Biomedizin, Wirtschaftsin­for­ma­tik und viele Sprachen

afghanische absolvent_innen
Foto: UNHCR/G. Welters

Feierliche Zeremonie in Wien für Schul- und Studienabschlüsse junger Menschen mit afghanischen Wurzeln.

Kürzlich feierten mehr als zwei Dutzend junge Menschen ihre Schul- bzw. Studienabschlüsse. Zur feierlichen Zeremonie eingeladen hatte die Interessengemeinschaft der afghanischen SchülerInnen und Studierenden (IGASUS) ins Verkehrs-, Innovations- und Technologie-Ministerium in der Radetzkystraße, mit dabei Staatssekretärin Muna Duzdar.

Chancen und Ressourcen nutzen!

afghanische absolvent_innen Foto: UNHCR/G. Welters „Liebe afghanische Community, Österreich ist auch unsere Heimat, alle politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen gehen uns an und wir werden direkt davon betroffen sein. Nehmen wir unsere Aufgabe als Teil dieser Gesellschaft wahr und ernst. Und ja, auch wir können und müssen groß träumen, wenn wir weiterkommen möchten, denn in dieser Gesellschaft ist Träumen groß geschrieben und zwar für alle. Lasst uns davon träumen, in der Zukunft eine Ministerin oder einen Minister in der Bundesregierung zu haben, die/der afghanische Wurzeln hat, und lasst uns davon träumen, dass eines Tages ein Mitglied dieser Community den Nobelpreis gewinnt. Wir haben dafür alle Ressourcen und lasst uns diese Chance und Ressourcen auch nutzen.
Lasst uns jede Chance auf Bildung ergreifen und Vorbilder für andere sein. Lasst uns immer kritisch und offen auf neue Themen zugehen. Und zu guter Letzt: Lasst uns Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zwischen den Menschen hervorheben. Denn nur so bleibt Österreich unser gemeinsames, lebenswertes Zuhause“, meinte stellvertretend für die Absolvent_innen Mojtaba Tavakoli von der Interessensgemeinschaft.

Interviews

Der Kinder-KURIER sprach mit zwei jungen Absolvent_innen, einer FH-Master-Studentin, die zuvor ihren – englischsprachigen - Bachelor an einer anderen Wiener Fachhochschule gemacht hatte und einem WU-Studenten, der im Vorjahr in Bregenz an der Handelsakademie maturiert hatte. 

Afgahnische Absolvent_innen Foto: Privat Seit einem Jahr studiert Rokhsar Ahadyar am Fachhochschul-Campus Laaerberg (Wien-Favoriten) biomedizinische Analytik. Die 24-Jährige hatte zuvor in der FH Technikum (Wien-Brigittenau) das englischsprachige Studium biomedical engineering absolviert. „Mich hat Medizin und der menschliche Körper interessiert. Und mit diesem Studium kann man in der Forschung für die zukünftige Entwicklung der Medizin viel bewirken. Ich hab das Studium geliebt, es war dann genau das, was ich wollte.“

Zuerst wusste sie nach der Matura im Gymnasium Ettenreichgasse nicht so recht, was sie studieren wollte, „ich hab dann zuerst mit IBWL – internationaler Betriebswirtschaftslehre – begonnen, bin da aber nicht so gut vorangekommen.“

Vielsprachig

Ihr Masterstudium am FH Campus absolviert sie berufsbegleitend – „im Familienunternehmen von meiner Mama, einem Dolmetsch-Unternehmen mit Englisch, Französisch, Dari/Persisch, Hindi und Urdu. Meine Mama kann auch noch Paschto, das hab ich dann nicht mehr gelernt.“ Die Vielsprachigkeit „kommt eigentlich von meinem Großvater. Der war ein Afghane und viel auf Geschäftsreisen in Indien, deswegen konnte er diese Sprachen. Meine Mama hat die von ihm gelernt und wir Kinder sie von ihr.“ Mit Dari und Deutsch war Rokhsar Ahadyar vor einigen Jahren beim mehrsprachigen Redebewerb „SAG’S MULTI!“ angetreten.

„Die Absolvent_innen-Feier hat mir sehr gefallen, weil meine ganze Familie da war, und es so eine Positiv-Stimmung gegeben hat“, freut sich Rokhsar Ahadyar. Afghanen kommen in der Öffentlichkeit ja meist nicht gut weg.

