Hype im Wasserglas: Warum Chia-Samen jetzt getrunken werden
Wie Ernährungsexperten den Trend sehen und warum Chiasamen auch in die Sterneküche eingezogen sind.
Die winzigen, dunklen Kügelchen finden sich in vielen Haushalten als Zutat in Porridge, Joghurts oder Brot. Längst sind sie auch in die Spitzengastronomie eingezogen. Jetzt wird „Chia-Wasser“ auf sozialen Medien wie Tiktok als „Wundermittel“ gepriesen.
Schon vor Jahren haben sich die ursprünglich in Südamerika beheimateten Samen in unserer Ernährung einen Ruf als Superfood mit vielen positiven Eigenschaften erarbeitet. Auf Tiktok auch noch als einer der größten Wellness-Trends: Als wahres Wundermittel wird es tituliert – vor allem, um Gewicht zu verlieren, und als „Detox-Lebensmittel“.
Nährstoff-Mix
Die Idee kommt nicht von ungefähr. Trockene Chiasamen besitzen die Fähigkeit, ein Vielfaches ihres Gewichts aufnehmen und dehnen sich bei Kontakt mit Flüssigkeit schnell aus. Sie sind reich an Ballaststoffen, Omega-3-Fettsäuren und Mineralstoffen. Chia-Samen gehören zu den wenigen Lebensmitteln, die gleichzeitig viel Fett, Eiweiß und Ballaststoffe enthalten – eine eher ungewöhnliche Kombination in Pflanzen.
„Chia hat sehr gut Nährwerte“, bestätigt die Wiener Ernährungswissenschafterin Martina Buchmann-Kovacs. Der Proteinanteil sei zum Beispiel mit 23 Prozent hoch. „Aber gleichzeitig auch der Fettgehalt mit 38 Prozent“, gibt sie zu bedenken. Und wenn es um den ebenfalls hoch gelobten Gehalt an Omega-3-Fettsäuren geht, betont die Expertin: „Den hat Lachs ebenfalls.“
Trends sind von kurzer Dauer
Sie warnt vor zu großen Erwartungen. „All diese propagierten Trends sind immer von sehr kurzer Dauer. Es gibt immer etwas Neues, das als vermeintliches Super-Lebensmittel genannt wird.“ Am aktuellen Trend stört sie der Fokus auf ein Abnehm-Wundermittel. „Wenn so etwas versprochen wird, ist das generell immer mit Vorsicht zu sehen.“ Natürlich sei man empfänglich für schnelle Lösungen. „Aber beim Abnehmen muss sich im Kopf etwas ändern.“ Chia könne durch seinen hohen Ballaststoffanteil das Hungergefühl dämpfen. „Es ist klar, dass ich dann weniger esse. Auf Dauer ist es aber sehr einseitig.“
Der propagierte Gesundheitsnutzen in den sozialen Medien stützt sich auf viele Behauptungen, die sich neben der Gewichtsabnahme vor allem auf verbesserte Darm- und Herzgesundheit oder Blutzuckerwerte beziehen. Eine logische Folge, betont Buchmann-Kovavs. „Wenn man Gewicht verliert, verbessern sich auch die anderen Parameter – aber nicht per se durch Chia.“ Wissenschaftliche Studien dazu sind allerdings rar, und die Belege in aktuellen systematischen Übersichtsarbeiten deuten auf „bescheidene Verbesserungen bei den Messwerten“ hin, heißt es auf BBC Food.
Zähflüssiges Gel im Glas
Warum der aktuelle Trend ausgerechnet auf „Chia-Wasser“ setzt, das getrunken werden soll, erschließt sich für Buchmann-Kovacs nicht wirklich. Beim Kontakt mit Flüssigkeit entsteht ein dickflüssiges, je nach verwendeter Samenmenge oft sogar geleeartiges Getränk. Da verziehen wohl manche schon beim Gedanken das Gesicht. Die Ernährungswissenschafterin empfiehlt, Chia in Joghurt oder Haferbrei einzurühren. „Das ist nahrhaft und vom ernährungsphysiologischen Standpunkt wertvoller.“
Was beim pur Trinken vielleicht nicht so schmackhaft ist, wird in der Küche allerdings geschätzt: die Bindungseigenschaften. Chia-Pudding ist etwa in der veganen Küche ein beliebtes Dessert. In veganer Eiscreme erhöhen die Samen die Cremigkeit; auch als knuspriger Cracker schmecken sie. Chia-Gel verändert seine Konsistenz je nach Temperatur und Säuregrad. Deshalb experimentieren Köche damit für vegane Desserts und molekulare Küche. Im Fine Dining wird der einfache Chia-Pudding mitunter mit Effekten wie Rauch serviert. Oder die aufgequollenen Samen werden in Cocktails wie Perlen oder Kaviar verwendet. Das macht mehr her als ein Gel im Glas.
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