Lücke am Treffpunkt Friedensbrücke.

© /Uwe Mauch

Nachruf
10/31/2016

Wohin der Engel von der Friedensbrücke ging

Der Theologe Jan aus Rumänien wollte in Wien seinen Frieden finden, erlag jedoch seiner chronischen Armut.

von Uwe Mauch

Am Montag ist der Mann im Rollstuhl nicht mehr auf der Brücke. An seiner Stelle nur noch Erinnerung: auf dem Gehsteig der Wiener Friedensbrücke brennen Kerzen; neben den Blumen auf dem Brückengeländer hängt ein Nachruf.

Die Friedensbrücke verbindet in Wien die Brigittenau (20. Bezirk) mit dem Alsergrund (9. Bezirk). Jan hat hier eine Lücke hinterlassen. Er war für viele, die ihn kannten, eine Vertrauensperson, ein Bestandteil der Brücke, ein Mann des Friedens. Fremde Menschen bleiben stehen und zeigen sich betroffen. Die meisten von ihnen können eine Geschichte über ihn erzählen. Eine schöne Geschichte, eine persönliche Geschichte. Von Jan, dem Mann im Rollstuhl. Auch ich kann das.

Ein unerfüllter Traum

Nur wenige Tage vor seinem Tod hat Jan zugesagt. Ja, gerne wolle er mir über sein Leben erzählen. Obwohl er mich gar nicht kannte. Gemeinsam mit Annika und Teresa von der BettelLobby Wien haben wir ein Treffen vereinbart. Die Nachricht von seinem viel zu frühen Ableben trifft die beiden Frauen hart. Sie haben ihm und seiner Familie geholfen, wo sie konnten. Sie haben ihm auch gerne zugehört. Weil er so schön erzählt hat.

Der Theologe aus Uriceni, einem kleinem Ort nördlich von Bukarest, hat ihnen etwa erzählt, dass er Zeit seines Lebens von einem kleinen Häuschen mit Gemüsegarten träumte. Darin wollte er mit seiner zweiten Frau, Viorica, seinen Lebensabend verbringen. Es sollte nicht so weit kommen. Jan wurde gerade einmal 56 Jahre alt. Die Todesursache: chronische Armut.

Annika und Teresa erzählen mir jetzt von einem Verstorbenen, mit großem Respekt.

Ein Unfall mit Folgen

Jan hat seine Heimat nicht freiwillig aufgegeben. Niemand gibt freiwillig seine Heimat auf. Er hatte bis zur rumänischen Revolution im Dezember 1989 als Religionslehrer in Bukarest gearbeitet. Er hatte dann – wie soviele – seine Arbeit verloren.

Natürlich war auch er froh, dass sich sein Land von dem Diktator und dessen Terrorregime befreit hatte. Doch es blieb ihm nicht verborgen, wie die Heuschrecken im Nadelstreif in seinem Land einfielen. Ihr Auftrag bestand darin, einen an sich schon kargen Landstrich Europas komplett kahl zu fressen.

Baustelle

Jan, der als Angehöriger der Roma noch mehr der Armut und Ausgrenzung ausgesetzt war als andere, versuchte sich und seine Familie als Hilfsarbeiter auf schlecht gesicherten Baustellen durchzubringen. Wir können heute nur mutmaßen, wie es in dem Steinbruch zu seinem Arbeitsunfall kam. Jedenfalls fiel ein Stein auf sein Bein. Niemand konnte oder wollte die offene Wunde behandeln, die sich so lange entzündete, bis das Bein amputiert werden musste. Was den Theologen in einen klapprigen Rollstuhl mit zwei eiernden Rädern zwang.

Roma mit Behinderung

Einen wie Jan nennt man bei uns Bettler. Weniger wertend und seiner prekären Situation gerechter werdend ist die Bezeichnung Armutsmigrant. Er gab seine Heimat nicht aus kriminellen Motiven auf, sondern aufgrund einer konkreten Notlage.

