Leben
28.08.2018

Blinder Bergsteiger auf dem Mount Everest

Steil am Seil: Ein Lienzer klettert ohne Augenlicht auf die höchsten Berge der Welt. Jetzt erzählt er darüber.

Es hätten ihn auch ganz andere Phänomene dieser Welt faszinieren können. Aber da war gleich hinter seinem Elternhaus diese steil empor ragende Bergwand der Dolomiten. Und da waren in jungen Jahren diese glühenden Gespräche seiner gleichaltrigen Freunde, die nur eines im Kopf hatten: das Besteigen der steilsten Gipfel.

„Da wollte ich auch rauf“, erzählt Andy Holzer, der vor 52 Jahren blind zur Welt kam und das von Kindesbeinen nie als eine arge Beeinträchtigung erlebt hat.

Gut geführt

Heute erklimmt Holzer als gut bezahlter Profi-Bergsteiger die höchsten Berge der Welt. Im Vorjahr viel beachtet als erster blinder Mensch den Mount Everest über die Nordroute. Firmen geben inzwischen viel Geld aus, um ihn für ein Motivationsseminar zu gewinnen. Und sein soeben erschienenes Buch Mein Everest dürfte ein ähnlicher Verkaufsschlager werden wie sein erstes über seinen persönlichen Balanceakt.

Blind am Seil? „Viele Jahre erntete ich dafür nur Kopfschütteln“, gibt der gelernte Heilmasseur zu bedenken.

Doch es gab einige Führungskräfte in seinem Leben, die sein Potenzial erkannten: seine Eltern, die sich selbst das Klettern beibrachten, um ihren Sohn mit neun Jahren auf den 2718 Meter hohen Lienzer Hausberg, den Spitzkofel, zu führen; den Bruckner-Hans, lange Jahre Leiter der Bergrettung und ein schlauer Fuchs, weil er als Erster erkannte, dass die Sinne eines Blinden und die eines Sehenden in der Wand eine perfekte Synergie ergeben; seine Frau Sabine und seine Mutter, die mit ihm in Ermangelung anderer zu den ersten Klettertouren aufbrachen.

In seinen Vorträgen gibt Holzer gerne sein Erfolgsprinzip zum Besten, er nennt es „dynamische Führung“, und vergisst nie darauf, sich bei seinen Eltern zu bedanken: „Sie haben mich geführt, sie haben sich aber auch von mir führen lassen, indem sie mir auf dem Berg öfters den Vortritt ließen.“

Jede gute Seilschaft, so wie jede erfolgreiche Firma, funktioniere aufgrund der dynamischen Führung, betont der blinde Bergsteiger. „Weil nie einer alles und der andere nix kann.“ Seine Stärken bei den Expeditionen sind „das Organisieren der Logistik und der Kohle“ und beim Aufstieg sein Gehör, sein Tast- und Spürsinn, was seinerzeit schon sein wichtigster Lehrer, der Bruckner-Hans, erkannte: „Ich spüre das schnelle Aufziehen eines Gewitters, da sehen die anderen alle noch einen blauen Himmel.“

Traut euch!

Der internationale Erfolg als Bergfex sei ihm ehrlich gesagt passiert, erzählt Andy Holzer. 26 Jahre lang hat er im Krankenhaus von Lienz als Masseur gearbeitet und abends als Gitarrist und Sänger im „Dolomitenduo“ zusätzlich Geld verdient. Doch dann wurden die Gipfel, die er bestieg, höher, die Expeditionen, die er leitete, teurer, und die Medientermine und Vortragsreisen zeitintensiver. Im Jahr 2009 entschied er sich mit seiner Frau, vom Bergsteigen zu leben.

Die Botschaft in seinem neuen Buch lautet: „Jeder trägt seinen Everest in sich. Man muss sich nur trauen.“ Lästig sind ihm nur „Leute, die selbst kein Projekt haben“. Dass ein förderndes Elternhaus Schritte in die Ungewissheit erleichtert, sei ihm allerdings auch bewusst.https://andyholzer.comAlles über den „blind climber“ und seine nächsten Termine.

„Mein Everest. Blind nach ganz oben“: Das neue Buch des Lienzer Bergsteigers Andy Holzer erscheint am Ende dieser Woche im Patmos-Verlag (242 Seiten, 20 Euro).