Segal

© Waystone

Kurzfilme
12/02/2014

Junge Heldinnen und Helden

"Gesichter der Flucht": Drei Jugendliche in filmisch dichten, einfühlsamen Porträts – gedreht von einem jugendlichen Wiener.

von Heinz Wagner

Glück ist für mich, mein Leben so gestalten zu können wie ich es will. Diese Gewissheit zu haben, über mein Leben selbst bestimmen zu können, allein das schon macht mich irrsinnig glücklich“, sagt die 21-jährige Segal zu Beginn des Porträts über sie. Es ist eine von drei sehr dichten und doch nie überfrachteten, ja sogar viele Freiräume offen lassenden Geschichten eines jungen Filmemachers aus Wien. In Zusammenarbeit mit dem UNO-Flüchtlingskommissariat UNHCR hat Ioan Gavrilowitsch (Produktionsfirma Waystone Film) drei Kurzfilme unter dem Titel „Gesichter der Flucht“ gedreht.

Eltern mussten zwei Mal flüchten

Segal, die derzeit ein Jahr im französischen Lyon die Uni besucht – im Rahmen ihres Studiums Internationale Entwicklung der Uni Wien - kann sich, so erzählt sie im Gespräch mit dem KiKu gar nicht an ihre Flucht erinnern. Sie war zwei Jahre jung als sie mit ihren Eltern in Wien landete. Geboren wurde sie in einem überfüllten Flüchtlingslager im Iran, wo ihre Eltern Zuflucht fanden, nachdem sie zwei Mal weg mussten – zuerst aus Somalia wo die Alternative zur Flucht nur war, Gefängnis oder umgebracht zu werden. Erste Station Irak. Das Paar aus Somalia baute sich eine neue Existenz auf – die nach ein paar Jahren durch den Krieg zerstört wurde und sie erneut vertrieb.

Alles für die (Aus-)Bildung

„Meine Eltern haben mir so als ich vier Jahre war, ihre und damit auch meine Geschichte zu erzählen begonnen. So richtig bewusst miterlebt habe ich ja meine Flucht nicht wirklich. Vor allem aber haben sie Wert darauf gelegt, dass ich eine gute Ausbildung genießen kann. Mein Vater hat als Hilfselektriker immer wieder auch zusätzliche Schichten am Wochenende gearbeitet, damit ich zum Beispiel auf Schulreisen mitfahren konnte. Meine Mutter, die Matura hat, arbeitet immer wieder – aber eben nur auf Abruf – als Dolmetsch für Somali.

"SAG'S MULTI!"

Mit dieser Sprache, teilweise Arabisch und Deutsch bin ich aufgewachsen. In der Schule wollte ich noch Ärztin werden. Das hatte sie auch im Finale des zweiten Jahres des mehrsprachigen Redebewerbs „SAG’S MULTI!“ gesagt: https://kurier.at/lebensart/kiku/junge-vielsprachige-talente/714.572. „Aber nach der Schule habe ich in einem medizinischen Zentrum ein Praktikum gemacht und bin drauf gekommen, dass ich zu romantische Vorstellung von Medizin hatte. Dann hab ich lange gesucht, was ich wirklich machen könnte. Jetzt studiere ich Internationale Entwicklung mit Schwerpunkt auf internationalem Recht und Politikwissenschaften und nebenbei versuch ich mein Arabisch zu verbessern. Neben dem Studium arbeitet Segal (der Name bedeutet „das erste Sonnenlicht, das durch die Wolken dringt“) freiwillig bei einer Organisation, die Frauen aus Afrika unterstützt.

Fernunterricht für Geschwister

Asif, der mit 14 Jahren allein aus Afghanistan als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Österreich kam, hatte bei der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland in einem überfüllten Schlauchboot fürchterliche Angst vor dem Ertrinken. Später litt er – versteckt in einem LKW – unter Erstickungsangst. Alles echt.

Gleich im 3. Semester

Und heute studiert der 20-Jährige an einer Fachhochschule Informationstechnologie und Telekommunikation – im 3. Semester, obwohl er erst in diesem Jahr im Frühjahr maturiert hat – an der HTL-Ottakring. „ich hab einfach die Prüfungen für das erste und zweite Semester gemacht, weil ich viel davon ja schon in der HTL hatte“, erzählt er dem KiKu.

Studium, Job, Lehrer

Neben dem Studium arbeitet er in der IT-Abteilung einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsfirma, engagiert sich mit seinen Fachkenntnissen beim Alumni Verein von Start – einem Stipendienprogramm für talentierte Schüler_innen mit „Migrationshintergrund“. Vor allem aber, das ist im Film zu sehen und hören, unterrichtet er via Whiteboard (elektronische Schultafel), Laptop und Skype seine Geschwister in einem Flüchtlingslager in Pakistan.

Freiheit

„Die ganze Welt braucht Freiheit, aber leider gibt es in meiner Heimat keine Freiheit“, sagt Diyar, der 1996 in der kurdischen Region von Syrien geboren wurde, als ersten Satz im film über ihn. Wegen seines politischen Engagements gegen das Regime von Bashar al-Assad und aufgrund des Kriegs ist er 2013 geflüchtet. Auf der Flucht wurde er unter anderem in Bulgarien von der Polizei festgenommen und zwei Monate eingesperrt – samt Schlägen. Seit rund einem Jahr lebt er in Österreich. Seine Familie musste er damals zurücklassen.

