Grüße: Mit diesem Bild bedankte man sich in Österreich bei den Amerikanern

© Care

Jubiläum

Als die Milch gekaut wurde

Erinnerungen: Vor 70 Jahren kamen die ersten CARE-Pakete in Österreich an.

von Uwe Mauch

11/19/2015, 12:30 PM

Der Geschmack von Milchpulver: Sie haben ihn immer noch auf der Zunge. Berichten Christa Chorherr und Sonnhild Cakl unabhängig voneinander. Anlass dafür ist ein rundes Jubiläum: Vor siebzig Jahren wurde zum ersten Mal ein CARE-Paket gepackt und ausgegeben.

Im November 1945 haben besorgte Bürger in den USA die Hilfsorganisation Cooperative for Assistance and Relief Everywhere, kurz CARE, gegründet. Sie taten sich zusammen, weil sie etwas gegen den Hunger und die Armut in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg tun wollten. Weil sie ein Zeichen der Menschlichkeit setzen wollten. So wie die Menschen, die derzeit in ganz Österreich Flüchtlingen helfen.

Süß wie die Trauben

Sonnhild Cakls Vater war im Krieg gefallen. Nach Kriegsende flüchtete sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder von Reichenberg (Liberec) im Sudetenland nach Wien. So wie die Menschen heute, die ihre Heimat in Syrien und in anderen unsicheren Regionen der Welt unfreiwillig verlassen müssen.

Frau Cakl, sie ist Jahrgang 1941, erinnert sich: „Damals wurden wir einer allein stehenden Frau zugewiesen, die wohnte in der Hetzgasse im 3. Bezirk.“ Weil die Frau eine Wohnung besaß, musste sie Flüchtlinge beherbergen. Doch das war kein Malheur: „Sie hat uns sehr herzlich aufgenommen. Und wir sind zu einer Familie geworden.“ Zu essen gab es nicht viel: „In der Früh eine Mehlsuppe aus Roggenmehl und Brotbrösel, öfters Palatschinken mit Wasser statt Milch.“

Und dann das Hilfspaket der Amerikaner! Die ersten Pakete stammten noch aus Beständen der US-Armee. Im Krieg hatte so ein Packerl zehn Soldaten eine Mahlzeit geboten. In Friedenszeiten sollte es gegen Hunger und Durst der Verlierer helfen.

„Ich habe das Milchpulver nicht mit Wasser vermischt, sondern gleich mit dem Löffel genascht“, kann sich Sonnhild Cakl noch ganz genau erinnern. „Das war so süß. Ich habe diesen Geschmack heute noch auf der Zunge. So wie die paar Weintrauben, die wir bei einer Nachlese in Sievering essen durften.“

In den Paketen für die Soldaten waren auch Fleisch, Butter, Käse, Haferflocken, Cornflakes, Kekse, Obst, Gemüse, Pudding, Kondensmilch, Zucker, Kakao- und Kaffeepulver und Kaugummi. Im März 1947, als die Bestände der Zehner-Pakete verbraucht waren, begann CARE, Pakete zu verschicken.

Dabei wurde mehr auf die Bedürfnisse der hungernden Bevölkerung Rücksicht genommen. Obst gab es in der Konserve, ebenso das Corned Beef. Eier und Milch waren pulverisiert. Zusätzlich gab es Schweineschmalz, Leberwurst, Speck, Margarine, Rosinen, Schokolade, Germ und Seife. Der Nährwert eines Hilfspakets entsprach in etwa 40.000 Kilokalorien.

Post von den Feinden

„Wir haben nach dem Krieg jeden Tag Maisgrieß gegessen“, erinnert sich die Autorin Christa Chorherr. Ihre Mutter ist in die Wachau hamstern gefahren. Hamstern bzw. betteln. Die Marillen konnte sie in Wien gegen andere Lebensmittel eintauschen. Frau Chorherr, sie ist Jahrgang 1935, sagt: „Das Leben der Erwachsenen war damals unvorstellbar kompliziert.“ Doch eines Tages war bei ihr zu Hause alles anders: „Da bin ich von der Schule heimgekommen. Und sah dieses Paket auf dem Tisch.“ In Erinnerung ist auch ihr das Milchpulver, das sie ebenfalls mit dem Löffel genascht hat – bis ihre Mutter eine strenge Rationierung vornahm.

Abgesehen von den Gaumenfreuden hat das CARE-Paket Christa Chorherr nachhaltig geprägt: „Die Nazis haben uns immer erklärt, dass die Amerikaner Feinde sind, die uns dann auch tatsächlich bombardiert und mit Tieffliegern angegriffen haben. Und plötzlich bekommen wir aus dem Feindesland ein Hilfspaket. Das habe ich als Kind zuerst nicht verstanden, das hat mich dann aber auch neugierig gemacht.“

Sie hat daher Englisch gelernt, viele englischsprachige Bücher gelesen und im Jahr 1953 in Kalifornien ein Fulbright-Stipendium angetreten. Lange vor dem Staatsvertrag, als österreichische Hoffnungsträgerin in den USA.
Die ersten CARE-Pakete kamen übrigens in Vorarlberg an, Ende 1947 war die Hilfsorganisation in 19 europäischen Ländern aktiv.

Die aktuelle US-Botschafterin in Wien, Alexa Wesner, freut sich: „Was als spontanes und privates Hilfsprogramm begann, wurde im Laufe der Zeit zu einer der größten Nothilfe- und Entwicklungsorganisationen der Welt.“ Stolz macht sie, dass ihre deutsche Mutter auch ein CARE-Paket bekommen hat.

Unschöne Renaissance

Weniger empathisch hinsichtlich des Jubiläums zeigt sich Andrea Wagner-Hager, Geschäftsführerin von CARE Österreich: „Mir ist überhaupt nicht zum Feiern zumute. Was wir heute erleben, ist eine Renaissance des CARE-Pakets. Wir haben zuletzt Tausende Säcke auf der West-Balkan-Route verteilt. Und ich bin fassungslos, dass wir jetzt mitten in Europa wieder einen Zaun bauen.“

Auch Sonnhild Cakl und Christa Chorherr haben die Bilder von den Menschen an den Grenzen Europas berührt. Deren Bedürftigkeit erinnert sie an die eigene Kindheit. Das erzeugt Mitgefühl, und keine Ressentiments.

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