Mensch von morgen: perfekt, unsterblich – zu allem bereit?

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Foto: Getty Images/iStockphoto/arcoss/iStockphoto   

Droht ein gottähnliches Wesen, das sich durch Technologie über den Rest der Menschheit erhebt? Die neue KURIER-Serie über die Supermenschen der Zukunft.

Eine weibliche Stimme weckt den schlafenden Menschen: "Zeit, aufzustehen, mein Freund". Sie klingt nett und navigiert den Menschen durch den Tag. Sagt ihm, wie es um seinen Blutdruck steht, verordnet ihm Sport und sorgt dafür, dass die smarten Haushaltsgeräte smartes Essen auf den Tisch zaubern. Und während sich der Mensch von einem selbstfahrenden Auto sicher durch den Morgenverkehr anderer selbstfahrender Autos chauffieren lässt, arrangiert seine Digital-Assistentin einen medizinischen Check-up.

Wie praktisch, dass man dazu nicht mehr zwingend ins Krankenhaus fahren muss, sondern Diagnosen online zu jeder Zeit an jedem Ort möglich sind. Denn längst haben superintelligente Computer die Medizin erobert. Um ein Millionenfaches schneller als jedes menschliche Wesen gelingt es der Maschine, in Sekundenschnelle Diagnosen zu erstellen und – im Krankheitsfall – maßgeschneiderte Therapien zu finden. Algorithmen machen es möglich, eine gigantische Menge an Patientendaten und Krankheitsgeschichten abzugleichen – innerhalb von Sekunden ist klar: Patient XY ist gesund oder renovierungsbedürftig. Sterben? Nicht doch.

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Zeit für ein Upgrading

Apropos. Jetzt, wo jeder mindestens 150 Jahre alt werden kann, ist für den Menschen wieder einmal Zeit für ein "Upgrading": die technische Verbesserung mit Hilfe neuester medizinischer Methoden. Nanoroboter navigieren durch Blutbahnen bis in die Zelle, um dort Fehler zu reparieren oder Krebszellen zu zerstören. Neuro-Enhancement macht das Hirn für immer jung und fit, und auch das Glück ist nur mehr eine Frage der richtigen Biochemie. Falls alles schief läuft, gibt’s technische Ersatzteile – ganze Organe, Gliedmaßen, Körper. Mensch-Maschinen sind omnipräsent und mit ihnen das Zauberwort, das dies alles ermöglichte: künstliche Intelligenz, kurz KI. Sie ebnete den Weg für die neuen Götter in Menschengestalt – gut betuchte, privilegierte Super- und Überwesen, die es sich leisten können, die neuen Errungenschaften für sich zu nutzen. Während der ungebildete oder allenfalls ungeeignete Rest der Menschheit nutzlos ist – ohne Job, gelangweilt, ruhiggestellt durch Medikamente und Virtual-Reality-Spiele.

Die Ära des Homo Deus

Sie wähnen sich in einem mittelprächtigen Science-Fiction-Schinken? Geht es nach dem israelischen Autor Yuval Noah Harari, dann ist so ein Szenario durchaus absehbar. In seinem neuen Buch "Homo Deus" (siehe Essay) zeichnet der Historiker eine Welt, in der eine ganz neue Spezies die Erde bevölkert. Eine, die durch neue Technologien gottähnlich wird – und so zur mächtigen Superkaste, für die alles machbar, steuerbar und programmierbar ist.

Yuval Noah Harari … Foto: /Verlag Randomhouse Yuval Noah Harari

Der von der Gier nach Glück und Unsterblichkeit getriebene Homo Deus, so Harari, würde sich vom heutigen Menschen noch deutlicher unterscheiden als dieser vom Neandertaler. Er ist davon überzeugt, dass uns damit eine der größten Revolutionen erwartet – und das bereits innerhalb der nächsten 100 Jahre. Erstmals wird es Homo sapiens selbst betreffen – durch direkte Eingriffe und Manipulation mit Hilfe von Biotechnik, Mensch-Maschine-Schnittstellen, die Erschaffung von Retortenwesen nach Maß oder eben künstliche Intelligenz. Krankheiten oder der Tod wären dann nur mehr rein technische Probleme, für die es technische Lösungen gibt. Eine neue Techno-Religion entsteht – und mit ihr ebendiese neuen Götter. Damit sei ein enormes gesellschaftliches Ungleichgewicht verknüpft. Im schlimmsten Fall könne dies das Ende der Menschheit, so wie wir sie jetzt kennen, bedeuten.

