Guido Tartarotti: Wenn die Zeit faul wird

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Foto: Getty Images/iStockphoto/gemenacom/iStockphoto Vieles bezieht große Teile seines Wertes daraus, dass man darauf warten muss.

Hunger ist der beste Koch, und Warten ist das beste Drehbuch. Ein Plädoyer für die vergessene Kunst des Wartens – und gegen das Leben im 1,5-fachen Binge-Watching-Tempo.

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Es ist Sommer. Die Zeit, wenn sogar die Zeit faul wird. Sommer ist: glückseliges, endloses Warten auf den Herbst. Ungeduldig warten wir darauf, dass der Herbst NICHT kommt.

Obacht! Das wird ein Plädoyer für das Warten. Wer Warten hasst und ein Plädoyer fürs das Warten als Unsinn ansieht, hat jetzt eine gute Gelegenheit, auszusteigen. Wer sich überraschen lassen will, kann gerne weiterlesen und warten, ob sich nicht doch ein paar interessante und vielleicht sogar witzige Gedanken finden.

Serien-Fressen

Es gibt einen nicht mehr ganz neuen Trend im Konsumieren von Fernsehserien: Binge-Watching. Man schaut eine Serie in einem Abo-Kanal (ganz Altmodische kaufen eine DVD). Wobei man genau genommen nicht schaut, sondern frisst: Vier Folgen, acht Folgen, eine Staffel, zwei Staffeln, drei Staffeln am Stück, möglichst ohne Pause (nur Willensschwache gehen manchmal aufs Klo).

Ich habe Binge-Watching probiert und fand es öde. Fernsehserien sind ja bewusst so gebaut, dass man sich nach einer Woche Pause wieder auskennt und dass es auch nichts macht, wenn man einzelne Folgen versäumt. Nach drei Folgen hintereinander schwirrt mir der Schädel von all den erzählerischen Redundanzen. Es fühlt sich an, als hätte man einen Gesprächspartner, der sich alle fünf Minuten aufs Neue vorstellt und erklärt, wer er ist: Angenehm, ich bin der Sascha, ich  bin dein bester Freund seit 20 Jahren, wir sitzen hier in einem Lokal, das ist ein Haus mit vielen durstigen Menschen drin, und wir sind hier auf ein Bier, was bedeutet, dass wir vier oder fünf trinken werden, Bier ist übrigens eine milde alkoholische Flüssigkeit ...

Das Hauptproblem aber: Fällt das Warten weg, wird die Serie in meiner Wahrnehmung schlechter. Ich habe noch gelernt, dass zwischen zwei Serienfolgen ein Cliffhanger und eine Woche Pause liegen. In dieser Woche wurde die Folge, die man noch gar nicht kannte, besser, weil  sich die Spannung aufbaute, und weil einem die Schwächen und die Brüche in der Logik weniger auffielen.

Hunger, so heißt es, ist der beste Koch. Und Warten ist der beste Drehbuchautor.

Viele der besten Dinge des Lebens beziehen große Teile ihres Wertes daraus, dass man auf sie warten muss. Mehr noch: Oft war und ist das Warten interessanter, lustvoller, erfüllender als das Ereignis selbst: Weihnachten, Geburtstag, Fußball-WM, Liebesnacht, Rolling-Stones-Konzert.

Ich erinnere mich noch genau an das Warten auf mein erstes Stones-Konzert. Das Warten füllte die ganze erste Jahreshälfte 1982. Täglich redete ich mit meinen Freunden über das Konzert, ich hörte die Platten und spielte dazu auf dem Tennisschläger Gitarre und versuchte so auszusehen wie Keith Richards. Ich bemalte ein T-Shirt mit dem Stones-Logo, zerriss ein Paar Jeans und schwindelte meinem Vater ein Sakko ab, das ich kunstvoll in einen abgewetzten Zustand brachte.

Am liebsten hätte ich mir noch graue Haare wachsen lassen, so, wie Keith Richards sie hatte, aber da hätte das Warten zu lange gedauert, ich war schließlich erst 14.

Keith Richards

Ich wollte so aussehen, dass Keith Richards mit mir zufrieden sein konnte, wenn er auf die Bühne kam. Was natürlich ein Unsinn war, Keith Richards würde mich von der Bühne aus nicht erkennen unter 60.000 Menschen, er hatte in dieser Zeit ja schon große Schwierigkeiten, seine Gitarre zu erkennen.

