Leben 30.01.2012

"Darum machen wir eine Lehre"

Neuer Lebens-Style: Krondorfer hat nach Matura und Beruf zu ihrer wahren Berufung gefunden © Bild: KURIER/Christandl

Lehrlinge sind jung und stehen dennoch "mitten im Leben". Wer seine Lehre erfolgreich beendet, hat gute Jobchancen.

Schule und Arbeitsalltag gleichzeitig meistern. In Österreich schaffen das täglich jene 130.000 junge Menschen, die eine Lehre machen. Für Bildungsforscherin Christiane Spiel ist diese duale Berufsausbildung "im internationalen Vergleich sehr erfolgreich. Nur wenige Länder haben ein solches Ausbildungssystem." Doch hierzulande wurde die Lehre immer weniger geschätzt. Stattdessen sahen Politik und Medien die Zukunft in einer höheren Akademikerquote. Zu Unrecht. "Wir brauchen gute Handwerker. Die Gesellschaft muss die Berufsausbildung wieder mehr anerkennen", fordert Spiel. Die Lehrausbildung selbst müsse sich allerdings an die moderne Arbeitswelt anpassen. Berufsbilder ändern sich heute schneller. Damit man Lehrlingen die Angst vor Umschulungen nimmt, müsse das "Lernen lernen" Teil der Ausbildung werden. Wie sehen Lehrlinge selbst ihre Ausbildung? Der KURIER hat fünf Jugendliche befragt. Die Stylistin: "Ich habe einen Traum verwirklicht"Vera Krondorfer, 24: "Im Büro vor dem PC zu sitzen war mir zu fad", sagt Vera Krondorfer, Absolventin einer HTL für Grafik und Design. "Deshalb entschloss ich mich, nach Matura und Joberfahrung eine Lehre zu beginnen." Den Anstoß, Friseurin zu werden, gab die Mutter. "Als ich ihr in meiner Freizeit die Haare geschnitten habe, meinte sie: Das ist die beste Frisur, die ich je hatte." Krondorfer suchte und fand den passenden Friseur für eine Lehrstelle: Für "Mina" übersiedelte sie sogar von Oberösterreich nach Wien. Dort kann sie eine Doppellehre als Visagistin und Friseurin machen. "Mit der Lehre habe ich einen Traum verwirklicht. Ich arbeite viel mit den Händen und bin mit Kunden zusammen." Mein Motto: "Mache dein Hobby zum Beruf und du musst nie wieder arbeiten. Auf mich trifft das voll und ganz zu."

.Lehrling
© Bild: Spar

Der Kontaktfreudige: "Lehre war mein Ziel"Benjamin Klimon, 17: "Für mich stand schon immer fest, dass ich eine Lehre machen werde. Ich sitze nicht so gerne über Büchern, weshalb die Matura für mich auch kein Ziel ist. Ich arbeite lieber mit Menschen und habe eine Lehre als Einzelhandelskaufmann bei Spar angefangen. Dort habe ich Kontakt zu den Kunden. Derzeit bin ich im 3. Lehrjahr. Angst, arbeitslos zu werden, wenn ich mit der Lehre fertig bin, habe ich keine. Im Gegenteil. In meiner Firma kann ich Karriere machen und mich bis zum Gebietsleiter hocharbeiten. Oder ich mache mich selbstständig wie mein Vater, der ein Lebensmittelgeschäft im 1. Bezirk in Wien hat."

benjamin klimon
© Bild: Ute Brühl

Der Metall-Künstler: "Ich bin richtig zufrieden" Andreas Kleinschuster,18: "Mit 14 Jahren bist du zu jung, um zu wissen, was du einmal machen willst. Ich habe es nach der Pflichtschule mit einer Kunstschule versucht, doch die entsprach nicht meinen Vorstellungen. Weil ich gerne mit Metall arbeite, bewarb ich mich dann um eine Lehrstelle als Mechatroniker bei den ÖBB. Jetzt bin ich im zweiten Lehrjahr und bin richtig zufrieden mit dem, was ich mache. Parallel bereite ich mich auf die Berufsreifeprüfung (Matura) vor – ganz schön anstrengend. Jeden Dienstag arbeite ich bis 16 Uhr. Von 17 bis 20.30 Uhr geh’ ich in die Abendschule. Die Jobaussichten sind gut. Und Künstler kann ich immer noch werden."

Schachl christoph
© Bild: Privat

Der Techniker: "Ich bin erwachsener" Christoph Schachl, 21: "Als Kommunikationstechniker für Audio- und Videoelektronik repariere ich Stereoanlagen, MP3-Player oder Fernseher. Die AHS habe ich nach der 9. Schulstufe verlassen. Weil mich Technik schon immer interessierte, wollte ich Elektriker werden. Als ich mich mit verwandten Berufen beschäftigt habe, kam ich darauf, dass Kommunikationstechnik eher mein Ding ist. Ich glaube, dass ich als Lehrling die Welt mit ,erwachseneren Augen‘ sehe als viele, die Matura machen und hinterher studieren. Ich bin selbstständiger und habe mehr Verantwortungsbewusstsein – und zwar mir selbst gegenüber und auch gegenüber dem Chef."

rene jellitsch
© Bild: Privat

Der Kommunikator: "Mich ärgern Vorurteile"René Jellitsch, 21: "Ich war in einer Fachschule, einer HTL und einer Musik-AHS. Doch es war nie das Richtige dabei. Leider hat mich in der Schule niemand unterstützt, meine Stärken zu finden. Diese habe ich erst als Schülervertreter entdeckt: Ich kann gut organisieren und kommunizieren. Im Internet habe ich einen passenden Lehrberuf und auch eine Firma gefunden. Bei der mache ich eine Lehre ,Marktkommunikation und Werbung‘. Mich ärgert, dass es immer noch Vorurteile gegen die Lehre gibt. Ich höre Sätze wie: Auf der Berufsschule muss man lernen? Sicher muss ich. Mit dem Abschluss kann ich an manchen Fachhochschulen studieren."

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Erstellt am 30.01.2012