Leben
04.08.2017

So will eine Airline Frauen vor Übergriffen schützen

Die indische Fluggesellschaft Vistara versucht, Frauen durch eine spezielle Sitzplatzregelung sicheres Fliegen zu ermöglichen.

Seit März müssen Frauen, die mit der indischen Airline Vistara fliegen, nicht mehr den Platz in der Mitte der Sitzreihe einnehmen. Damit will man seitens des Unternehmens sexuelle Übergriffe verhindern. Das berichtet unter anderem CNN.

In der Vergangenheit gerieten indische Fluglinien immer wieder in die Schlagzeilen, weil es an Bord zu sexueller Belästigung und Übergriffen kam. Im Dezember 2016 wechselte ein Passagier auf einem Flug mit Air India von Mumbai in die USA den Sitzplatz, um neben einer Frau zu sitzen. Als diese eingeschlafen war, soll der Mann sie begrapscht haben. Zudem berichtete ein weibliches Mitglied der Air-India-Crew Anfang Jänner, dass sie auf einem Flug von Delhi nach Muscat von einem Passagier sexuell belästigt wurde.

Sitzplatzregelung & Flughafentaxi

Bei Vistara entschied man sich nun, für Frauen potenziell gefährliche Situationen durch eine entsprechende Sitzplatzregelung zu entschärfen. Die Initiative, die auch weitere Maßnahmen inkludiert, wurde "Vistara Woman Flyer" genannt.

Außerdem haben weibliche Passagiere neuerdings auch die Möglichkeit, mit einem von der Airline organisierten Taxi vom Flughafen zum Zielort transportiert zu werden. "Unsere Mitarbeiter sind dafür geschult, alleinreisenden Frauen bei der Buchung von autorisierten Taxis zu helfen, sie dorthin zu eskortieren und auf Abruf bereitzustehen", erklärte Sanjiv Kapoor, Chefstratege von Vistara, dem Sender Bloomberg. Derzeit ist die neue Regelung nur auf Inlandsflügen in Kraft. In einer Pressemitteilung kündigte Deepa Chadha, Vizepräsident von Vistara, jedoch an, den Maßnahmenkatalog in naher Zukunft auch auf internationalen Flügen zu implementieren.

Der Fluggesellschaft zufolge haben seit März täglich zwischen 70 und 100 Frauen den Service in Anspruch genommen.

Vistara ist nicht die erste Fluglinie, die derartige Maßnahmen umsetzt. Nach den Vorfällen auf Air-India-Flügen haben Frauen seit Anfang des Jahres auf ihren Reisen die Möglichkeit, einen von sechs Sitzplätzen zu buchen, die nur für Frauen ohne Begleitung vorgesehen sind. Die Airline blockiert auf Inlandsflügen zwei volle Sitzreihen für Frauen. Zusätzliche Kosten entstehen keine (mehr dazu hier).

Sexuelle Gewalt in Indien

Nach Angaben der Regierung wird in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. Aktivisten gehen aber von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus, da die Opfer sexueller Gewalt häufig sozial geächtet werden. Von Politikern wurden die Vorfälle in der Vergangenheit mehrfach verharmlost. So bezeichnete ein indischer Minister die Gruppenvergewaltigung im Jahr 2014 als "kleinen Vorfall". 2013 traten schärfere Gesetze gegen Vergewaltiger in Kraft. So steht etwa auf Vergewaltigung mit Todesfolge nun die Todesstrafe.

In öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen und Zügen sind separate Abteile für Frauen in Indien seit langer Zeit gängig. Damit versucht man sexuelle Übergriffe einzudämmen. Experten gehen jedoch davon aus, dass die getrennte Beförderung Männer nicht davon abhält, Frauen an Busbahnhöfen oder anderen Stationen zu belästigen.

Auch das Konzept der Geschlechtertrennung zum Schutz der Frau an sich stößt immer wieder auf Gegenwehr. Kritikern zufolge werde damit angedeutet, dass man Frauen nur vor sexuellen Übergriffen schützen könne, wenn man sie von der männlichen Bevölkerung trennt. Eine britische Studie der Middlesex University kam 2015 zu dem Ergebnis, dass solche Maßnahmen "essenziell nur 'kurzfristige Lösungen' sind, die die Ansicht, dass Frauen kontrolliert und abgetrennt werden müssen, um ihnen Schutz zu ermöglichen, unterstützen."