An das Warten erinnere ich mich noch gut, an das Konzert kaum noch, was mich gar nicht stört, denn es soll schauderhaft gewesen sein.

Ich finde Warten schön. (Dieser Satz ist natürlich manchmal purer Unsinn, etwa, wenn man auf den Bus wartet, ein Wolkenbruch seine Arbeit aufnimmt, die Haltestelle kein Wartehäuschen und man selbst keinen Regenschirm hat. In so einem Fall ist der Bus, der in einer Minute fahrplangemäß kommt, wesentlich schöner als der, der in 23 Minuten da sein soll, aber weitere drei Minuten Verspätung hat. Oder wenn wir auf eine medizinische Diagnose warten – da ist jede Stunde pure Qual.)

People waiting in long line Foto: Getty Images/iStockphoto/gemenacom/iStockphoto Oft ist das Warten interessanter als das Ergebnis selbst. Aber es gibt viele Dinge im Leben, bei denen das Warten entscheidender Bestandteil des Ereignisses ist und unbedingt mitgeschmeckt werden muss. Zum Beispiel der Urlaub: Ich gestehe offen, dass mir eine Reise am allerbesten vor der Reise gefällt. Denn da hatte die Realität in Form von Mitreisenden, Insekten, mitreisenden Insekten und diversen Verdauungsstörungen noch keine Chance, die Traumreise des Wortes Traum zu berauben.

Charakter-Test 

Warten bedeutet aber noch etwas anderes. Es ist das Geschenk eines Gratis-Charaktertests, den uns das Schicksal macht. Das Warten gibt uns die Gelegenheit, uns selbst Gelassenheit zu zeigen, unseren eigenen Bedürfnissen mit Humor gegenüber zu stehen, uns frei zu machen von der eigenen Wichtigkeit.
Probieren Sie es einmal: Lassen Sie anderen den Vortritt beim Wettlauf auf die zweite Kassa. Stellen Sie sich freiwillig an die längere Schlange. Was sind schon zwei Minuten „Zeitverlust“ gegen das wunderbare Gefühl, einfach ein bisschen auszusteigen aus dem allgemeinen Wichtiggetue?

Zeitverlust

Überhaupt, Zeitverlust. Im Verkehrsfunk hören wir oft, wie viel Zeit wir in diesem oder jenem Stau verlieren.  Und im Sport werden wir oft darüber informiert, wie viel Zeit jemand auf dieser oder jener Skipiste liegen gelassen habe. Wenn dies stimmte, würde es sich lohnen, all die auf Straßen und Pisten herumkugelnden Sekunden, Minuten und Stunden einzusammeln und mit nach Hause zu nehmen, man könnte sein Leben drastisch verlängern.

In Wahrheit kann man Zeit aber weder verlieren noch gewinnen, man kann sie nur anders verbringen, als geplant. Also noch im Stau und noch nicht in den Armen der Geliebten. Oder noch auf der Hausbergkante und noch nicht beim Zielinterview. Die Zeit vergeht für alle gleich, und erst, wenn wir tot sind, vergeht sie für uns nicht mehr.

1,5

Der ganz neue Trend beim Binge-Watching ist übrigens dieser: Man schaut Serien mit 1,5-facher Geschwindigkeit. Dabei klingen die Dialoge schon sehr seltsam, aber man kann noch alles wahrnehmen und schafft mehr Serie pro Zeit.

Irgendwann werden wir vielleicht auch lernen, 1,5 Mal so schnell wie bisher zu essen, zu atmen, zu lieben, zu schlafen und zu leben. Das ist so ähnlich wie bei den Frühaufspringern im Flugzeug (um einen Sketch des Kabarettisten Alex Kristan zu zitieren): Sind wir schneller draußen, kriegen wir schneller den Koffer, sind wir schneller im Hotel, schneller beim Essen, schneller beim Strand, schneller wieder zuhause.

Ich wünsche uns ein langes, glückliches Warten auf den Herbst. Wenn es geht, in 0,5-facher Geschwindigkeit.

Nachwort

Etwa ein Drittel unseres Lebens verbringen wir schlafend. Auf Twitter schrieb kürzlich jemand zu diesem Faktum: „Entsetzlicher Gedanke“.

Ich finde den Gedanken ganz im Gegenteil sehr schön: Wenn Schlafen das Warten aufs Wachsein ist – also jene Zeit, in der das Wollen, Sollen und Müssen Pause hat –, dann sind all die verschlafenen Jahre nicht die schlechteste Zeit des Lebens.

(KURIER) Erstellt am
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