Leben
22.08.2017

Wandern erweitert den Horizont

Der Buchautor Martin Burger über die Faszination einer wiederentdeckten Fortbewegung.

Er geht seit seiner Kindheit in die Berge. Gewiss auch der Gesundheit wegen, aber vor allem, um sich weiterzubilden. Jetzt hat der Journalist, Biologe und Autor Martin Burger, der vor seinem Wechsel zu einem Wiener Medizinverlag mehrere Jahre lang in der KURIER-Redaktion gearbeitet hat, ein Themen-Wanderbuch veröffentlicht (siehe unten). Sein Buch kann auch als eine Antwort auf aktuelle Wandertrends gelesen werden.

KURIER: Des Wandern ist des Burgers Lust. Was fasziniert Sie persönlich am Gehen?

Martin Burger: Abgesehen von dem erhabenen Gefühl, zu Fuß eine Landschaft zu durchmessen, möchte ich den Raum und das kulturelle Umfeld verstehen, in dem ich lebe.

Was interessiert Sie da konkret?

Die historischen Routen, die schon von unseren Vorfahren, von Händlern und auch Soldaten, beschritten wurden. Wenn ich zum Beispiel von Mauerbach über den Passauer Hof zum Tulbinger Kogel wandere, dann folge ich einer von mehreren römischen Fernverbindungen von Vindobona nach Comagena (römisches Reiterkastell auf dem Gebiet der heutigen Stadt Tulln).

Diesen historischen Routen kann ich doch auch mit dem Auto und zum Teil mit einem Hochgeschwindigkeitszug folgen.

Im Auto und auch im Zug können Sie nur die Zeitveränderung, aber nicht den Raum wahrnehmen. Ein Gefühl und eine Fähigkeit, die uns übrigens zunehmend verloren gehen.

Österreich ist dessen ungeachtet ein Land der Wanderer. Woher rührt das historisch?

Die Wurzeln liegen zum einen im Pilgern, und zwar nicht nur im religiös motivierten Pilgern. Wenn die Menschen im Mittelalter und dann vor allem im 17. und 18. Jahrhundert zum Sonntagberg und nach Mariazell aufgebrochen sind, dann nicht nur, um auf den Knien zu rutschen, sondern auch, um etwas zu erleben und eine spezielle Kontaktbörse zu nützen. Denn am Berg über 1000 Meter wurden die Konventionen nicht mehr ganz so streng ausgelegt. Zum anderen möchte ich auf die Pioniere der Naturforschung am Ende des 16. Jahrhunderts aufmerksam machen, auf die gerne vergessen wird.

Zum Beispiel?

Auf den holländischen Gelehrten Carolus "Karl" Clusius, dem wir die ersten Erschließungen der Wiener Hausberge, der niederösterreichischen Voralpen auch des Südburgenlands verdanken. Im Biedermeier haben dann der Reiseschriftsteller Joseph Kyselak und der Geograf Adolf Anton Schmidl die Monarchie zu Fuß durchquert und beschrieben. Wobei es diesen Pionieren gar nicht so sehr um Aspekte der Gesundheitsförderung ging. In Handbüchern aus dem 19. Jahrhundert wird das Mitführen von Sherry empfohlen, man führte sich dann schluckweise Cognac zu, was dazu führte, dass einige Wanderer schon zu Mittag komplett dicht waren. Der Alpinist Julius Meurer, ein früher Alpenvereinsfunktionär, bat sogar um Mäßigung: "Champagner ist beliebt, aber nicht vonnöten."

Und warum zieht es in der heutigen Zeit so viele Menschen aus den Städten in die Berge?

Allgemein betrachtet lässt sich festhalten: Je komplexer unsere Welt wird, umso interessanter wird wieder das Einfache. Dem Alltag entfliehen und in der Freizeit Kontakte pflegen, diese Motive sind heute nicht viel anders als im Mittelalter.

Es sind heute auch mehr junge Menschen und vermehrt Frauen auf den Wanderrouten unterwegs.

Das hat ganz sicher damit zu tun, dass die Infrastruktur in unseren Bergen deutlich verbessert wurde. Zunächst ist die Anfahrt erleichtert worden, dann ist die Ausschilderung der Wanderwege heute übersichtlicher. In zahlreichen Hütten wurden die großen Stockbetten und Schlaflager durch eigene Zimmer ersetzt, es gibt jetzt sogar Haubenköche im Hochalpinen.

Haben die Wanderer heute nicht auch eine bessere Ausrüstung?

Eindeutig. Früher haben wir bergauf in dicken Baumwollhemden geschwitzt und am Gipfel in dünnen Windjacken gefroren. Da ist die technisch aufwendig produzierte Softshelljacke doch ein Fortschritt. Wobei zu sagen ist: Was man für den Anfang wirklich benötigt, ist gutes Schuhwerk. Da sollte man auch nicht unbedingt sparen. Und wenn die Chance besteht, einen Schuh vor dem endgültigen Kauf einzugehen, dann würde ich sie unbedingt nützen.

Gehen die Menschen heute eigentlich besser oder schlechter vorbereitet in die Berge?

Es sind heute mehr Menschen unterwegs. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass sich auch mehr Menschen in Gefahr begeben. Ich kann jedenfalls den Besuch einer Kletterschule vorab sehr empfehlen, weil man dort sowohl mental als auch physisch gut vorbereitet wird.

Was hat sich in den Bergen seit deinen ersten Wanderungen in der Kindheit verändert?

Also Mountainbiker mit Helm sind uns damals noch nicht entgegen gekommen. Die Leute, die in meiner Kindheit in die Berge gegangen sind, haben mehr oder weniger schnell Freundschaft geschlossen. Man kannte sich irgendwie. Dennoch war das Rax-Plateau noch nicht so eine alpine Begegnungszone wie heute.

Ist der Berg heute noch ein Naturschau- oder schon ein Sportplatz?

Ich will das jetzt gar nicht werten, aber ich erinnere mich an eine mehrtägige Wanderung in den 1980er-Jahren, da sind wir auf dem Weg von der Mallnitzer Hagener Hütte zum Sonnblick an einer großen Baustelle vorbeigekommen. Die Baustelle gibt es nicht mehr. Sie ist heute ein Ort: Sportgastein. Gleichzeitig findet man in den Bergen noch ausreichend abgelegene Wege, auf denen man alleine unterwegs sein kann. Zu begrüßen ist auch der Trend zur Themenwanderung, weil sich Kinder ebenso wie Erwachsene dabei nicht nur bewegen, sondern auch Wissenswertes erfahren.

Apropos: Wandern und dabei Geschichten erzählen wie in Ihrem neuen Buch, wer hat Sie persönlich dazu animiert?

Die Liebe zum Wandern verdanke ich zunächst meinen Eltern, die meinen Geschwistern und mir schon früh die Berge erschlossen haben. Und dann natürlich der Lektüre des Wandererklassikers von Hubert Peterka und Willi End, die schon vor fünfzig Jahren über die Faszination der Wiener Hausberge sehr ausführlich publiziert haben.

Sie beschreiben in Ihrem neuen Buch insgesamt vierzig "Wege in die Vergangenheit": Wie sind Sie zu diesen gekommen?

Das Interesse an den einzelnen Themen ist oft unterwegs entstanden. Dann habe ich in meinem relativ umfangreichen Privatarchiv und in öffentlichen Archiven recherchiert und anschließend wieder bei Wanderungen. Das ist irgendwie ein nie enden wollender Prozess, der mich aber auch vorantreibt.