Homo Deus, Verlag C.H. Beck… Foto: /Verlag C.H. Beck

Intelligenzexplosion

Kopfschütteln? Harari ist mit seinen apokalyptischen Visionen und Befürchtungen nicht alleine. Auf ähnlicher Linie liegt der Philosoph Nick Bostrom. In seinem Bestseller "Superintelligenz" warnt er vor der Ära der maschinellen Intelligenzexplosion. Besagte Superinstanz wäre imstande, völlig selbstständig etwas zu entwerfen, das die Vorstellungskraft und Möglichkeiten des Menschen übersteigen könnte. Das maschinelle Superhirn würde mit seiner gigantischen Rechenkapazität und als ein sich selbst verbesserndes und lernendes System die Kontrolle übernehmen. Bei seinen Vorträgen zeichnet Bostrom gerne die Metapher vom Affen und Menschen, indem er auf ihre unterschiedlichen Hirne hinweist. 250.000 Generationen vor uns hatten sie einen gemeinsamen Vorfahren. "Ein paar minimale genetische Veränderungen haben die Explosion der menschlichen Intelligenz ermöglicht. Heute bestimmt der Mensch über das Schicksal der Affen", skizziert Bostrom und schreibt im Vorwort zu seinem Buch: "Genau wie das Schicksal der Gorillas heute stärker von uns Menschen abhängt als von den Gorillas selbst, so hinge das Schicksal unserer Spezies von den Handlungen einer maschinellen Superintelligenz ab."

Future of Life Institute, Nick Bostrom… Foto: /Future of Life Institute Nick Bostrom

Mensch-Maschinen

Erstaunlich ist, dass viele Skeptiker dieser Entwicklung ausgerechnet aus der technologieverliebten Szene selbst kommen. Der Unternehmer Elon Musk, CEO von Tesla, meinte etwa, dass künstliche Intelligenz "vielleicht gefährlicher sei als die Atombombe". Zu den Mahnern gehört auch der britische Physiker Stephen Hawking. Er empfindet künstliche Intelligenz als zutiefst bedrohlich. Die zentrale Befürchtung: vom Menschen geschaffene Maschinen würden eines Tages klüger werden als ihre Schöpfer – ein existenzielles Risiko für die Menschheit, das im schlimmsten Fall zu deren Untergang führen könnte.

Doch was ist wirklich dran an diesen Szenarien? Fakt ist: Themen wie KI oder Big Data sind so präsent und angesagt wie nie zuvor. Als einen der wichtigsten Trends für das Jahr 2017 erwähnt der deutsche Zukunftsexperte Sven Gábor Jánszky diverse Entwicklungen der Technologiebranche der Gesellschaft. So würden es die Fortschritte in der Genetik bereits im Jahr 2019 ermöglichen, dass die komplette Analyse eines individuellen menschlichen Erbguts nur mehr 100 Dollar kostet. Bis 2025 wird die Autobranche selbstfahrende Autos ohne Gaspedal und Lenkrad auf den Markt bringen. Und in etwa 30 bis 40 Jahren könnten intelligente Computer die menschliche Durchschnittsintelligenz erreichen und übertreffen. Davon ist zum Beispiel Ray Kurzweil, Chefentwickler beim US-Internetkonzern Google und Futurist, überzeugt. Er schätzt, dass 2029 Maschinen schlauer sein werden als Menschen. Schon jetzt unterstützt etwa die IBM-Software "Watson" Mediziner durch atemberaubend schnelle Datenanalyse bei Diagnosen. Der Supercomputer lernt kontinuierlich und wird immer klüger – mittlerweile sind mit seiner Hilfe personalisierte Krebstherapien möglich. Bekannt wurde Watson durch seinen "Auftritt" in der Quizsendung "Jeopardy!" – wo er seine menschlichen Konkurrenten locker schlug. Das ist kaum mehr etwas Besonderes – "AlphaGo" von Google konnte den weltbesten Go-Spieler besiegen.

BRITAIN-SCIENCE-UNIVERSITY Foto: APA/AFP/NIKLAS HALLE'N Stephen Hawking

Künstliche Intelligenz spielt mittlerweile sogar in den Bereichen Kunst und Kultur mit. Ein Computer schaffte es, mittels KI und 3-D-Drucker ein Rembrandt-Gemälde zu zeichnen – auf Basis von 346 Werken des Künstlers, aus denen Experten einen Algorithmus schufen, der des Malers Stil und Farbtechnik imitiert. "Daddy’s Car" heißt der erste Song, den ein selbstlernendes Computer-Hirn im Stile der Beatles komponierte. Wird so die Arbeit von Künstlern und Kreativen obsolet?

