Leben
17.06.2018

Eltern, legt mal eure Handys weg!

Nicht nur Kinder verbringen zu viel Zeit mit dem Smartphone, sondern auch ihr Eltern. Wie kann man das ändern?

Mit ihrer Facebook-Nachricht sorgte die US-Volksschullehrerin Jennifer Beason für weltweite Aufmerksamkeit. Sie stellte einen kurzen Aufsatz ihrer Schülerin online: „Ich hasse das Handy meiner Mutter. Ich wünschte, sie hätte keines“, schrieb ein Mädchen über Erfindungen, die es nicht mag. „Meine Eltern sind täglich bei ihrem Handy“, beklagte es – genauso wie drei weitere Kinder aus ihrer Klasse (mehr dazu hier).

Auch der kleine Sohn der Wienerin Katja Septimus beschwerte kürzlich bei ihr, erzählt die Mama eines Zweieinhalbjährigen: „Er hat gesagt: ,Nein, nein, Mami, kein Telefon – Telefon weg, weg!’ Das hat mich wachgerüttelt.“ Seither legt sie das Telefon absichtlich weg, wenn sie mit ihm isst, spielt oder etwas unternimmt.

Ein erstes Umdenken findet statt, berichten auch andere Mütter dem KURIER von ihren Bemühungen, zugunsten der Kinder auf Online-Zeit zu verzichten.

So verzichte ich für mein Kind auf mein Handy:

Mütter erzählen, wann sie auf das Handy verzichten

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Birgit, Mama von Marie und Theo (2 Jahre)

Seit meine Zwillinge auf der Welt sind (also seit ca 2,5 Jahren), verwende ich mein Telefon untertags, wenn ich mit ihnen zusammen bin, gar nicht. Es liegt lautlos in meiner Handtasche oder auf einem Regal in der Küche.Einerseits hatte ich anfangs eh alle Hände voll zu tun und andererseits finde ich es den Kinder nicht sehr wertschätzend gegenüber, wenn man in ihrer Anwesenheit dauernd das Ding in der Hand hat und geistig abwesend ist. Vielleicht ist diese absolute Abstinenz mit Zwillingen auch einfacher, da ich eigentlich keine freie Minute habe.

Birgit

Abgesehen davon hat es den Vorteil, dass ich die Zeit, die ich mit den Kindern verbringe, sehr entspannt genieße und mich beruflichen Dingen erst widme, wenn die Kinder schlafen oder wenn sie im Kindergarten sind. Habe dadurch quasi mittags und nachmittags eine berufliche Auszeit - allerdings auch eine soziale. Das ist das einzige, was mir manchmal abgeht, lange ungestörte Telefonate mit Freundinnen oder meiner Schwester, ansonsten vermisse ich durch die reduzierte Handynutzung nicht wirklich etwas.

Anna Maria, Mama von Camilla (3) und Assunta (8) sowie zwei weiteren Kindern

"Wir haben kein Handy beim Tisch, auch nicht beim Schlafengehen und nicht am Weg zum und vom Kindergarten und in die Schule (zu Fuß), da kann man so gut reden und auf den Tag vorbereiten oder Vormittag „verdauen“, sagt Anna Maria.

Eva-Maria, Mama von Sonja (8)

"Ich musste da gar nichts ändern. Für mich ist das Handy vor allem zum Telefonieren und ab und zu für SMS da. Ich lebe meinem Kind vor, nicht ständig erreichbar sein zu müssen. Wenn wir gemeinsam sind hebe ich auch oft nicht ab, wenn es gerade nicht passt", sagt Eva-Maria.

Katja, Mama von Miriam und Joseph (2 Jahre)

Wachgerüttelt hat mich ein Kommentar meines 2.5 jährigen Sohnes vor kurzem: "Nein, nein, Mami, kein Telefon - Telefon weg, weg!". Das hat mir richtig weh getan. Seitdem bleibt das dumme Ding immer öfters liegen - und ich lese auch wieder mehr Bücher, bringe in der Arbeit mehr weiter oder entspanne ganz einfach nur.

Katja

Ich lege das Telefon absichtlich weg, wenn ich mit meinen Kleinen esse, spiele oder etwas unternehme. In ihrer Gegenwart lese ich eher ein Buch als am Handy zu hängen. Und auch sonst versuche ich nur zu telefonieren (das heißt kein eMail, Facebook oder ähnliches), wenn die Kinder dabei sind, das heißt nach 16 Uhr.

Ganz offensichtlich wird das Dilemma auf Spielplätzen: Fast alle Eltern haben dort ihr Handy in der Hand. Sie telefonieren, lesen oder tippen, während ihre Kinder herumlaufen. Das wäre kein Problem – auch wenn Eltern ein Buch oder Zeitung lesen, widmen sie ihrem Kind nicht die volle Aufmerksamkeit. Doch sie gewöhnen die Kinder daran, dass man immer am Smartphone hängt. Das beginnt in der Früh, wenn sie ins Elternschlafzimmer kommen und neben dem Bett liegen die Smartphones. Und endet am Abend, wenn die Eltern das Handy griffbereit haben, während sie eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.

