Beobachtung kleiner Kinder gezeigt hat, dass sie alle drei Minuten einen Begeisterungssturm erleben. Erwachsene empfinden im Durchschnitt dieselbe Menge Begeisterung nur zwei bis drei Mal pro Jahr ...“ und hängt daran die Frage: „Warum hat sich niemand je die Frage gestellt, was aus einem Kind würde, das sein ganzes Leben lang im angeborenen Zustand der Begeisterung bleiben dürfte? Genau.“

Hirnforschung

Natürlich, so gesteht Stern, sei er sich schon der Tatsache bewusst, in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen zu sein und spricht sich nicht grundsätzlich gegen Schule aus, aber dafür, auch in dieses Bildungssystem eben mehr von diesen Erkenntnissen herein zu holen. „Was Maria Montessori und all die anderen Reformpädagoginnen und -pädagogen gemacht haben oder worauf sie gesetzt oder vertraut haben, davon wird eben vieles heute von der Hirnforschung bestätigt. Und dennoch, geht auch die Reformpädagogik mehr oder minder davon aus, dass sie eigentlich wissen, wo's lang geht und die Kinder – halt mit besseren, sanfteren, kinderfreundlicheren Methoden dorthin führen wollen. Ich geh da weiter: Wir sollen die Kinder viel mehr spielen lassen“ und verweist auf die Stelle im dickeren Buch: „Wir haben geglaubt, Spielen sei eine zweitrangige Beschäftigung, wir haben das Spiel zum Zeitvertreib degradiert, in die Freizeit verbannt – auf der offiziellen Werteskala war Lernen oben, Spielen unten angesiedelt. Aber von nun an wissen wir, dass uns die Natur sicher nicht per Zufall mit der Fähigkeit zu spielen ausgestattet hat: Es handelt sich um das erstaunlichste, wirksamste, einschlägigste und erfreulichste Werkzeug zur Entwicklung des Gehirns – also des Lernens –, das je erfunden worden ist. Was tut ein Kind, sobald man es in Ruhe lässt? Es spielt. Und wenn man es nie unterbräche, so würde es immer weiter spielen. Warum hat sich nie jemand die Frage gestellt, was aus einem Kind würde, das sein Leben lang spielen dürfte? … Es gibt Dinge, die wir nur verstehen, wenn wir sie fühlen. Folgen Sie mir in den Geist des Kindes, das keinen Unterschied macht zwischen Lernen und Spielen, diesen Synonymen, dieser unauflöslichen Einheit, der es sich vom ersten Augenblick an widmet. Versuchen Sie nachzuempfinden, was geschieht, wenn eine der wichtigsten Bezugspersonen das Kind unvermittelt auffordert, mit dem Spielen aufzuhören und mit dem Lernen zu beginnen ... Das Kind erlebt dies als widersprüchliche Anweisung – als würde ich Sie auffordern, zu atmen, ohne Luft zu holen! Sie würden mich schief ansehen und zu Recht denken, dass ich Absurdes von Ihnen verlange.“

Letzte Zuckungen?

Zur Frage, dass sich vieles nicht nur im Bildungssystem doch eher gerade in die gegenteilige Richtung entwickle – einschränkende, reglementierter, standardisierter..., meinte André Stern: „Das sind meiner Meinung nach nur die letzten Zuckungen, ein Aufbäumen des alten Systems. Aber jede und jeder merkt doch, so kann es nicht mehr weitergehen!“

Buch: André Stern „Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben“, ca. 130
Seiten, 20,60 €, Verlag Elisabeth Sandmann
Bändchen: André Stern, „Werde, was du warst – ein Manifest für die Ökologie der Kindheit“, 30 Seiten, 7 €; eBook: 3, 99 €; ecowin

www.andrestern.com