Leben
14.04.2017

Was Menschen trotz Krisen stark macht

An traumatischen Erlebnissen kann ein Mensch zerschellen. Doch nicht jeder wird dadurch für immer zu Boden gedrückt. Was macht Menschen resilient?

Turia Pitt hatte vieles, von dem andere träumen: Schönheit, Intelligenz, Erfolg und den perfekt trainierten Körper einer Sportlerin. Doch im September 2011 sollte all das, was die 24-Jährige als selbstverständliche Zutaten ihres Lebens erachtet hatte, jäh enden.

Bei einem Ultramarathon im Westen Australiens wurde sie von einem Buschfeuer eingeschlossen. Die Flammen verbrannten mehr als 60 Prozent ihrer Haut. 864 Tage lag sie im Spital, zwei Monate davon auf der Intensivstation im künstlichen Koma. Insgesamt musste sie 200 Operationen und Transplantationen über sich ergehen lassen. Sie verlor vier Finger an der linken Hand sowie den Daumen der rechten. Was ihr dennoch geblieben ist: Zuversicht und Mut. Im Herbst vergangenen Jahres nahm sie beim Ironman-Bewerb in Hawaii teil – 180 km Radfahren, 3,8 km Schwimmen plus Marathon in 14 1/2 Stunden. Auf der Social-Media-Plattform Twitter postete sie ein Foto aus dem Zielraum. Darunter schrieb sie: "Done".

Aufgeben? Niemals.

Turia sieht sich als Symbol für etwas, das Psychologen "Resilienz" nennen. Damit ist die Fähigkeit gemeint, trotz Schicksalsschlägen, Krisen oder Katastrophen langfristig stabil zu bleiben – wieder aufzustehen, weiterzumachen und negative Energien in Positives umzuwandeln. Experten für Psychosomatik an der Universitätsmedizin Mainz konnten nun erstmals zeigen, dass Erwachsene, die resilient mit ihren durch Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch verursachten Kindheitsbelastungen umgehen können, dauerhaft vor deren destruktiven Auswirkungen geschützt sind. Haben die Betroffenen im Verlauf ihres Lebens gelernt, negative Ereignisse als Herausforderungen zu betrachten und diese zuversichtlich und aktiv zu meistern, dann entpuppt sich das als haltbarer Schutzschirm für die Seele. " Resiliente Studienteilnehmer, die dazu neigten, negative Ereignisse mit Hartnäckigkeit, Zuversicht, aktivem Problemlösen sowie positivem Wachstum zu meistern, hatten weder erhöhte Ängste, Depressionen oder Körperbeschwerden nach Kindheitsbelastungen", erläutert Studienleiter Elmar Brähler. Turia Pitt hält jetzt übrigens inspirierende Vorträge und hat über die Bewältigung ihres Schicksals ein Buch geschrieben. Ihre zentrale Botschaft an alle Menschen: "Aufgeben war nie eine Option für mich."
Prominente Beispiele für resiliente Persönlichkeiten gibt es viele. Der österreichische Psychotherapeut und Begründer der Logotherapie, Viktor Frankl, ist eine der bekanntesten. Er ist im Konzentrationslager nur knapp dem Tod entronnen und er verlor seine Familie. Im Buch "Trotzdem Ja zum Leben sagen" beschrieb er nicht nur, was ihm widerfuhr, sondern, wie er diese Erlebnisse verarbeitete. "Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick freigeben auf den Himmel", sagte er einmal.

Wie Resilienz entsteht

Doch welche Faktoren helfen, das Immunsystem der Seele zu stärken? "Wenigstens eine Bezugsperson gehabt zu haben, die außerhalb schwieriger Strukturen da war und auf die sich das Kind verlassen konnte, gilt als resilienzfördernd. Das kann die Oma, Tante oder aber eine Kindergartenpädagogin sein", sagt Univ.-Prof. Judith Glück, Weisheitsforscherin und Entwicklungspsychologin an der Universität Klagenfurt. Intelligenz sei ebenfalls eine Zutat: "Je intelligenter, desto höher die Chance, dass sich Kinder oder Jugendliche Unterstützung holen. Auch, weil sie etwa von Lehrern positiv gesehen werden und entsprechende Einflüsse bekommen. Intelligenz befähigt außerdem, Dinge eher zu verstehen und über etwas besser nachdenken zu können. Die Fähigkeit zur Reflexion ist im Kontext von Resilienz sehr wichtig." Was weiters eine Rolle spiele: das Temperament eines Menschen oder aber wie man im Laufe eines Lebens gelernt hat, Belastungen zu bewältigen. "Hier wird angenommen, dass man auch das sehr stark von Bezugspersonen lernt", so Glück.

