Leben
17.09.2017

"Die Trauer hat mich lebendig gemacht"

Schauspiel-Star Adele Neuhauser über Schicksalsschläge, Selbstzweifel und die Sache mit der Weiblichkeit.

Es ist ein berührendes Treffen mit Adele Neuhauser im Café Korb, ihrem Lieblingskaffeehaus in der Wiener Innenstadt. Unter Tränen erzählt die Charakterdarstellerin (" Tatort", "Vier Frauen und ein Todesfall") und fünffache ROMY-Preisträgerin von der wohl schwersten Zeit ihres Lebens: Im März 2015 starb ihr Vater, ein Jahr darauf verlor sie – mit nur einem Monat Abstand – ihre Mutter und ihren Bruder Alexander. Der 63-Jährige war an akuter lymphatischer Leukämie erkrankt und hatte, trotz einer Stammzellenspende seiner Schwester, keine Chance gegen den Krebs.

Ein schwerer Schlag für die TV-Kommissarin. Das Angebot eines Verlags, ihre Autobiografie zu schreiben, erwies sich als glückliche Fügung: "Natürlich habe ich beim Schreiben viel geweint. Aber im Endeffekt hat mich das Aufschreiben meiner Erinnerungen zum Besseren verändert." Diesen Eindruck gewinnt man auch im persönlichen Gespräch: Trotz ihrer Verluste wirkt die Mutter eines Sohnes zuversichtlich, lacht viel und strotzt vor Energie. Im KURIER-Interview erzählt die 58-Jährige, warum sie sich erst jetzt wirklich erwachsen fühlt und welcher Satz sie seit zwei Jahren nicht mehr loslässt.

KURIER: Frau Neuhauser, Sie haben eine harte Zeit hinter sich. Nach dem Tod Ihrer Eltern wurde Ihr Bruder Alexander vor einem Jahr mitten aus dem Leben gerissen. Wie geht es Ihnen heute?

Adele Neuhauser: Es ist etwas, mit dem ich mich sehr schwer abfinden kann. Vor allem, weil ich diejenige war, die ihm durch meine Stammzellenspende hätte helfen können – dass das nicht funktioniert hat, ist eine Schweinerei. (Stimme bricht) Versöhnt hat mich schließlich die Grandiosität des Lebens: dass seine Tochter ihm, bevor er ins Koma gelegt wurde, gesagt hat, dass sie mit Zwillingen schwanger ist. Ich hab sie gerade gesehen, sie sind bezaubernd.

War die Stammzellenspende eine schwierige Entscheidung?

Nein, ich habe keine Sekunde darüber nachgedacht. Meine einzige Sorge war, dass ich nicht kompatibel bin, aber zum Glück war ich’s. Und ich hatte Angst, dass es Schwierigkeiten geben könnte, weil ich rauche und nicht besonders gut lebe. Aufgrund der intensiven Untersuchungen habe ich aber gesehen, dass ich sehr gesund bin. Kurz hatte ich diesen depperten Gedanken, dass ich meinen Bruder umgebracht habe – was natürlich ein Schmarrn ist.

Und das alles ist während der Dreharbeiten passiert?

Ja, wir haben zu dieser Zeit drei Tatorte gedreht (der dritte Teil wurde Ende August ausgestrahlt, Anm.). Die Produktion ist mir sehr entgegengekommen, ich konnte eine Woche aussetzen und mir vor der Spende die Injektionen setzen. Harry (Krassnitzer, Tatort-Kollege, Anm.) hat sich in dieser Zeit rührend um mich gekümmert – es ist nicht selbstverständlich, wie er mich beschützt und gestützt hat. Er ist ein Freund geworden, den ich nicht mehr missen möchte. Jedenfalls bin ich nach einer Woche ans Set zurückgekehrt, hab’ den Tatort vollendet – und drei Tage später ist meine Mutter gestorben.

Wie bewältigt man so viele Verluste in so kurzer Zeit?

Indem man ein Buch schreibt. (lacht) Ich dachte immer, ich kann keine Autobiografie schreiben, solange meine Eltern noch am Leben sind. Interessanterweise war dann, nachdem sie gestorben waren, all das, was ich geglaubt hatte, erzählen zu müssen, nicht mehr relevant. Das war für mich die intensivste und schönste Trauerarbeit, die ich hätte leisten können. Die Trauer hat mich lebendiger gemacht – weil ich noch am Leben bin und Gott sei Dank nicht mehr in den Depressionen stecke, die ich in meiner Kindheit und Jugend hatte. Ich bin noch da – und all das, was ich mit diesen Menschen erlebt habe, die ich so sehr geliebt habe, muss jetzt doppelt und dreifach Sinn machen. Die Tage dürfen nicht vergeudet werden, Begegnungen müssen wertvoll sein. Ich habe gerade unglaublich viel Energie, als würden sie mich kosmisch versorgen. (lacht) Ein sehr schönes Gefühl.

Viele Menschen haben das Gefühl, erst durch den Tod der Eltern richtig erwachsen zu werden. War das bei Ihnen auch so?

Als mein Vater starb, hab’ ich mir gedacht: Jetzt kann ich kein Kind mehr sein. Er ist nicht mehr da, der, der immer auf mich schaut und sagt, hör auf zu rauchen, du bist eine Dame. Ich bin jetzt total für mich alleine verantwortlich – was ich in Wahrheit schon lange war, aber im Hintergrund hat man doch immer diesen Anker, an dem man festhält. Der ist jetzt weg.

