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Zukunftsforschung
09/01/2014

Männer erobern weibliche Domänen

Der typische Mann hat ausgedient. Er lebt seine Maskulinität nicht als Macho aus und muss sich nichts mehr beweisen. Außer vielleicht am Herd.

von Ingrid Teufl, Christa Schimper

Der Mann von heute erfindet sich ständig neu. Derzeit zum Beispiel in der Küche mithilfe von Hightech-Geräten wie einem digitalen Siedebad, mit dem sich hervorragend selbstfermentiertes Joghurt herstellen lässt. Oder einem Entsafter, der auch chlorophylhältiges Gemüse wie etwa Kopfsalat auspresst, um den Saft sodann zu einer Sauce für schwarzen Heilbutt zu verarbeiten.

Mit weiteren Zutaten wie Kochleidenschaft und natürlich einer funktionalen Küche mit Edelstahl-Oberflächen – ganz ohne Blümchentapete, versteht sich – ergibt dieser Mix den "gastrosexuellen Mann". So beschreibt der deutsche Buchautor Carsten Otte (Bild unten) diese Männer in seinem neuesten Buch.

Männertypen…

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Männertypen…

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Männertypen…

Männertypen im Wandel der Zeit…

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Männertypen im Wandel der Zeiten…

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Keine Berührungsängste

Berührungsängste mit traditionell weiblichen Domänen kennt der Gastrosexuelle nicht. "Auch in der Politik ziehen sich ja die Männer zunehmend von Krisenherden zurück und überlassen das den Frauen." Nachsatz: "Zumindest in Deutschland." Das macht den gastrosexuellen Mann zum Vertreter einer neuen Männlichkeit, wie sie Trendforscher Matthias Horx und sein Team vom Zukunftsinstitut postulieren.

Es sind vor allem Gegensätze, die diesen sogenannten "Alpha-Softie" ausmachen. "Wir leben in einem ‚entgrenzten‘ Zeitalter." Das Männliche wird sozusagen aufgespalten. Der "Alpha-Softie" definiert sich als eine Mischung aus zielstrebigem Alpha-Tier und dem Mann, der sich nicht schämt zu weinen.

Oder seine Leidenschaft in der Küche auszuleben. Carsten Otte, 42, etwa ist es nicht peinlich, dort mehr Zeit zu verbringen als seine Frau. Und seine Recherchen zeigten, dass er damit nicht alleine ist. "Wir Männer haben erkannt, dass man in der Küche viel tun kann. Kochen ist ein Hobby, bei dem sich die typische männliche Technik-Leidenschaft ausleben lässt. Aber nicht im Werkzeugkeller oder der Garage, sondern inmitten der Familie." Und kulturhistorisch mischt sich ohnehin in jeden leidenschaftlichen Kochakt eine Prise Sinnlichkeit und erotische Dimension.

Entwicklung

Der gastrosexuelle Mann ist das Produkt einer jahrzehntelangen Entwicklung. "Die Geschlechterrollen verändern sich", sagt Otte, 42. "Die Männer heute sind freier als in früheren Generationen. Mein Vater hätte, wie die meisten Männer seiner Generation, nie im Leben freiwillig gekocht."

Christian Schuldt vom Zukunftsinstitut spricht von einer neuen Selbstverständlichkeit des Mann-Seins. Viele Anforderungen wie Empfindsamkeit, und Emotionalität, die nicht zuletzt Frauen forderten, hat der moderne Mann längst verinnerlicht. "Er ist reflektiert, selbstbewusst und hat emotional dazugelernt."

Mann muss sich im Idealfall nichts mehr beweisen, verfügt über eine gefestigte Identität – inklusive einer Portion Maskulinität. Doch die kommt sympathischerweise nicht mehr "machomäßig-potent" daher, sondern "in sich selbst ruhend". Männlichkeit wird generell "potenziell und situationsbedingt" definiert. Um das zu erreichen, sei zunehmend Resilienz gefragt. Damit ist die Fähigkeit gemeint, mit Veränderungen umzugehen. Schuldt findet, das Sinnbild des Stehaufmännchens ist so gesehen geradezu auf den Mann der Zukunft zugeschnitten. Fazit: "Die neue Rollenvielfalt bedeutet kein Ende der Männer. Am Ende ist lediglich der alte Typ Mann."

Und mit ihm auch altbekannte Klischees. Zumindest, wenn man mit einem Gastrosexuellen zusammenlebt. Dieser, versichert Carsten Otte, passt so gar nicht ins Bild, die Küche wie ein Schlachtfeld zu hinterlassen. "Männer wollen auch mal ihre Ruhe haben. Und diese zehn bis 15 Minuten beim Einräumen der Geschirrspülmaschine haben etwas unglaublich Meditatives."

Buchtipp

Carsten Otte, Der gastrosexuelle Mann. Kochen als Leidenschaft. Erschienen im Campus Verlag, 25,70 €

Früher war alles einfacher. Jahrhundertelang veränderte sich die Rolle des starken Mannes, als Familienernährer und Familienoberhaupt kaum. Dem empfindsamen Romanheld in Johann Wolfgang von Goethes „Die Leiden des neuen Werthers“ eiferten zwar viele junge Männer des späten 18. Jahrhunderts nach. Doch am traditionellen Rollenbild änderte sich nichts.
Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die unterschiedlichen Männerbilder stetig zu. Ob das nun die gefühlsbetonteren 68er waren oder die glatten Yuppies der 1980er-Jahre. Doch seit sich die Trends immer schneller überholen, tauchen auch immer wieder „neue Männer“ auf. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde etwa der metrosexuelle Mann ausgerufen. Das Wort setzt sich aus „metropolitan“ für weltoffen und „hetero“ für heterosexuell zusammen. Gemeint sind damit körper- und modebewusste Männer, die auch ein entsprechendes Auftreten haben. Wer sich den britischen Ex-Fußballstar David Beckham vorstellt, weiß, was gemeint ist.
2006 kreierten US-Trendforschern den Begriff M-Ness. Er sollte eine neue Männlichkeit bezeichnen, die mehr nach Werten und Prinzipien als der Metrosexuelle lebt. Klassische Tugenden wie Stärke, Ehre oder Charakter spielen eine wichtige Rolle. Als Vertreter galt beispielsweise der Sänger der Band U2, der sich auch für soziale Projekte engagierte. Zuletzt kam Sporno auf. Diesen Männern, häufig Sportler, ist ihr schöner Körper sehr wichtig. Und wieder gilt ein Fußballer als bester Vertreter: Cristiano Ronaldo.

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