Leben
31.10.2018

Beinloser Venezolaner fand in Kolumbien neues Leben als Rapper

"Gott gab mir keine Beine, aber viele Talente", sagt der 25-Jährige.

Alfonso Mendoza ist ohne Beine zur Welt gekommen. Seine Eltern gaben ihn nach der Geburt weg, mit 13 wollte er sich umbringen. Heute ist er 25, verdient sich seinen Lebensunterhalt als Rapper und Motivationscoach und ist gerade Vater geworden.

Vor neun Monaten, als er in seiner krisengeschüttelten Heimat Venezuela keine Zukunft mehr sah, machte sich Mendoza mit seiner Frau auf die beschwerliche Reise über die Grenze nach Kolumbien - auf einem Skateboard. Dort hat er inzwischen viele Möglichkeiten gefunden, Geld zu verdienen.

Mit seinen Tätowierungen, Ringen und großen Sonnenbrille sieht der 25-Jährige aus wie ein normaler Rapper. Wären da nicht die fehlenden Beine. Das stört Mendoza aber nur wenig: "Gott hat mir keine Beine gegeben, aber viele Talente", sagt er. Und strahlt vom Scheitel bis zum Rumpf Lebensfreude aus.

Mit dem Rumpf auf dem Skateboard bewegt er sich fort, hebt sich auf seinen muskulösen Armen in die Busse. Dort sitzt er auf einem Geländer und rappt Hommagen an Barranquilla, die kolumbianische Hafenstadt an der Karibikküste, in der er vor neun Monaten angekommen ist.

Sprachkunst in den Öffis

Die Passagiere wirken verblüfft: Alca, wie er sich selbst nennt, scheint auf dem Geländer zu schweben, da die zweite Hälfte seines Körpers fehlt. Dann schwingt er sich wieder auf sein Skateboard und rollt durch den Gang, um Geld einzusammeln. An einem guten Tag kommt er mit 30.000 Pesos nach Hause - umgerechnet etwa 8,40 Euro. In Venezuela liegt ein ganzes Monatseinkommen bei umgerechnet 26 Euro.

Zunächst fand Mendoza verschiedene Gelegenheitsjobs - etwas als Losverkäufer. Doch dann merkte er, dass er als Rapper in öffentlichen Verkehrsmitteln mehr Geld verdienen konnte. "Es ist mir nicht peinlich, in einem Bus zu singen", sagt er. "Viel peinlicher wäre es, eines Tages nach Hause zu kommen und von meiner Frau zu hören, dass sie kein Geld für Windeln oder Kleider für unsere Tochter hat."

Von Geburt an schwer behindert, wurde Mendoza von seinen Eltern zur Großmutter gegeben. Sie starb, als er neun war. Auch die Schule als Behinderter im Rollstuhl war die Hölle. "Die Kinder steckten mich in die Mülleimer oder schlossen mich in den Toiletten ein."

Mit 13 Jahren kämpfte er mit Depressionen und war selbstmordgefährdet. Doch dann half ihm ein Freund, sich per Skateboard fortzubewegen. Das rettete ihm das Leben, wie er selbst sagt - zusammen mit der Musik.

Suche nach einer besseren Zukunft

Als seine Frau schwanger war, beschlossen sie, in Kolumbien eine bessere Zukunft zu suchen. Das Nachbarland nahm in den vergangenen Jahren mehr als eine Million Venezolaner auf. "Ich kam illegal mit meiner Frau über die Grenze. Es war schwierig wegen der kolumbianischen Guerilla und der venezolanischen Nationalgarde", erzählt Mendoza.

Vor einem Monat wurde die kleine Auralys geboren. Seine Frau Mileidy Pena ist stolz auf ihren Mann: "Er ist trotz seiner Behinderung viel vollständiger als andere Väter. Wir haben alles, was wir brauchen, und er ist immer für uns da."

Manchmal rollt Mendoza an den nahe gelegenen Strand und surft. "Ich sehe die Welle als Barriere, die ich mit meinem Board durchbrechen kann." Inzwischen gibt er auch Motivationskurse, sitzt im frisch gebügelten Hemd auf einem Tisch in einer Privatschule. "Ihr braucht eine positive Einstellung", beschwört er die Schüler. "Glaubt an Euch!"