Esoterik-Messe: Wo Ihr Karma analysiert wird

Spiritualität und Heilen
Foto: KURIER/Jeff Mangione Astrologische Karmaanalysen - auch die werden auf der Messe angeboten

KURIER-Autorin Gabriele Kuhn besucht die "Spiritualität und Heilen"-Messe in Wien. Ein Lokalaugenschein.


Das Wichtigste zuerst: Ich weiß jetzt, was ich in einem früheren Leben war. Ein "barmherziger Samariter", wie mir der Herr am Stand für "Astrologische Karmaanalysen" verriet, nachdem er Vorname und Geburtsdaten in einen Computer getippt hat. Für 10 Euro bekomme ich ein A4-Blatt, auf dem steht, dass ich einst völlig selbstlos, aufopfernd den Verfolgten dieser Welt geholfen hätte und dafür eingekerkert wurde. "Daraus ergibt sich eine wesentliche Lernaufgabe für Ihr heutiges Leben", sagt der Karmalytiker. Die da wäre: "Sagen Sie auch mal Nein und bleiben Sie dabei."Freitag, in der Halle E der Wiener Stadthalle. Um 14 Uhr hat die "Spiritualität & Heilen", eine der erfolgreichsten Esoterikmessen im deutschsprachigen Bereich, begonnen (bis 5.11.).

Spiritualität und Heilen Foto: KURIER/Jeff Mangione

Geister und Handleser

Mit Angeboten von Aura-Beratung über Clearings von "Geistern" bis hin zu Handlesern. "Vor 30 Jahren haben wir die Esoterik-Tage ins Leben gerufen, sie sind immer noch gut besucht", ist Franz Prohaska, Geschäftsführer der ESO-Team Messe- und Kongress GmbH, zufrieden. Zufrieden ist er auch mit dem Wiener Publikum: "Es ist eines der besten und sehr aufgeschlossen."

Fast wie Sokrates

Am Stand für Aura-Reading hat sich rasch eine kleine Menschentraube gebildet. Ein junger Mann, etwa 30, nimmt Platz, er wird vom Auracoach, einem Herrn mit weißen Haaren, Rauschebart und guter Gesichtsfarbe, gebeten, die Hand auf eine Metallplatte zu legen. So würde die Aura sichtbar, als Projektion an der Messestand-Wand. Ein Besucher sagt zum Auracoach: "Sie haben Ähnlichkeit mit Sokrates." Der Auracoach ist kaum überrascht: "Kein Wunder, Sokrates hat mich inspiriert.

Von ihm stammt das Zitat: ,Unsere Zweifel sind unsere Verräter‘." (Anm.: Irren ist menschlich, das Zitat stammt nicht von Sokrates, sondern von William Shakespeare und geht so: "Unsere Zweifel sind Verräter und häufig die Ursache für den Verlust von Dingen, die wir gewinnen könnten, scheuten wir nicht den Versuch.").

Spiritualität und Heilen Foto: KURIER/Jeff Mangione

Indes zeigt die Aura des Mannes, dass er "ein Sonnenkind" sei. Wären da nicht die "dunklen Flecken" – sogenannte Brüche im Herzen. War’s ein Firmenpartner, die Firma oder gar eine Frau? Wie auch immer – es gilt, loszulassen. Die Umstehenden nicken.Loslassen ist bei den Esoteriktagen ein zentrales Thema. Blockaden, Kummer und allfällige Knödel im Solarplexus. Eine Frau auf der Massageliege rülpst, der Mann, der Hand anlegt, um ihre Blockaden zu lösen, sagt: "Gut so!".

Loslassen bitte!

Sein Stand wird rege besucht, ein paar Damen warten darauf, dass er bei ihnen was "in Balance" bringt. "Ich bin verspannt – die Halswirbelsäule", erzählt eine Frau. "Sie ist sehr verspannt", bestätigt die Freundin. Der Mann im Samtjopperl versucht, ihre energetisch irritierten Stellen zu orten. "Ich bin ja so kitzlig", kichert die Frau. "Sie sind nicht kitzlig, sie sind belastet", korrigiert der Mann. "Loslassen, bitte!" Die Freundin lächelt: "Lass dich verwöhnen!"

Die beiden kommen jedes Jahr hierher: "Wir sind an Außergewöhnlichem interessiert." Der Energetiker ermahnt mich: "Die Dame braucht Ruhe, besser, Sie gehen jetzt". Baba, man sieht sich.

Astrale Übergriffe

Vielleicht ja in Vortragsraum 1, wo darüber referiert wird, wie man sich vor astralen Übergriffen schützen und erkennen kann, ob nichtmaterielle Energien, sprich Geister, das eigene Leben beeinflussen. Allenfalls hilft ja das Buch der Geistheilerin Wanda oder eine Tinktur aus der "Goethe-Pflanze", die gegen Blähungen ebenso helfen soll wie gegen Asthma und Diabetes.

Auch die katholische Kirche ist vertreten, was ein Messebesucher so kommentiert: "Wer sonst soll da sein, wenn nicht die Kirche?" Pater Gottfried aus der Pfarre Reindorf im 15. Wiener Gemeindebezirk gibt Besuchern seinen Segen. Was Menschen hier suchen? "Sie suchen das Heil, und das überall, wo es angeboten wird" , meint er.

Mündiger Besucher

Ein paar Stände weiter schaut sich Silvia, 50, bei den Engelkarten um. Glaubt sie an himmlische Wesen? "Na sowieso gibt’s Engel! Jeder hat einen eigenen Schutzengel." Einer hätte sie als Kind beschützt, als sie fast von einem Auto überfahren wurde. Was sie zur Esoterikmesse zieht? "Ich wollte mir das wieder einmal geben. Auch wenn viel Schindluder dabei ist, aber das muss jeder selbst abwägen."

Spiritualität und Heilen Foto: KURIER/Jeff Mangione Auf die Spezies des mündigen Besuchers vertraut jedenfalls Messe-Organisator Prohaska. "Wir erwarten den erwachsenen, kritischen Besucher, der selbst urteilt, was er toll oder weniger toll findet und worüber er eher schmunzeln muss." Scharlatane würden rasch durchschaut.Als ich die Halle verlassen will, werde ich von einem Mann mit schwarzem Zopf gefragt, ob ich meine Hand lesen lassen wolle – per Computer. Das sei besonders zuverlässig, in Bezug auf Gesundheit, Karriere, Geld. Und die Liebe. Ich sage Nein und bleibe dabei. Das Karma, Sie wissen schon.

(kurier) Erstellt am
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