Zusammenspiel

2013 hat er in Österreich Asyl bekommen. Diyar spielt im Wiener Verein Aspern Fußball und besucht gerade ein Jugendcollege, wo er sein Deutsch verbessert. Knapp nach Fertigstellung des Films konnte er nach langem Bangen seine Eltern und Geschwister in Österreich in die Arme schließen. Fußballspielen bedeutet für Diyar nicht nur die Möglichkeit, seinem liebsten Hobby nachzugehen, „sondern da erlebe ich auch gutes Zusammenspiel mit den Mitspielern. Drei Mal in der Woche trainiere ich, Fußball ist eine Art Familie, es ist ein Teamsport, man kann nicht alleine gewinnen.“

Nach einem Hauptschulabschluss möchte Diyar die Matura machen und Jus studieren, um Anwalt werden zu können.

Heroes

„Als ich gefragt wurde, Porträts über junge Flüchtlinge zu machen, hab ich zuerst einmal nach den Menschen gesucht, die ich filmen könnte. Zum einen sollten es starke Persönlichkeiten sein. Solche, die auch als Vorbilder für andere wirken können – schau, die oder der hat das geschafft, das kann ich/das kannst du doch vielleicht auch. Und dann sollten es jedenfalls junge Leute sein, die – auch vor Kamera – frei, offen und locker über sich sprechen können – über die Schicksalsschläge, die sie erlitten, aber die sie auch schon verarbeitet haben“, so der 21-jährige in Bern als Sohn einer Schweizerin und eines Rumänen geborene Wiener. „Ich wollte keine Mitleids-, sondern so etwas wie Held/innen-Geschichten drehen. Ich wollte eine positive Message rüberbringen – und so nebenbei sind manche der Storys ja auch stärker als Actionfilme mit Bruce Willis.“

Ganz jung begonnen

Ioan Gavrilowitsch war schon vor mehr als fünf Jahren im Kinder- und damals noch Jugend-KURIER vorgekommen als er seinen ersten professionell gedrehten Film (P)Reise ebenfalls im Top-Kino präsentierte. (Über einen späteren Kurzfilm: https://kurier.at/lebensart/kiku/wenn-wuensche-in-erfuellung-gehen/714.894)

Danach hat er während und nach der Schulzeit (Matura in der Rahlgasse gegenüber dem Kino) mehrere Kurzfilme, ein Musikvideo, „aber auch für die Werbung gedreht und bei größeren Filmproduktionen alle möglichen Jobs gemacht – wegen des Geldes, aber auch, weil du da sehr viel professionelles Handwerkliches lernen kannst“.

Bilder begleiten Ton

Für die drei Porträts drehte er das übliche Verfahren für Filme um. „Normalerweise begleitet die Tonspur die Bilder. Hier hab ich zu dem Textmaterial die passenden Bilder gesucht. Zunächst habe ich eine Art Moodboard (Stimmungs- statt Storyboard) geschrieben und dann danach gesucht, welche Farben, welche Orte würden dazu am besten passen, um die entsprechenden Gefühle rüber zu bringen.
Das ist gut, nein exzellent, gelungen.

Schneiden

Und dann gab’s noch eine große Herausforderung: Für jede/n der Protagonist_innen gab es ungefähr vier Stunden Material, daraus sollten nur so ungefähr jeweils vier Minuten werden. Dafür hab ich mir einen sehr tollen Cutter geholt, der mit noch unverbrauchten Augen und Ohren das Material mit mir gesichtet und geschnitten hat.

50 Millionen auf der Flucht

Weltweit sind über 50 Millionen Menschen auf der Flucht, das ist die höchste Zahl seit dem Zweiten Weltkrieg. Der massive Anstieg wurde hauptsächlich durch den Krieg in Syrien verursacht. Flucht und Vertreibung haben aber auch in Afrika erheblich zugenommen – vor allem in Zentralafrika und auch im Südsudan. Zusätzlich zu diesen relativ aktuellen Krisen kommen noch „vergessene“ Krisen in Ländern wie Afghanistan oder Somalia, aus denen in den letzten Jahrzehnten Millionen Menschen flüchten mussten.

Vier von fünf in der Nähe der Heimat

Rund 80 Prozent der Flüchtlinge bleiben ganz nahe an ihren Heimatländern und die Hauptaufnahmeländer für Flüchtlinge sind Pakistan (afghanische Flüchtlinge), gefolgt vom Libanon (syrische Flüchtlinge) und Jordanien (ebenfalls syrische Flüchtlinge) sowie dem Iran (afghanische Flüchtlinge). Knapp die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder.

Österreich

In Österreich sind in den letzten Monaten die Asylantragszahlen angestiegen und bis Ende Oktober 2014 haben 19.374 Menschen um Asyl angesucht. Die meisten von ihnen kamen aus dem Bürgerkriegsland Syrien (5.724 Personen), gefolgt von Asylwerber_innen aus Afghanistan (3.431) und der Russischen Föderation (1.391). Im Vergleich zu den letzten Jahren entspricht dies einem Anstieg. Die Zahl der Asylwerber_innen war aber in den Jahren 2002 (39.354 Asylanträge) und 2003 (32.359) deutlich höher.

Download

„Dass Flucht nicht freiwillig ist, dass Flüchtlinge Menschen sind, die in einem fremden Land ganz neu beginnen müssen, dass sie sich in ihrer neuen Heimat integrieren wollen und dazu Chancen brauchen, zeigen die drei filmischen Porträts auf aufklärende und berührende Weise,“ so Produzentin Lisa Wegenstein von Waystone Film.

Die Filme sind für ZuseherInnen ab 14 Jahren gedacht und eignen sich für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit. „Gesichter der Flucht“ ergänzen das Unterrichtsmaterial „Aufbrechen – Ankommen – Bleiben“ und sollen Anregungen bieten, die hochaktuellen Themen Flucht und Asyl in der Bildungsarbeit aufzugreifen. Und sie können von der Homepage des UNO-Flüchtlingskommissariats runtergeladen werden.

Rückfragehinweis:
UNHCR Österreich: (01) 26060/4048
www.unhcr.at

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