Computer-Doktor

afghanische absolvent_innen Foto: UNHCR/G. Welters Agazia Nabizada studiert seit einem Jahr Wirtschaftsinformatik an der WU in Wien. Der 23-Jährige maturierte im Vorjahr in Bregenz an der Handelsakademie und lebt seit neun Jahren in Österreich. „Ich war 14 als meine Familie und ich beschlossen haben, dass ich nach Europa gehen soll. Da haben wir schon in Pakistan gelebt, weil es in Ghazni in Afghanistan für uns nicht mehr erträglich war.“

In Afghanistan hat er nur die Grundschule absolvieren können, „so musste ich in Bregenz nicht nur Deutsch lernen, sondern auch in Fächern wie Mathematik einiges nachholen. Aber wenn man wirklich lernen will, geht das schon. Zuerst hab ich Deutschkurse und den Hauptschulabschluss gemacht und dann bin ich in die Handelsakademie gekommen. Mathe hab ich auch schon in Afghanistan gern gehabt und für Computer hab ich mich schon lange interessiert. In Bregenz sind dann auch viele Kollegen zu mir gekommen, wenn sie sich mit einem Programm oder dem Betriebssystem nicht ausgekannt haben oder irgendwas mit dem Computer nicht funktioniert hat.“

Die ersten Jahre in Bregenz war’s nicht so ganz leicht, „ich hab' zuerst in der ersten Instanz einen negativen Bescheid bekommen und musste drei Jahre warten bis ich dann endlich subsidiären Schutz und noch einmal drei Jahre später einen Aufenthaltstitel bekommen habe.“ Außerdem musste er gleich zwei Versionen von Deutsch lernen – „Hochdeutsch und Vorarlbergerisch“, was er - verständlicherweise – anfangs für zwei verschiedene Sprachen hielt.

afghanische absolvent_innen Foto: UNHCR/G. Welters Seine Mathe-Vorliebe war der Grund für die Studienwahl in Wien, „ich hab mich über Internet informiert und angemeldet – für die Uni aber auch fürs Studentenheim in Liesing“. In Wien kam Agazia Nabizada auch in Kontakt mit dem Verein von Asif Safdary - Interessengemeinschaft der afghanischen SchülerInnen und Studierenden (IGASUS). Dieser Verein organisiert jedes Jahr oder manchmal auch nur alle zwei Jahre, je nachdem wie viele junge Menschen mit afghanischen Wurzeln Matura gemacht oder ein Studium abgeschlossen haben, eine feierliche Zeremonie für die Absolvent_innen. Zum einen soll gemeinsam der (Hoch-)Schulabschluss gefeiert werden, „wir wollen aber auch der Öffentlichkeit positive Beispiel von jungen Afghanen zeigen, weil viele Medien ja fast immer nur negative Beispiele bringen“.

Agazia Nabizada wird die nunmehrigen Sommerferien für Uni-Kurse nutzen, „damit ich schneller vorankomme – da kann ich dann schon im Oktober Prüfungen machen“. Sein Lieblingsort fürs Lernen „ist die Bibliothek der Wirtschaftsuni - die ist wirklich modern und es gibt eine gute Lern- und Arbeitsstimmung dort“.

Infos

über den Verein IGASUS

afghanische absolvent_innen Foto: UNHCR/G. Welters Den Verein IGASUS (Interessengemeinschaft der afghanischen SchülerInnen und Studierenden) gibt es seit 2015 und das sind seine Projekte:

* Bildungsberatung für Flüchtlinge aus Afghanistan
* Vorstellung des Schulsystems für die SchülerInnen und ihre Eltern
* Magazin in zwei Sprachen, um aktuellen Themen zu diskutieren
* Nachhilfepool für die bedürftigen SchülerInnen und StudentInnen aus Afghanistan sowie die oben schon genannten
* AbsolventInnen-Zeremonien

„Wir möchten vor allem Vorzeige-SchülerInnen und Studierende präsentieren, um dagegen zu kämpfen, dass im Moment verallgemeinert wird, dass Flüchtlinge spezielle solche aus Afghanistan, nichts Gescheites machen“, meinte Asif Safdary von IGASUS.

Er selbst kam als rund 14-Jähriger allein auf sich gestellt (UMF - Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling), absolvierte die HTL-Ottakring (Wien), übersprang die ersten beiden Semester an der FH-Campus und arbeitete neben dem Studium schon in der IT-Abteilung einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsfirma, schloss sein Bachelor-Informatik-Studium (IT Security) ab, arbeitet seit zwei Jahren als System-Ingenieur bei einem internationalen Dienstleistungsunternehmen in Wien. Schon in seiner Schulzeit unterrichtete er „nebenbei“ via Skype, Laptop und White Board seine Geschwister in einem Flüchtlingslager in Pakistan.

Zu einer Geschichte über Asif Safdary und zwei andere junge Flüchtlinge, die als filmische Kurzporträts – von einem jungen Filmemacher – auf der Homepage des UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR) erschienen sind, geht es hier

www.igasus.at/

(kiku) Erstellt am