Schließlich gibt es noch jene Gruppe radikaler Transhumanisten, die davon überzeugt sind, dass die Einheit von Körper und Geist ein Ablaufdatum hat. Und dass das menschliche Bewusstsein, das Wissen, die Gedanken sowie die Persönlichkeit digitalisiert werden. Dann soll sich das menschliche Gehirn mit der Cloud verbinden lassen.

Absurde Visionen?

Die digitale Revolution ist ein Faktum – konkret spricht man vom Zeitalter der Vierten Industriellen Revolution. Doch was an diesem Punkt wirklich passieren wird, darüber scheiden sich die Geister und es beginnt das weite Feld des Konjunktivs. Würde, könnte, wäre… Wer sich mit dem Thema vertiefend beschäftigt, bemerkt, dass es dazu die unterschiedlichsten Auffassungen und Szenarien gibt. Die einen prophezeien die Apokalypse, die anderen schütteln darüber nur den Kopf – mit dem zentralen Argument, dass es sich dabei um absurde Ängste und Übertreibung handle. Eine übermenschliche superintelligente Spezies, die das Kommando übernimmt, passe nach wie vor eher in Sci-Fi-Filme im Stile eines Steven Spielberg. Singularität – also jener Zeitpunkt, an dem Maschinenintelligenz die menschliche übertrifft, sei eine Religion, an die man glauben kann. Oder eben nicht. Der Mensch hätte es schließlich immer noch geschafft, sich anzupassen und die Dinge ins Positive zu lenken.

Johannes Huber, Interview Foto: KURIER/Franz Gruber Johannes Huber

Zumal sich dessen Natur per se verändern wird – nach Ansicht des österreichischen Theologen und Mediziners Univ.-Prof. Johannes Huber schneller denn je. Er ist davon überzeugt, dass die Kinder, die im 21. Jahrhundert geboren werden, nicht mehr mit jenen vergleichbar sind, die im 20. Jahrhundert geboren wurden. Sie sind nicht nur größer und haben breitere Schultern, ihr Kopfumfang und das Gehirnvolumen wachsen ebenfalls. Damit nimmt auch die Intelligenz zu. Wenn die Anzahl der Nervenzellen steigt, kann das die Mentalität und die Psyche der Menschen ändern. Ein neues Wesen entstünde: Homo sapiens sapiens. Huber hält deshalb einen Sprung zum Besseren möglich – einen Supermenschen 2.0, der empathischer und solidarischer sein könnte.

Gleichzeitig rüsten sich die Silicon-Valley-Gurus für die Vierte Industrielle Revolution. Unternehmen wie Microsoft, Google, Amazon, IBM und Facebook gründeten ein Bündnis für künstliche Intelligenz, mit dem Ziel eines breiteren Verständnisses für diese Technologie. Und um Standards für die künftige Forschung zu setzen.

Lesen Sie morgen: Was der Genetiker Univ.-Prof. Markus Hengstschläger über den Supermenschen von morgen denkt

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Meilensteine

Ein kurze Geschichte der Menschheit in 40 Zeilen

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Foto: Elenarts/Fotolia

Am Anfang war der aufrechte Gang. Dann kamen die ersten Werkzeuge. Wir schreiben 2 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Ungefähr. Homo erectus, der aufrechte Mensch, hatte sich einen Evolutionssprung verschafft. Später veränderten sich Rachenraum und Gehirn. Erste Anzeichen dieser Entwicklung wiesen Forscher vor etwa 500.000 Jahren nach.

Dabei könnten die Beherrschung des Feuers (Homo erectus nutzte es nachweislich bereits vor 1,7 Millionen Jahren) und des Kochens eine entscheidende Rolle gespielt haben. Denn gekochte Nahrung liefert mehr Brennstoff für das energiebedürftigste Organ, das Gehirn. Außerdem brauchen Rohkost-Fresser viel mehr Zeit zum Kauen; Zeit, die sich die Köche sparten und zur Eroberung der Welt nutzten.

Auch auf das Sozialverhalten kann sich das Kochen ausgewirkt haben, glauben Wissenschaftler. Nun sitzt man um das Feuer, nimmt Mahlzeiten ein – und spricht. Ein entscheidender Schritt, denn nur Sprache ermöglicht es, differenzierte Informationen an alle Mitglieder einer Gruppe weiterzugeben – eine schnelle Entwicklung menschlicher Kultur inklusive.