Roma mit Behinderung haben in Rumänien keinen Anspruch auf ein adäquates Pflegegeld, auch nicht auf einen halbwegs funktionierenden Rollstuhl. Sie bekommen keine Arbeit, können nicht das Haus verlassen, weil in vielen Dörfern die Straßen nicht asphaltiert sind. Es wird berichtet, dass man behinderte Kinder am Ofenrohr anbindet, weil der Vater als Taglöhner Geld verdienen muss und die Mutter mit den anderen Kindern alle Hände voll zu tun hat.

In den darauffolgenden Tagen bleiben immer wieder Passanten auf der Friedensbrücke stehen, legen Blumen nieder und erinnern an den Verstorbenen. Annika erzählt jetzt, dass Herr Jan bei jedem Wetter auf der Brücke saß. Stoisch ruhig sei er da gewesen, höflich, niemals missmutig. "Er nickte immer dankbar, wenn ihm Menschen, die selbst nicht viel besaßen, ein paar Münzen zusteckten."

Zwei weiße Tauben

Ja, er war der gute Geist von der Friedensbrücke, der viel zu erzählen wusste: von den beiden weißen Tauben, die sich einmal zu ihm auf die Brücke gesetzt und die ihn an seine verstorbene erste Frau und die gemeinsame Tochter erinnert hatten. Oder von den großen rumänischen Schriftstellern, deren Gedichte er zum Teil rezitieren konnte. Auch von dem Polizisten, der – ohne zu fragen – seinen Pappbecher mit den wenigen Münzen vom Gehsteig aufgehoben hatte, um die Münzen sodann in den Kanal zu schleudern. Danach musste er seine arg schockierte Zuhörerin wieder aufmuntern – mit einer Erinnerung an die Bergpredigt.

Manchmal saß er in seinem Rollstuhl auf der Brücke, den Kopf gesenkt, als würde er schlafen. Er war dem Polizisten nicht böse. War nicht nachtragend, konnte selbst jene verstehen, die ihm lautstark vorwarfen, dass er faul sei und dass er endlich einmal etwas arbeiten solle. Was hätte er ihnen sagen sollen? Dass es auch ihre Landsleute waren, die seinen Landsleuten und ihm die Arbeit und das Einkommen geraubt hatten?

Es empört und beschämt daher der Vorwurf, Jan hätte für die Bettler-Mafia gearbeitet. Mit den paar Münzen der Mildtätigen, die in seinem Pappbecher zusammenkamen, lassen sich keine Millionen verdienen. Dass ihn seine Frau täglich auf die Friedensbrücke begleitete und auch nicht aus den Augen ließ, ist das nicht verständlich? Sie machte sich Sorgen um ihren wehrlosen Mann.

Jan hatte in Wien, jener Stadt, von der er so viel gelesen und gehört hatte, auf eine bessere medizinische Versorgung gehofft. Er wollte hier Geld verdienen, um sich zunächst eine Prothese und dann vielleicht doch noch ein Häuschen zu kaufen. Doch da wollte ihm die reiche Stadt nicht zur Seite stehen. Am Ende war der Lehrer nicht mehr Lehrer und auch nicht mehr Hilfsarbeiter und Frühpensionist, sondern Empfänger von privaten Almosen. Und wenn ihn die Polizei ließ, reichte es am Ende des Monats gerade noch, um dem schamlosen Vermieter die 500 Euro (!) Miete für das schäbige Zimmer zu zahlen.

Besonnen, großmütig

"Hey, ihr Rollstuhl ist ja kaputt!", hat Annika ihm einmal zugerufen. Weil sie beobachtet hatte, dass sich die eiernden Räder von dem Stuhl zu lösen drohten, als ihn seine Frau wieder mal auf die Brücke schob. Annika schickte dann ein Rundmail aus. Und mit vereinten Kräften konnte für Jan ein besserer fahrbarer Untersatz aufgetrieben werden. Ein Anfang. Doch es mangelte an allen Ecken. Jan bekam keine finanzielle Unterstützung, weder von der Republik Österreich noch von der Stadt Wien. Er war nicht sozialversichert. Er hatte auch auf dem freien Wohnungsmarkt wenige Optionen, war somit den Abbruchhäuser-Spekulanten in Ermangelung von Alternativen hilflos ausgesetzt.