Doch Eltern sind dadurch nicht nur schlechte Vorbilder für ihre Kinder, das Problem liegt tiefer und hat einen Namen: „Technoference“ ist die Verbindung von Technologie und „interference“ – auf Englisch Unterbrechung. Laut einem der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet, Brandon McDaniel von der University of Illinois, gaben im Rahmen seiner Studie 65 Prozent der Mütter zu, dass der Kontakt zu ihrem Kind beim Spielen gestört wurde. Jede fünfte Mutter ließ sich sogar beim Schimpfen unterbrechen. In Schweden zeigte vor Jahren eine Umfrage, dass sich jedes dritte Kind bei seinen Eltern über den Handykonsum beschwert.

Ablenkung

Das hat gravierende Auswirkungen, warnt McDaniel: „Wenn Sie sich durch ihr Handy ablenken lassen, erkennen Sie die Signale Ihres Kinder weniger gut, Sie missverstehen die Bedürfnisse Ihres Kindes und reagieren vielleicht zu heftig oder zu spät.“ Er beschreibt ein typisches Szenario: „Zeit zum Zähneputzen. Die Kinder gehen ins Badezimmer, Sie schauen kurz auf Ihr Handy, weil ein eMail gekommen ist. Bis Sie fertig sind, ist das Waschbecken ein Chaos und die Kinder schon hinausgegangen. Aber die Zahnbürsten sind noch trocken.“

In einer Studie belegte der umtriebige Professor für Familienwissenschaften sogar einen Zusammenhang zwischen „Technoference“-Eltern und Problemkindern – etwa mit besonderen Ängsten oder Verhaltensauffälligkeiten. Ob das Kind schwierig ist, weil die Eltern lieber auf ihr Handy schauen, oder ob die Eltern am Handy sind, weil ihr Kind anstrengend ist, kann er nicht nachweisen. Aber der Zusammenhang in dieser und anderen Studien ist eindeutig.

Entwicklung

Dafür gibt es verschiedene Gründe in der Entwicklungspsychologie. Für Babys ist ein Aufmerksamkeitsmangel irritierend, erklärt die handykritische Psychologin Jean Mercer: „Mit rund vier Monaten reagieren die Kleinen verstört auf das Gesicht ihrer Eltern, das ihnen zugewendet ist, aber sie nicht ansieht.“ Dabei nützen viele Mütter gerade die Zeit des Stillens, um über die sozialen Medien in Verbindung mit der Außenwelt zu bleiben, weil ihr Kind da vermeinglich mit etwas anderem beschäftigt ist. Auch später schadet das Handy den kleinen Kindern, zeigte eine Studie von Jessa Reed an der Ohio Temple University: Wenn die Mutter dauernd vom Handy unterbrochen wird, merkt sich das Kind Wörter, die sie ihm beibringt, weniger gut.

Experten-Rat

McDaniel hat Empfehlungen aus seinen Forschungen abgeleitet:

Bewusst machen: Viele erkennen gar nicht, wie viel sie ihr Telefon benützen. Sogar Apple-Chef Tim Cook sagte über seine neue App „Screen Time“, mit der man seine Bildschirmzeit messen kann, in einem Interview mit CNN: „Ich dachte, dass ich ziemlich diszipliniert war, aber ich lag falsch. Als ich die Datenauswertung bekommen habe, musste ich feststellen, dass die Häufigkeit, wie oft ich das iPhone angefasst habe, viel zu hoch war.“

Handyfreie Zone: Überlegen Sie sich Strategien – etwa eine technologiefreie Zone zu Hause. Das kann bedeuten, dass Sie augenblicklich vom Bildschirm aufschauen, wenn Ihr Kind zu Ihnen kommt. McDaniel: „Zeigen Sie dem Kind, dass es in diesem Moment Priorität hat.“

Verschieben: Stellen Sie sich jedes Mal, wenn Sie vor Ihren Kindern das Handy herausholen wollen, eine Frage: Kann das warten? Wenn ja, dann lassen Sie das Telefon. Studien zeigen, dass Kinder besser erzogen sind, je weniger Technik-Unterbrechungen es gibt.

Partner: Die Technik wirkt sich auch auf Partnerschaft negativ aus. So wie in der Erziehung ist es auch bei der Handynutzung wichtig, an einem Strang zu ziehen. So ist es wenig sinnvoll, wenn ein Elternteil des Handy verteufelt und der andere es ständig in der Hand hat.

Zeitdiebe abschalten

Mama-Bloggerin Kathryn Watson ging sehr kritisch mit sich selbst ins Gericht. Sie hing ständig am Handy, um in Verbindung mit der Welt zu bleiben, sagt sie selbst. Ihr wurde das bewusst, weil ihr größeres Kind immer wieder sagte „Schau zu mir!“ und das Kleinere ihr einfach das Handy aus der Hand schlug. „Ich stellte mir vor, wie ich aus der Perspektive meiner Kinder aussehe. Und entschied, mich auf meine Kontakte im echten Leben zu konzentrieren.“ Sie löschte unter großer Überwindung zahlreiche Apps, WhatsApp-Gruppen und Nachrichtendienste, die ihre wertvolle Zeit stahlen. Das kam bei den Kindern gut an: „Mein Sohn fragt seltener, was ich am Handy mache, und öfter, ob ich mit ihm spielen kann. Denn es macht jetzt mehr Spaß mit mir.“