Leben
08.12.2018

Advent-Essay: Purzelnde Elche aus Holz

Eine Ode an die Vorfreude. Von Gabriele Kuhn.

Und wieder einmal sprachen wir alle über das Älterwerden – wie so oft, wenn die Nächte immer länger und die Tage immer kürzer werden.

Nach drei gut befüllten Häferln Glühwein hatte die Freundin eine ihrer legendären Anti-Aging-Ideen. Wir müssten ganz dringend ein Selbsterfahrungsseminar besuchen – und zwar das mit dem Titel Entdecke dein inneres Kind I. Von sich selbst beeindruckt rief sie: „Erinnern wir uns doch gemeinsam an früher, an die Zeit als wir ohne Ischiasschmerz hüpfen und lachen konnten. Und mit ausgestreckter Zunge Schneeflocken fangen gingen.“

Danke, nein, ich bin eh noch kindisch genug. Behauptet zumindest mein Umfeld, vor allem im Advent.

Knödel im Garten

Wenn es um die Vorfreude auf das Fest geht, kann mich nichts aufhalten. Auch nicht diese völlig verwurschtelte Lichterkette, die ich selbst nach zwei Stunden Entwirrung nicht aus der Knödelform befreien kann. Wurscht. Ich hänge dann einfach einen Lichterkettenknödel in den Garten und freue mich wie ein Kind über die anarchische Installation.

Im Übrigen bin ich nach wie vor davon überzeugt, einst gesehen zu haben, wie das Christkind aus unserer Zimmer-Küche-Wohnung eines Ottakringer Zinshauses direkt zum Wirten am Eck geflogen ist.

Nun, nicht jeder kann mein Faible fürs Fest teilen. Manche Menschen wundern sich. Sehr sogar. Unser Briefträger zum Beispiel, dem ich dieser Tage in grün-roten Rentierstutzen die Tür öffnete. Mit lustigen Bommeln dran, die leise klingelten, während ich die Übernahme des Pakets schriftlich bestätigte. Der gute Mann räusperte sich und sagte mitten im November: Oiso ... frohes Fest!

Was in dem Packerl war, wollen Sie wissen? Bitteschön: Fünf neue (noch entknödelte) Lichterketten, die Standleuchte „Stern“ sowie der 90 Zentimeter-Advent-Tischläufer „Knecht Ruprecht“. Beinahe wäre ich auch Besitzerin des Türrahmen-Deko-Sets „Purzelnde Elche aus Holz“ geworden, doch eine Hundertstelsekunde vor dem Klick auf den Bestell-Button hatte ich dann doch Bedenken, man könnte mich für leicht daneben halten.

Raunzen oder Staunen?

Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, wie sehr sich der sogenannte „vernünftige Erwachsene“ überhaupt noch vorfreuen darf. Wir leben in einer Zeit, in der es entweder modern geworden ist, sich in Sorge mit leicht hängendem Blick durchs Leben zu schleppen oder sich rhythmisch atmend und achtsam im Hier und Jetzt zu versenken.

Auf Weihnachten umgelegt klingt das dann so: Mah, Wahnsinn, ich hab immer noch kein einziges Geschenk!, Ist das vielleicht wieder ein Stress! Sowie: Was bitte sollen wir der Gusti-Tant’ schenken, die hat eh schon alles! Ein Nachthemd, den fünften Kerzenständer, Chat noir? Oder in der Achtsamkeits- & Ohm-Version so: Was den Konsum angeht, bin ich voll durchlässig. Kaufe nichts! Aber vom Christkind hätte ich diesmal gerne ein neues Meditationskissen.

In der Zwischenzeit backe ich ein paar asymmetrische Vanillekipferl, höre Dean Martin beim Raunzen zu, atme den Duft von Zimt – und erkläre die Vorfreude zu meinem persönlichen Ausnahmezustand. Indem ich mir ein Staunen gönne und ein Sehnen. Solange ich das noch kann, lebe ich.

Mit oder ohne Rentierstutzen.