Bald gelang es den frühen Menschen – auch dank des Feuers –, kältere Regionen als Lebensraum zu gewinnen, und sich auf der Welt einzurichten. Als Jäger und Sammler lebten sie lange, ohne ihre Lebensweise grundlegend zu verändern. Bis irgendjemand auf die Idee kam, seine Nahrung geplant herzustellen: Im Vorderen Orient wurde vor etwa 10.000 Jahren der Ackerbau erfunden. Die Folgen waren weitreichend: Sesshaftigkeit, Dörfer, Städte, Staaten, Hierarchien, Religionen und Hochkulturen entstanden. Forscher nennen diese Zeit nicht umsonst Neolithische Revolution.

Es war die erste Umbruchphase in der Arbeits- und Lebenswelt des Menschen. Es sollte nicht die letzte bleiben: Ende des 18. Jahrhunderts begann in England die Industrielle Revolution. Sie fand in mehreren Stufen statt, die jedes Mal enorme technische und soziale Umwälzungen mit sich brachten.

Durch die Industrie 1.0 um 1800 wurde die menschliche Arbeit mechanisiert und in Fabriken verlagert. Die Arbeiterbewegung entstand. In ihrem Gefolge Sozialdemokratie und Kommunismus.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgte die Zweite Industrielle Revolution,die Elektrizität und Automobile brachte. Jetzt war es möglich, Konsumgüter billig herzustellen und für alle erschwinglich zu machen.

In den 1970er-Jahren begann die Industrie 3.0 mit Computern, Automatisierung der Produktionsprozesse und elektronischer Datenverarbeitung.

Die Vorbeben der Vierten Industriellen Revolution – die zunehmende Digitalisierung – erleben wir gerade.

Glossar

  • Ein Algorithmus ist so etwas wie eine Betriebsanleitung oder Formel – in etwa wie ein Kochrezept.  Google oder Facebook verwenden zum Beispiel Algorithmen, die berechnen, wie sich Menschen verhalten werden, was sie interessiert und  wie sie denken. So wird dafür gesorgt, dass Facebook zum Algorithmus passende Freunde, Werbe-Einschaltungen oder Nachrichten vorschlägt.  
  • Big Data steht für große, digitale Datenmengen sowie deren Sammlung und Auswertung. Diese Daten können aus Überwachungssystemen stammen, aber auch aus Sozialen Netzwerken oder im Rahmen der Nutzung von Smartphones, GPS-Trackern oder etwa Fitnessarmbändern. Die gesammelten Informationen können für Marketingzwecke und wirtschaftliche oder politische Interessen, aber auch für die Forschung bzw. Medizin ausgewertet, genutzt, jedoch auch missbraucht werden.
  • Cyborg heißt ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Damit werden u. a. Menschen beschrieben, deren Körper dauerhaft durch künstliche Bauteile ergänzt/ersetzt werden.

    Cyborg Woman - Humanoid Foto: /Ankarb/IStockphoto.com

  • Enhancement meint die künstliche Optimierung des Menschen. Ausgangspunkt sind Kranke wie Gesunde, die mit Wirkstoffen, Hilfsmitteln und Körperteilen versorgt und mit Technologien verbunden werden.
  • Genschere  Mithilfe der biochemischen Methode, genannt Crispr/Cas9, ist es möglich, das Erbgut gezielt zu verändern und etwa genetische Defekte im Erbgut zu reparieren.
  • Künstliche Intelligenz (KI) ist  Software,  die  menschliche Intelligenz  nachahmen kann.  KI wurde als  Begriff  vom  amerikanischen Informatiker John McCarthy (*1927) geprägt. Er  verwendete  den Begriff in der Überschrift eines Antrags für eine Konferenz , 1956. Dort wurden u. a. Programme vorgestellt, die Schach und Dame spielten. Bereits 1950 erschien eine der ersten Arbeiten, die sich mit maschineller Intelligenz beschäftigte – vom englischen Mathematiker Alan Turing. Darin wurde die Frage erläutert, ob    Maschinen je  dazu fähig sein werden, zu  „denken“. Beispiele für KI sind zum Beispiel  Schachcomputer, Spracherkennung (Siri, z.B.) und Roboter.
  • Technologische Singularität meint jenen Moment, an dem sich künstliche Intelligenz explosionsartig, also exponentiell, vermehrt und sich Maschinen von da an permanent selbst verbessern –  also Homo sapiens überlegen sein  werden.  Die Zukunft der Menschheit hinter diesem Zeitpunkt gilt als ungewiss.
  • Transhumanismus ist eine Bewegung, die die Weiterentwicklung des Menschen mithilfe wissenschaftlicher und technischer Mittel propagiert. Man steht einerseits in der Tradition des Humanismus, andererseits erklärt man aber dessen Überwindung zum Ziel. Ein Beispiel für die Weiterentwicklung ist der Umbau zum Cyborg.
(KURIER) Erstellt am