Winzerin Christina Netzi
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Frauen im Weinbau: Gegen diese Vorurteile kämpfen sie

Frauen führen Weingüter, prägen Spitzenweine und kämpfen dennoch noch immer oft gegen überholte Klischees an.

Der Keller ist alt – die Fässer, die unter dem steinernen Gewölbe lagern, deutlich jünger. Noch hell ist das Holz, die eingebrannten Hersteller scharf umrissen. Saint Martin, Ermitage, Darnajou und Stockinger: Eine illustre Sammlung bekannter Namen aus der Welt der Fassbindereien, die sich hier, bei derzeit erfrischenden 16 Grad, aneinanderreihen. Es ist der älteste Kellerteil am Weingut Netzl in Carnuntum, erbaut 1860.

Das erzählt Christina Netzl-Artner, während sie durch die Weinkeller in Göttlesbrunn führt, hinüber in den modernen Teil, in dem auch Stahltanks mit 10.000 Litern Fassungsvermögen oder bauchige Amphoren stehen. Und man sollte sich schon allein ob der imposanten Gebinde kein Beispiel am nun zurückgetretenen Wiener Wirtschaftskammerpräsidenten Walter Ruck nehmen. Der fiel ja unter anderem mit dem Gesprächsmitschnitt auf, ungern mit Frauen in den Weinkeller zu gehen.

Klischee und Realität

Darauf angesprochen, lächelt die 42-Jährige nur nobel. Sie kenne so etwas, sagt sie dann doch. „Ich hab im Leben schon einiges gehört, zum Beispiel, ob ich keinen Bruder hab. Oder: Die armen Eltern, die der Tochter den Betrieb übergeben müssen.“

Die Realität sah daheim anders aus. „Die Eltern und Großeltern haben mich immer unterstützt.“ Und so, wie sie mit dem Weinheber hantiert und Wein aus dem Fass in das Glasrohr zieht, ist Wissen und Professionalität spürbar. Schon als Kind sei sie gern in den Weinkeller mitgekommen, schrieb immer „Weinbäuerin“ als Berufswunsch in die Stammbücher der Schulkolleginnen. Nach dem Studium Internationales Weinbaumanagement und Wanderjahren kelterte sie 2007 ihren ersten eigenen Jahrgang, seit 2016 leitet die junge Winzerin das Familienweingut mit Schwerpunkt Rotweine.

Neue Generation von Weinmachern 

Christina Netzl-Artner zählt zu einer neuen Generation von Weinmachern, das Geschlecht zählt weniger als Passion und Können. Nicht zuletzt deshalb gibt es immer mehr junge Frauen, die in den Familienbetrieb einsteigen. „Es ist ein Beruf mit so vielen Facetten, es geht nicht nur um Weingeschmack. Betriebssicherheit, Arbeitsrecht, Mikrobiologie gehören auch zu meinen Aufgaben.

Dazu kommt ein weiterer Aspekt, sagt Dorli Muhr. Sie betreibt seit 2001 ein Weingut im nahen Prellenkirchen und seit 1991 eine Weinagentur in Wien. “Önologie – also Weinmachen – ist ein erlernbarer Beruf geworden, der nicht mehr zwingend mit dem Besitz oder der Erbschaft eines Weinguts einhergehen.„ Ihre eigenen Anfänge seien “nicht ganz einfach„ gewesen. 

Die ältere Generation habe eben andere Ansichten. “Nun bin ich schon so lang Unternehmerin, ich achte nicht mehr darauf und mit der Zeit fallen viele Spannungen weg.„ Heute verändere sich zudem die Wahrnehmung bezüglich des Weinmachens. “Es werden bewusst junge Frauen inszeniert oder sie inszenieren sich selbst.„

Frauenanteile steigen

Damit etabliert sich eine Entwicklung, die international bereits weiter fortgeschritten ist. In großen Weinbauländern wie Spanien, Portugal, Frankreich oder Italien sind önologisch ausgebildete Frauen schon länger etabliert. Genaue Zahlen existieren zwar nicht. Laut statistischer Daten steigt im Weinbau in diesen Ländern aber vor allem der Anteil jüngerer Frauen. Etwa Italien gehört zu jenen europäischen Ländern mit dem höchsten Frauenanteil im Weinbau.

Sogar in der ehrwürdigen Champagne übernehmen immer mehr Frauen als Kellermeisterinnen renommierter Betriebe das Ruder. Ob Laurent Perrier, Deutz, Duval-Leroy und andere – Frauen sorgen hier für den Geschmack der Traditionshäuser. Das Geschlecht ist in dieser Spitzenregion offensichtlich kein Thema mehr.

