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Leben
11/29/2019

Darf man Bücher wegwerfen?

Das Bücherregal quillt über, aber den Gang zur Papiertonne bringen die meisten nicht übers Herz. Zurecht?

von Julia Pfligl

In den vergangenen Tagen ähnelte das Lebensart-Ressort einer Großraum-Bibliothek: Wir Redakteurinnen und Redakteure hatten eine hausinterne Übersiedelung zum Anlass genommen, um unsere Bücherkästen zu entrümpeln. Bald stapelten sich die ausgemusterten Exemplare – so ziemlich alles vom Chili-Kochbuch bis zum nicht minder scharfen Anatomie-Standardwerk „Penis Pur“ – auf einem großen Konferenztisch, bereit für ihren zweiten Lebensabschnitt. Ein altes Dilemma drängte sich auf: Darf man Bücher, die ausgelesen sind und ihre Dienste getan haben, ins Altpapier befördern?

Keinesfalls, werden nun nicht nur Vielleser und Print-Verfechter entsetzt einwerfen.

Da kann Marie Kondo noch so liebreizend über den Zauber der Entrümpelung schwadronieren: Das Wegwerfen von Büchern gilt seit jeher als Todsünde, als sicherer Indikator für Gefühlskälte und Kulturlosigkeit. Warum aber taucht jedes Mal diese innere Barriere auf, sobald man sich mit einem Buch der Tonne nähert?

Der KURIER fragte bei einer Expertin nach: Petra Hartlieb ist eine der engagiertesten Buchhändlerinnen Wiens („Hartliebs Bücher“ in Währinger Straße und Porzellangasse) und selbst Autorin (im Mai erschien „Sommer in Wien“). Bei ihr zu Hause herrscht ein wahrer „Bücherstau“, dennoch wirft sie kaum welche weg (einzige Ausnahme: „Wahnsinnig schirche, schlecht gebundene Bücher oder Broschüren, deren Inhalt mich nicht interessieren“). „Ich denke, das liegt daran, dass Bücher eine Geschichte haben, einen emotionalen Wert – man erinnert sich daran, wie man als Student für ein bestimmtes Exemplar gespart hat oder an die Reise, auf der man es gelesen hat. Ich habe zum Beispiel ein signiertes Werk von Jonathan Franzen, mit dem ich schon vier Mal übersiedelt bin. Wenn ich Bücher wirklich nicht mehr brauche, verschenke ich sie, bringe sie ins Frauenhaus, ins Gefängnis oder zur Caritas.“

Digitale Bibliothek

Eine andere Alternative zur Mülldeponie ist das Online-Portal Momox, das über den Barcode den Wert gebrauchter Bücher ermittelt, diese an- und weiterverkauft. Auch Antiquariate und Büchereien freuen sich meist über (gut erhaltene) Second-Hand-Bücher, das große Geld lässt sich damit freilich nicht mehr machen.

Ein platz- und müllsparender eReader, der mit beliebig viel digitalem Lesestoff befüllt werden kann, ist für Hartlieb jedenfalls keine Lösung für den Bücherstau: „Das hat für mich nichts mehr mit Büchern zu tun. Ich will ein Buch in Händen halten, den Umschlag sehen, es später ins Regal stellen und bestimmte Stellen nachschlagen. Es ist bewiesen, dass man Texte am eReader völlig anders liest.“

Letztlich haben Bücher nicht nur einen emotionalen Wert, sondern auch einen materiellen. Sie sind Gebrauchsgegenstände, die energie- und materialintensiv hergestellt werden, und sollten alleine deshalb nicht gedankenlos im Müll landen. Die Herstellung von zehn Büchern mit 200 Seiten aus Frischfaserpapier verursacht rund elf Kilogramm (zum Vergleich: Bei einem eReader sind es rund acht Kilogramm ). Aus Umweltsicht ist es auch hier das Beste, Bücher auszuleihen oder im Freundeskreis zu tauschen, statt jedes Mal neue zu kaufen.

Die KURIER-Lebensart-Bücher landeten schließlich in der FH Campus Wien und finden bei einer Tombola zugunsten eines Sozialprojekts hoffentlich bald neue Besitzer.

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