Leben
31.03.2018

Dompfarrer Toni Faber über Ostern: "Etwas, das uns Hoffnung gibt"

Toni Faber erklärt im KURIER-Interview, warum Ostern das höchste Fest der Christen ist.

Wie zeitgemäß ist das kirchliche Fest Ostern heute noch außer als arbeitsfreie Feiertage? Sehr, findet Toni Faber, Dompfarrer zu St. Stephan in Wien. Warum das höchste Fest der Christen ein Bekenntnis zum Leben ist und sich vor Ostern vor den Beichtzimmer lange Schlangen bilden, erklärt er im KURIER-Talk.

KURIER: Herr Faber, warum eigentlich feiern alle Ostern, aber nur die wenigsten sind gläubig?

Toni Faber: Ich glaube, die Ursehnsucht ist, an der Grenze des Winters zum beginnenden Frühling, an der Grenze des Todes und der Krankheit etwas zu haben, das uns Hoffnung gibt. Das lässt Ostern auch für ungläubige Menschen als Fest der Bejahung des Lebens erfahren. Das lädt alle ein, die Osterbuschen aufzupflanzen und etwas von dem zu ahnen, was uns versprochen ist. Wenn wir uns hoffnungsvoll ausstrecken nach dem, was Leben sein kann.

Was ist denn der Kern des Osterfests?

Es ist wirklich das wichtigste Fest der Christen und das ist nicht für jeden Katholiken so ohne weiteres spürbar. Zu Ostern feiern wir das Leid, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Das heißt, es ist ein Fest voller Hoffnung, ein Fest gegen die Schwerkraft des Todes, des Leides, der Krankheit. Danach sollten wir uns alle ausstrecken, weil wir davon einen geistlichen Gewinn bekommen. Einen Gewinn, all das zu bewältigen, was in der Welt so schwierig darnieder liegt. Einen Gewinn, der auch allen anderen Menschen glaube ich irgendwie spürbar ist. Christen, die aus der Auferstehung leben, haben mehr vom Leben. Die haben einen Mehrwert des Lebens.

Aber wie schwierig ist es denn, in diese Phase zu kommen, über alles nachzudenken? Gerade in einer Zeit, die immer schnelllebiger wird.

Ich glaube, jede schnelllebige Zeit drängt uns mehr danach, auf den Punkt zu kommen, innezuhalten, etwas wirklich vom Leben zu verspüren. Und wenn für viele ist Ostern auch eine freie Zeit ist, heißt das, nachzudenken, was passiert in der Natur, was passiert in meinem Leben? Werde ich einfach nur älter, gibt es da etwas, das ich verdauen oder verarbeiten muss? Gerade die Erfahrung von Krankheit, Begrenztheit, durchkreuzten Plänen, ja auch Tod. Dort stellen sich immer die Fragen: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Worauf darf ich jetzt hoffen?

Merken Sie, dass die Menschen eine Sehnsucht haben, Antworten auf diese Fragen zu bekommen?

Diese Ursehnsucht des Menschen ist bei jedem da. Bei manchen ist sie gut vergraben. Aber da braucht es dann nur einen Punkt der Nachdenklichkeit – einen Unfall, eine Krankheit, ein schönes Erlebnis, ein Bedürfnis nach einer Feierstunde –, dass man unter dieser oft vergrabenen Gottessehnsucht das aufspürt, was einen wirklich hoffen lässt. Dann dürfen wir als Christen unseren Dienst anbieten und da sind Gott sei Dank auch zu Ostern die Gotteshäuser voll.

Die Menschen haben also ein Bedürfnis, an etwas zu glauben. Die einen glauben an einen Schutzring um ein Krankenhaus, die anderen an Gott. Wo ist der Unterschied?

Ich glaube dort, wo aus etwas keine Geschäfte gemacht werden, dort, wo Menschen in ihrer ganzen Bedürftigkeit ernst genommen werden. Dass wir ihm nichts verkaufen wollen, sondern ihm wirklich im Gesamtplan des Lebens dienen wollen und ihm sogar über den Tod hinaus etwas bieten können. Nicht etwas, das käuflich ist, sondern wo wir demütig, bescheiden, sehr vertrauensvoll unser Bitten an Gott richten. Wenn Sie um den Segen bitten und empfangen, kriegen Sie den Segen ja nicht nur für sich, sondern Sie sollen damit selbst zum Segen werden für sich, Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihre Arbeit.

Was ist wichtiger – die Auferstehungsfeier am Karsamstag oder das Hochamt am Ostersonntag?

Jedes Innehalten hilft mir in meinem Menschsein. Wenn ich dazu die Hilfe meiner gläubig versammelten Gemeinschaft in Anspruch nehme, werde ich auf diesem Weg des Innehaltens weiterkommen.

Und wie wichtig sind Rituale wie etwa die Osterbeichte heute noch?

Heute sehen wir die Beichte als Aussprache, nicht als Maßregelung. Das Urteil Gottes ist, dass er uns liebt, dass wir Belastendes loslassen, ihm geben dürfen. Natürlich ist die Osterbeichte eher etwas für kirchlich Sozialisierte. Gleichzeitig muss ich sagen, dass wir gerade vor Ostern zwei, an manchen Tagen sogar drei Beichtzimmer im Stephansdom besetzt haben, von der Früh bis zehn Uhr abends, und die Schlangen davor nicht kürzer werden. Dieses Angebot nehmen dann gerade Menschen auch nach zehn, 20, 30, 40 Jahren wieder neu wahr. Weil sie sagen: Das liegt mir schon lange auf dem Herzen, das möcht ich wirklich los werden. Dafür ist die Osterbeichte natürlich genial.

Für evangelische Christen ist der Karfreitag der Hauptfeiertag des Osterfests – warum steht für Katholiken der Ostersonntag an erster Stelle?

Das hat sich durch die Reformation herausgebildet, das Äußere drumherum weniger wichtig zu nehmen und die liebende Hingabe Jesu völlig in das Zentrum zu stellen. Wir wollen die Osternacht auch feiern, wir wollen das österliche Hochamt feiern. Ich glaube, das sind zwei unterschiedliche Schwerpunkte. Wo wir heute mit den Evangelischen hundertprozentig übereinstimmen: Es geht um den Dienst Gottes durch die liebende Hingabe an den Menschen, dass er auferstehen kann. Ob das jetzt bei den Evangelischen ganz besonders gefeiert wird oder bei uns Katholiken am Karfreitag nicht so viele in der Kirche sind, wie in der Osternacht oder beim Osterhochamt. Das gemeinsame Bestreben, den Menschen in seiner Sehnsucht nach vollendetem Leben zu stärken, ist das Größere.