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©Strehn.at

Pia Strehn: Rosé im Blaufränkisch-Land

Bei Pia Strehn liegt das scheinbar in der Familie. Schon ihre Mutter Monika führte das Familienweingut in Deutschkreutz im Burgenland, seit 2012 sind es die 43-Jährige und ihre Brüder Andy und Patrick. Zu dritt realisierten sie eine damals ungewöhnliche Vision: Im Blaufränkisch-Land voll auf Rosé zu setzen. Da prallten gleich zwei Vorurteile aufeinander, erinnert sich die Winzerin. “Frauen und Weinmachen – und dann auch noch Rosé, der als ‚Frauengetränk’ abgewertet wurde.„ Benachteiligt fühlte sie sich dennoch nicht. “Ich hatte eigentlich keine Zeit, mich mit Geschlechterunterschieden und Klischees zu beschäftigen.

Auch wenn mittlerweile mehr Frauen als früher in der Weinbranche zu finden sind, ist längst nicht alles eitel Wonne. Dorli Muhr beklagt etwa, dass in den Weinbau-Gremien oder in der Politik Frauen rar seien, überhaupt in den oberen Ebenen. „Vielleicht ist das aber nur eine Frage der Zeit, dass sich junge Winzerinnen auch hier mehr einbringen werden“, hofft die 65-Jährige.

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©Weingut Leo HILLINGER

„Nur die Etiketten gemacht“

Vivienne „Vivi“ Hillinger, 22, führt mit ihrem Bruder Leo das Familienweingut in Jois (Bgld.) kennt schiefe Blicke aus der Branche ebenfalls. Bis heute hat sie das Gefühl, sich als Frau stärker beweisen zu müssen als ihre männlichen Kollegen. „Viele Menschen gehen automatisch davon aus, dass Frauen weniger über Wein wissen als Männer.“ Das bekomme sie regelmäßig zu spüren.

Vor allem bei Gesprächen über die Arbeit im Keller würden Fragen häufig an ihren Bruder gerichtet. „Wenn ich dann antworte, sind viele überrascht.“ Und bei ihrem ersten Wein wurde ihr unterstellt, doch „nur das Etikett gemacht“ zu haben. Von einem Mann übrigens, wie sie betont. Selbst auf internationalen Weingütern habe sie erlebt, dass bestimmte Arbeiten Männern vorbehalten waren. „Wir müssen den Männern beweisen, dass es keinen Unterschied macht.“

Teamarbeit

Die schwere Arbeit im Weinbau, damit sind Winzerinnen tatsächlich immer wieder konfrontiert. „Natürlich kann ich kein Barrique-Fass auf die Waschanlage heben“, gibt Christina Netzl-Artner zu. „Aber ich kann es mit dem Stapler raufheben“, sagt sie im selben Atemzug und lacht. „Man muss Möglichkeiten suchen, um ans Ziel zu kommen.“ Überhaupt: „Jedes Weingut funktioniert nur, wenn das Team gut ist. Das ist unabhängig, ob Frau oder Mann. Man muss wissen, wo man hin will.“

Um abschließend noch ein Klischee zu bemühen: Gehen Frauen anders ans Weinmachen heran als Männer? Pia Strehn winkt ab. „Ich glaube, es ist eine Persönlichkeitssache, die Leute spüren das Herzblut. Ich kenne auch viele kreative Winzerkollegen.“ Wein zu keltern hat viel mit Emotion und Inszenierung zu tun. „50 Prozent ist die Produktion, aber 50 Prozent ist die Wahrnehmung von außen.“

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©Andreas Hafenscher

Für Dorli Muhr ist die Frage, aus welcher Geschmacksära jemand kommt, wichtiger. „Es ist ein großer Unterschied, ob eine Person in den 80er- oder 2000er-Jahren groß geworden ist.“

Christina Netzl-Artner kann dem Geschlechtszuordnungen beim Wein ebenso nichts abgewinnen. Ihr Stil sei zwar anders als der ihrer Eltern. Manche Stammkunden merkten durchaus eine Veränderung. Doch sie führt auch andere Argumente an, die den Wein beeinflussen. Viele der Netzl-Reben sind etwa bereits 25 bis 30 Jahre alt.

Durch das Alter verändern sich die Trauben ebenso wie durch die Umstellung auf Bio. Und auch das heiße Klima beeinflusst den Wein. Vielleicht haben Winzerinnen aber doch einen Vorteil. „Männliche Nachfolger müssen oft in den Betrieb einsteigen. Ich kenne aber keine Winzerin, die gezwungen wurde, sondern nur solche, die es selbst wollten.“

Ingrid Teufl

Über Ingrid Teufl

Redakteurin im Ressort Lebensart. Gesundheit, Wellness, Lifestyle, Genuss. Seit 1997 beim KURIER, Studium Geschichte/Publizistik, Germanistik, Politikwissenschaften [Mag.phil.] Mag Menschen, Landschaften und Dinge, die gut tun, gut schmecken, gut riechen, neu sind.....und darüber schreiben.

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