Ist es möglich, Kinder so zu erziehen, dass sie resiliente Erwachsene werden? "Ich denke, dass man Kindern bestimmte Aspekte vermitteln kann, indem man ihnen etwa die Kunst der Reflexion vorlebt. Indem man sich selbst hinterfragt oder sich entschuldigt, wenn man einen Fehler macht. Außerdem ist es wichtig, Kinder dabei zu unterstützen, mit ihren Emotionen umzugehen", sagt Univ.-Prof. Glück. Im Fall von Ängsten gehe es darum, sie nicht wegzureden, und auch nicht darum, die angstauslösende Situation zu vermeiden. Vielmehr helfe es, ein Kind so zu ermächtigen, dass es selbst Wege aus der Angst findet. Es gilt hier einen Mittelweg zwischen Unter- und Überbehütung zu finden.

Wachstumschance?

Am Trauma oder an der Krise wachsen – davon wird im Kontext von Resilienz oft gesprochen. Damit ist die Idee des "posttraumatischen Wachstums" gemeint: "Selbst schwerwiegende traumatische Erfahrungen bewirken bei manchen Menschen positive Entwicklungen – bis hin zur Weisheit", sagt Glück. Und: "Es gibt dazu viele Untersuchungen, in denen Menschen mit schwierigen Erfahrungen gefragt wurden, ob sie darin auch etwas Positives sehen können". Tatsächlich: Viele erzählten, dass sie dadurch engere Beziehungen zu anderen Menschen entwickelt hätten oder sich ihrer eigenen Stärken bewusster wurden. Außerdem berichteten viele Menschen, dass sie völlig neue Wege gegangen sind – vor allem aber: dass sie nun auch die kleinen Dinge im Leben genießen können.

Wie man Kindern Kraft für ein ganzes Leben gibt

"Wenn alles gegen dich zu laufen scheint, erinnere dich daran, dass das Flugzeug gegen den Wind abhebt und nicht mit ihm". Dieses Zitat von Henry Ford bringt das Prinzip der Resilienz schön auf den Punkt. Kinder, deren seelisches Immunsystem stark ist, überstehen Gegenwind, entwickeln mehr Selbstwert und sind zuversichtlicher. Die Kindertherapeuten Robert Brooks und Sam Goldstein geben in ihrem "Resilienz-Buch" (Verlag Klett-Cotta) Tipps, wie man Kinder stärkt:

- Einfühlen: Lehren und vermitteln Sie Empathie.

- Kommunizieren: Hören Sie zu, versuchen Sie zu lernen, zu verstehen, kommunizieren Sie wirksam.

- Alternativen suchen: Wählen Sie andere Worte, schreiben Sie Ihre negativen Skripts um.

- Wertschätzung zeigen: Versuchen Sie Ihrem Kind ihre Liebe in der Weise zu zeigen, dass es sein "Besonderssein" spürt und weiß, dass es wertgeschätzt wird.

- Erwartungen verändern: Akzeptieren Sie Ihr Kind, wie es ist. Und helfen Sie ihm, realistische Erwartungen und Zielvorstellungen zu entwickeln.

- Erfolge würdigen: Jedes Kind braucht die Erfahrung des Erfolgs und "Inseln der Kompetenz".

- Fehler akzeptieren: Aus Fehlern wird man klug.

- Mitgefühl zeigen: Helfen Sie Ihrem Kind, Verantwortungsbereitschaft, Mitgefühl und soziales Empfinden zu entwickeln.

- Problemlösungen aufzeigen: Legen Sie besonderen Wert auf Fertigkeiten des Problemlösens und der Entscheidungsfindung.

- Am Selbstwert arbeiten: Fördern Sie Selbstwertgefühl und Selbstdisziplin.