Jan war vielleicht einzigartig, aber er war diesbezüglich kein Einzelfall. Menschen wie er wohnen in Häusern, die nach dem Buchstaben des Gesetzes längst gesperrt werden müssten. Fünf Kinder, zwei Erwachsene in einem 35-Quadratmeter-Loch, das Zimmer abgewohnt, die Wände schimmlig, für fünf Hunderter pro Monat. Und dann erklärt der Vermieter allen Ernstes, dass er zu ihnen auch noch einen Asylwerber aus Afrika einquartieren will!

Was sie gelernt haben von Jan, frage ich Annika und Teresa. "Die Besonnenheit", sagt die eine. "Den Großmut", sagt die andere. "Er hat bis zu seinem bitteren Ende immer das Positive in den Menschen gesehen."

Eine Prothese für Jan, das wäre ihr nächstes Projekt gewesen. Und unser Interview. Doch jetzt müssen sie sich um ganz anderes kümmern. Die offizielle Todesursache: Herzstillstand.

Jan war Diabetiker, seine Nieren arbeiteten nur mehr eingeschränkt. Er hätte behandelt werden müssen. Hätte sich anders ernähren müssen. Hätte. Hätte. Hätte. Auch in Wiener Krankenhäusern gibt es jetzt ein strengeres, auf Effizienz ausgerichtetes System. Wer keine grüne Plastikkarte vorweisen kann, wird weggeschickt.

Gerechtigkeit für Jan?

In Wahrheit sterben auch in Wien wieder Menschen an chronischer Armut. Gibt es für Jan Gerechtigkeit? Nein. Die Fürsorge, eine weltweit gelobte Errungenschaft im Roten Wien, wurde für bettelnde Menschen außer Kraft gesetzt. Die Stadtregierung hat unter anderem verfügt, dass Menschen wie Jan und seine Frau regelmäßig gegen das Gesetz verstoßen.

Traurig, aber wahr, was Annika und Teresa berichten: Wer sich nicht mehr anders zu helfen weiß und sich wie Jan und Viorica regelmäßig auf die Straße begibt, um für sich und seine Familie um Geld zu bitten, begeht den Tatbestand des gewerblichen Bettelns. Und muss mit einer Verwaltungsstrafe in der Höhe von 150 Euro oder 36 Tagen Ersatzfreiheitsstrafe rechnen.

Immerhin konnte Jan bis zuletzt im Kreis seiner Familie sein. Er hatte noch mit seiner Frau und seinen Söhnen zu Abend gegessen. Danach hat er sich von ihnen verabschiedet.

Und ein schwarzer Anzug

Jans sehnlichster Wunsch war es, auf dem Friedhof seines Heimatorts in Rumänien neben seiner Mutter begraben zu werden. Einen Wunsch, den Annika und Teresa nun erfüllen können. Der BettelLobby Wien sei Dank.

Es ist kein Happy End, und dennoch eine schöne Geschichte: Knapp 200 Menschen in der Stadt seiner Träume ermöglichen mit ihren Spenden den Transport des Leichnams in seine Heimat und den Kauf eines Sargs. Und ein schöner schwarzer Anzug, der ging sich am Ende auch noch aus.

BUCHTIPP

Die Erinnerung an Jan ist dem Buch "Die Armen von Wien. 13 Sozialreportagen" von KURIER-Redakteur Uwe Mauch entnommen. Es ist im Verlag des ÖGB erschienen und kostet 19,90 €. Zwei Euro von jedem verkauften Buch gehen an AmberMed, die Armen-Ambulanz von Wien.

Armut in einer der wohlhabendsten Städte der Welt: Das war vor hundert Jahren, zur Zeit des legendären Wiener Sozialreporters Max Winter kein Thema für jene, die das Kaiserreich dem Ende zuführten, ihren Wohlstand verwalteten und die öffentliche Meinung diktierten.

Armut ist auch heute kein großes Thema in Wien. Unverständlich. In jener Stadt, die sich in allen internationalen Wohlfühlrankings ganz oben sieht, sind laut amtlicher Statistik 184.000 Menschen betroffen.

Die BettelLobby Wien setzt sich für die Ärmsten der Armen in Wien ein. Annika Rauchwarter und Teresa Wailzer sind ehrenamtliche Helferinnen.

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