Leben
16.07.2016

Jennifer Aniston: Vollständig, mit oder ohne Kind

Mit ihrem Aufschrei traf Jennifer Aniston bei vielen kinderlosen Frauen einen Nerv.

Sogar als unbeteiligter Leser waren die ständigen Schwangerschaftsgerüchte um Hollywoodstar Jennifer Aniston zuletzt nur noch schwer zu ertragen. Sobald die 47-Jährige irgendwo mit einem kleinen (Bläh-)Bäuchlein abgelichtet wurde, überschlug sich die Klatschpresse mit Spekulationen über Babygeschlecht und Geburtstermin.

Jetzt platzte Aniston, die sich sonst nicht zu Privatem äußert, endgültig der Kragen: In einem viel beachteten Essay wehrte sie sich gegen das medial transportierte Rollenbild, Frauen hätten auszusehen wie Unterwäschemodels und seien nur mit Mann und Kind(ern) vollwertig. Der Wutbrief aus Hollywood wurde in den sozialen Netzen bejubelt, viele Frauen bedankten sich für die offenen Worte und bekundeten ihre Solidarität.

Erwartungshaltung

"Der Mythos, dass Frauen nichts Schöneres kennen, als Kinder zu haben und mit ihren Kindern zu sein, hält sich hartnäckig", sagt die Psychologin Sandra Gerö. Die Erwartungshaltung in der Gesellschaft sei immer noch stark, die Gegenbewegung kaum vorhanden. "Die Frau wird als Hauptverantwortliche für die Erhaltung der Familie betrachtet. Bleibt sie kinderlos, wird dies als egoistisch und kaltherzig hingestellt."

Das zeigte sich kürzlich am Beispiel der neuen britischen Premierministerin Theresa May: Ihre ehemalige Gegenkandidatin behauptete, eine bessere Regierungschefin zu werden, weil sie – im Gegensatz zur kinderlosen May – Mutter sei. "Nur wenige Frauen widerstehen diesem Druck und sagen öffentlich, dass die Reduzierung der Frau auf ihre Biologie eine Entwertung darstellt, die sie nicht hinnehmen wollen", weiß Gerö.

Den Druck von außen kennt die 28-jährige Sarah nur zu gut. "Es begann vor ein, zwei Jahren", erzählt sie. "Plötzlich wollte jeder, ob Kollegen, Verwandte oder Freunde, wissen, wann wir endlich ein Kind bekommen." Seit zehn Jahren lebt sie mit ihrem Freund zusammen – Nachwuchs? Vielleicht später, zuerst stehen Verwirklichung im Job und Reisen um die Welt auf dem Programm. "Die Erwartungshaltung ist groß. Ich will aber erst mal meine Freiheit genießen. Wenn man das sagt, wird man schnell als Karrierefrau abgestempelt."

Zahl steigt

Tatsächlich steigt auch hierzulande die Zahl der – gewollt oder ungewollt – Kinderlosen: 1971 lebten in Österreich 617.000 Frauen ohne Nachwuchs, im vergangenen Jahr war es eine knappe Million. Am höchsten ist der Anteil unter Akademikerinnen und Städterinnen. "Das liegt daran, dass sie es sich leisten können", erläutert Sandra Gerö. "Nur dann, wenn diese Wahlmöglichkeit gegeben ist, können wir erkennen, dass es eben keinen tief verankerten, unbändigen Kinderwunsch gibt, der die Frauen von Natur aus zur Mütterlichkeit treibt, sondern Frauen auch ohne Kinder ein erfülltes Leben haben."

Eine dieser Frauen ist Birgit Kofler (50). In ihrem Buch "Kinderlos, na und?" porträtierte sie 2006 gewollt kinderlose Frauen. "Sie alle, inklusive mir, hatten eines gemeinsam: Wir waren konsterniert, wie oft wir uns für unseren Lebensentwurf rechtfertigen mussten – obwohl es sich um eine höchst persönliche Entscheidung handelt." Früher geriet die Kommunikationsberaterin unter Druck, wenn sie mit dem Thema konfrontiert wurde. Heute steht sie zu ihrer Entscheidung. "Man muss den Menschen klar machen, wie absurd die Frage nach dem Kinderwunsch ist. Ich frage einen Mann ja auch nicht, wann er die letzte Prostatauntersuchung hatte."

Auch Psychologin Gerö rät, bei der Baby-Frage nicht in einen Rechtfertigungsmodus zu verfallen. Besser ist, sich eine originelle Antwort à la "Wenn du mir von deiner Familienplanung erzählst, erzähl ich dir von meiner" zurechtzulegen. In diesen Tagen könnte man aber auch Folgendes erwidern: "Hast du den Brief von Jennifer Aniston gelesen?"