Leben
08.02.2017

Was Sie bei "Fifty Shades Darker" erwartet

Christian Grey und Ana Steele sind zurück auf der Leinwand. Was der Hype um die Sadomaso-Romanze bewirkt hat.

Schauplatz 1, ein Nobelrestaurant: "Zieh ihn aus", befiehlt Christian Grey seiner Begleitung im Flüsterton und fixiert sie mit durchdringlichem Blick. Diese ist kurz irritiert, gehorcht dann aber doch: Unauffällig entledigt sie sich unter dem Tisch ihres Slips und reicht ihn ihrem Gegenüber.

Schauplatz 2, der voll besetzte Aufzug: Grey tut so, als würde er seine Schuhbänder zubinden – beim Aufstehen streicht er Anastasia langsam über das Bein, bis unter ihren Rock. Ana stöhnt leise auf, keine der anwesenden Personen merkt etwas.

Ja, diese beiden Szenen aus dem zweiten Teil der "50 Shades of Grey"-Trilogie haben es auch in die Verfilmung geschafft. Ab Donnerstag ist die verruchte Liebesgeschichte zwischen dem dominanten Milliardär und der schüchternen Literaturstudentin (die mittlerweile bei einem Verlag arbeitet) wieder auf der Kinoleinwand zu sehen. Nach der Trennung am Ende des ersten Teils werden die beiden erneut ein Paar, dieses Mal jedoch ohne Regeln und Bestrafung.

Doch Fans der frivolen Erotikszenen dürfen aufatmen: Die Abmachung bedeutet nicht, dass Christian und Ana plötzlich Blümchensex in Tennissocken praktizieren. Fesselspielchen und nackte Haut sind auch in "Fifty Shades Darker", so der Originaltitel des zweiten Teils, wieder ausreichend vorhanden. Diese haben schon dem ersten Teil, der am Valentinstag 2015 ins Kino gekommen war, zu einem Mega-Erfolg verholfen: Mehr als 260 Millionen spielte die Verfilmung mit Dakota Johnson und Jamie Dornan alleine am ersten Wochenende ein. Daran konnten auch die mauen Kritiken nichts ändern.

Nicht nur die Kinos frohlockten ob des plötzlichen SM-Hypes – auch die Hersteller von Sexartikeln profitieren. Schon nach Veröffentlichung der Bücher waren die Verkaufszahlen für Fesselspielzeug deutlich angestiegen, berichtete das US-Magazin Forbes damals. Vor der Kinopremiere des ersten Teils war es ähnlich, sagt Johanna Rief vom Online-Sexshop Amorelie: "Je näher die Premiere gerückt ist, desto höher wurde die Nachfrage und auch das Suchvolumen bei Google, und zwar bei allen Produkten rund um das Thema Soft Bondage." Einer aktuellen Umfrage zufolge ist die Hälfte der Befragten der Meinung, dass die Erotik-Trilogie zu einem offeneren Umgang mit Sex beigetragen hat. Das spiegelt sich im Portfolio des Online-Shops wider: Zu einer eigenen "Fifty Shades of Grey"-Kollektion zählen unter anderem Fesseln in den verschiedensten Ausführungen, Handschellen, Peitschen und Nippelklammern. "Extrem gestiegen" sei die Nachfrage bei der "Bondage-Einsteigerbox", Liebeskugeln und Analspielzeug.

Den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität und insbesondere Sadomaso haben die Bücher auf jeden Fall gelockert, findet der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß. Von einem Tabubruch würde er aber nicht sprechen. "'Fifty Shades of Grey' hat eine Öffentlichkeit für sexuelle Praktiken hergestellt, die stattfinden. Bondage, dominance, submission, masochism (BDSM, Anm.) sind schon länger an der Tagesordnung. Der Film lädt dazu ein, dass Menschen ihre Sexualität fantasievoll und selbstbestimmt leben."

Dass jemand, der am liebsten kuschelt, durch den Kinofilm zum Bondage-Fanatiker mutiert, hält der Sexualwissenschaftler für unwahrscheinlich. "Mediale Stimuli führen in der Regel lediglich dazu, dass das zum Vorschein kommt, was schon da ist", sagt Heinz-Jürgen Voß.

Die SM-Szene zeigt sich vom Grey-Hype übrigens gänzliche unbeeindruckt. Den Filmstart habe man "nur am Rande" mitbekommen, heißt es auf Anfrage aus dem Wiener "No Limits Café". SM basiere immer auf gegenseitigem Einverständnis, das sei bei Anastasia und Christian nicht der Fall. Die Darstellung falle nicht unter Erotik – sondern eher unter Körperverletzung.

Die Entstehung der "Shades of Grey"-Trilogie liest sich wie ein Literaturmärchen: Erika Leonard, eine britische Produktionsassistentin beim Fernsehen, schreibt 2009 für Fans der Vampir-Saga "Twilight" eine Fortsetzung, später ändert sie die Namen der Protagonisten auf Christian Grey und Anastasia Steele. Die Geschichte erscheint zuerst online, dann bei einem kleinen Verlag ohne viel Marketingbudget. Durch Mundpropaganda entwickelt sie sich zu einem Riesenerfolg, das Taschenbuch verkauft sich schneller als Harry Potter. Nach der Bestseller-Trilogie erschien er erste Band aus der Sicht Greys, gerade schreibt die 53-Jährige an ihrem fünften Buch. Für alle Romane verwendete sie das Pseudonym E. L. James. Die Autorin lebt mit ihrem Mann, einem Drehbuchautor, und zwei Söhnen in London. Sie selbst habe mit Sadomaso nichts am Hut, die Bücher seien aus einer "Midlifecrisis" heraus entstanden.