Leben
29.01.2018

Tegetthoff: Wie Generationen im Gespräch bleiben

Erzähler Folke Tegetthoff über seine Beziehung zum Enkelkind und wie man den Kontakt zur Jugend hält.

"Let’s chat, Baby!" nannte Autor Folke Tegetthoff sein neues Buch und nahm so das Gespräch mit dem (damals ungeborenen) Enkelkind auf.

KURIER: Wie ist Großvatersein anders als Vatersein?

Folke Tegetthoff: Viele Großväter empfinden die Rolle anders, weil sie früher mit dem Beruf so beschäftigt waren, dass sie ihre Kinder nur in der Früh und am Abend gesehen haben. Bei den Enkeln sind viele in Pension. Ich hatte das Glück, dass ich mit meinem Beruf die Kinder wirklich aufwachsen sehen konnte. Bis meine Tochter Tessa zwei Jahre alt war, hat sie zu mir und zu meiner Frau Mapa gesagt, weil es für sie keine Unterscheidung zwischen Mama und Papa gab.

Was hat sich verändert, als Sie von der Schwangerschaft Ihrer Tochter erfahren haben?

Mich hat Theo Besinnung gelehrt, er symbolisiert für mich den Urknall. Ich liebe alle meine vier Kinder ohne Wenn und Aber, doch das erste Enkelkind ist etwas Besonderes. Als mir Tessa von der Schwangerschaft erzählte, habe ich am nächsten Tag den ersten Text für mein Enkelkind geschrieben. Anfangs war es sehr persönlich, dann bin ich zu den Themen unserer Zeit gekommen. Zu Erklärungen über die Welt, die für uns ganz selbstverständlich geworden sind. Die ersten 40 Nachrichten habe ich auf WhatsApp geschrieben, dann auf dem Computer. Ich habe eine Gruppe mit meiner Frau und meiner Tochter eingerichtet und jeden Tag eine Nachricht geschickt. Alle 185. Theo kam zwölf Tage nach dem errechneten Termin zur Welt. Ich hatte ihm geschrieben: Bitte warte noch, mir fallen gerade noch so viele Sachen ein, die ich noch mit dir besprechen will. Aber da war meine Tochter dagegen.

Welche Themen wollen Sie weitergeben?

Zum Beispiel das Gender-Thema. Ich gratuliere ihm nicht, als Mann geboren zu werden. Ich glaube, dass wir ein beginnendes Matriarchat erleben. Wir stecken in einem gigantischen Paradigmenwechsel, aber wir wollen noch nicht wahrhaben, was es wirklich bedeutet. #MeToo ist nur ein äußeres Zeichen dafür, dass die Vormachtstellung des Mannes, die immer absurder wurde, am Ende ist. Die Einstellung, dass eine Frau es ja ohnehin mag, wenn man ihr auf den Hintern greift, ist aus – zumindest bei uns. Für mich dreht sich auch viel um die Themen Gott, Geburt und Tod.

Warum scheint es heute schwieriger, mit seinem Kind zu sprechen, als früher?

Der Einfluss von Social Media ist eine enorme Belastung. Wenn Eltern das Handy bejammern, frage ich: Wer hat es unseren Kindern gegeben? Wir! Auch weil wir froh sind, wenn wir Zeit für uns haben. Die möchten kommunizieren, das tun sie viel mehr als wir. Aber völlig anders.

Was ist an ihrer Kommunikation anders?

Die Körpersprache ist ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation, denn so erkenne ich Emotionen. Um Gefühle, Hoffnungen, Sehnsüchte mitteilen zu können, brauche ich einen Wortschatz, Emoticons sind da ein zu schwacher Ausdruck. Das ist die größte Bedrohung der Kommunikation. Wenn ich meinen Kindern einen Satz mit 20 Worten schreibe, schreiben sie fünf Worte und vier Emoticons. Die Gefahr ist, dass sie nicht alles zum Ausdruck bringen können, was sie sagen wollen. Wenn wir einander gegenübersitzen, motiviere ich sie durch mein Zuhören, mehr aus sich herauszukommen. Deshalb kämpfe ich so für das Erzählen: Wir übermitteln heute meist nur Informationen, aber wir geben nichts von uns preis. Selbst wenn es um Gefühle geht. Beim Erzählen entstehen Bilder, da spürt der andere etwas.

Was kann man dafür tun?

Wenn die Kinder sehen, dass wir Erwachsenen miteinander reden, erkennen sie, dass das etwas Gutes ist. Ich darf nicht mit dem erhobenen Zeigefinger schimpfen und dann nachschauen, ob ich eine WhatsApp-Nachricht habe.

Wenn Sie die Kinder von früher und heute beim Zuhören vergleichen: Was hat sich geändert?

Früher war es kein Problem, Kindern eine Stunde lang zu erzählen. Heute liegt die Aufmerksamkeitsspanne bei 15 Minuten. Danach muss unglaublich viel eingesetzt werden, um sie bei der Sache zu halten. Dieses Aufmerksamkeitsdefizit entsteht aus der Informationsflut. Die Kinder wachsen mit Computerprogrammen auf, die alle drei bis acht Sekunden ein neues Bild liefern. Wenn ich als Erzähler vorne sitze, ändert sich gar nichts.

Sie lehren Zuhören. Wie?

Mein Projekt: Ich spreche in einer Berufsschule vor 60 Mechanikerlehrlingen. Man hat mir abgeraten. Ich habe aber 90 Minuten ohne Unterbrechung geredet. Sie haben 90 Minuten zugehört und kaum geatmet. Ich erzähle darüber, was Zuhören bedeutet. Das ist ihr Thema: Die sind unruhig oder aggressiv, weil ihnen nicht zugehört wird oder weil sie keine Achtung erfahren. Nicht so, wie es bei meinem Theo sein wird.

Folke Tegetthoff

Beruf(ung)

Autor Folke Tegetthoff wurde als Märchenerzähler berühmt und gründete das Storytelling-Festival sowie die "Schule des Zuhörens". Er setzt sich besonders dafür ein, dass Eltern ihren Kindern vorlesen. Seine bisher 44 Bücher sind in 12 Sprachen erschienen.

Familie

Seine vier Kinder sind bereits erwachsen. Die älteste Tochter Tessa und Mutter seines jetzt einjährigen Enkels Theo arbeitet mit ihm zusammen. Er lebt in der Steiermark und in Piran (Slowenien).

"Let’s chat, Baby!": Edition Neues Märchen, 340 Seiten, 25,90 €. In 185 WhatsApp-Nachrichten erzählt der Großvater seinem ungeborenen Enkel von Gott und der Welt