Ihre Mutter hat am Sterbebett zu Ihnen gesagt: " Adele, wo ist eigentlich dein Glück?" Haben Sie eine Antwort gefunden?

An diesem Satz werde ich bis an mein Lebensende kiefeln. Unser Glück ist glaube ich in unserer Gesellschaft schwer herauszufinden, weil wir abgelenkt sind von scheinbarem Haben müssen und Erscheinung. Aber Zufriedenheit kommt nicht durch eine Prada-Tasche. Es geht eigentlich nur darum, dass man in sich hineinhört, sich mag und mit sich eins ist. Dieser Satz begleitet mich jetzt ganz oft in einfachen Momenten. Wie vorher, als ich am Flughafen in München auf mein Taxi gewartet habe. Ich sitze da, rauche meine Zigarette und denke mir, dass es mir eigentlich wahnsinnig gut geht.

Als Titel für Ihre Autobiografie haben Sie "Ich war mein größter Feind" gewählt. Warum war das so?

Ich glaube, jeder Mensch muss Hürden nehmen. Ich bin mir sehr im Weg gestanden, habe es mir selber schwer gemacht. Nicht nur durch meine Depressionen – auch, dass ich mir nicht vertraut, mich nie gelobt habe für Dinge, die mir gelungen sind. Dass ich immer nur das Negative gesehen habe. Ich war ein Exempel in Selbstkritik. Aber das ist eben mein Weg gewesen.

Sind Sie heute also Ihr Freund?

Ich mag mich ganz gern, ja. Ich habe gelernt, mir zu verzeihen und mich zu mögen. Das heißt nicht, dass mir jetzt alles gelingt – aber ich trage es mir nicht mehr so lange nach.

In Ihrer Jugend wollten Sie sich mehrfach das Leben nehmen. Denken Sie heute anders über den Tod?

Ich war ein junger Mensch, gefangen in meinen Ängsten und meiner Wut auf mich selbst. Weil es so früh anfing, ist es manifest geworden. Das ist jetzt anders – ich bin Gott sei Dank reifer geworden, obwohl ich in vielen Dingen immer noch so deppert und naiv bin wie sonst. (lacht) Natürlich denke ich aus heutiger Sicht ganz anders über das Sterben. So, wie ich damals wusste, mich in meine dunklen Phasen hineinzuschrauben, weiß ich jetzt, wie ich mich nicht hineinfallen lasse.

Haben Sie es je bereut, öffentlich über Ihre Suizidversuche gesprochen zu haben?

Nein, nie. Viele haben gesagt, bist du deppert, wie kannst du darüber reden. Ich mag Interviews mit Persönlichkeiten nicht, in denen sie sich so darstellen, als wäre alles perfekt. Ich beobachte, dass immer mehr Menschen an einer Depression – wir nennen es jetzt Burn-out – vorbeischrammen, weil sie es nicht mehr schaffen in dieser schnellen, oberflächlichen Welt. Ich würde gerne jedem sagen: Wenn noch ein klitzekleiner Funke Lebenswille da ist – und da muss man sehr deutlich in sich hineinhören –, sollte man schauen, dass man sich Hilfe holt und da rauskommt.

Weiblichkeit war in Ihrer Biografie immer wieder ein Thema. Was bedeutet weiblich sein für Sie?

Schon in der Schauspielschule hörte ich, "Bist Manderl oder Weiberl?". Indem ich mich burschikos gab, hatte ich mir einen Schutz zugelegt. Weiblich sein heißt ja auch weich sein, eine gewisse Verletzlichkeit zulassen – davor hatte ich Angst. So ein "Weib" präsentiert sich ja schon ganz anders. Meine Stimme ist mir immer mehr im Weg gestanden, weil sie so kaputt war, dass ich am Telefon als "Herr Neuhauser" tituliert wurde. Nach meiner Stimmband-Operation (wegen Ablagerungen und eines Ödems, Anm.) war sie plötzlich weich. Ich konnte mich endlich wieder weiblich fühlen.

Sie sind seit zwölf Jahren geschieden. Leben Sie alleine?

Ja, und ich bin zurzeit sehr froh darüber, dass ich mich nur um mich kümmern kann und mich einfach fließen lasse. Vor allem auch, weil ich immer mehr beobachte, was Menschen in Beziehungen einander antun: unnötige Sticheleien, Sehnsüchte, die gar nicht so elementar sind. Elementar ist, dass man einander spüren und schützen kann. Ich weiß, dass ich in ähnliche Muster verfalle und bin froh, dass ich mich dem jetzt nicht aussetzen muss.

Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Sohn Julian, der in Berlin lebt?

Ich liebe ihn mit jeder Faser meines Lebens. Julian war von klein auf eine Stütze für mich – weil er so eine reiche Seele ist. Unser kleiner Buddha. (lächelt) Da war schon so viel da, bevor wir erziehungstechnisch eingreifen konnten. Er macht mich wahnsinnig stolz und glücklich.

Vielen Menschen hilft in Krisenzeiten der Glaube an Gott. Woran glauben Sie?

Ich gehöre keiner Konfession an, bin aber ein gläubiger Mensch. Ich glaube an positive Energien – dass wir alles, was negativ ist, auch in positiver Form schaffen können. Und dass diese Energien von Seelen genährt sind, die gegangen sind. Dass das alles zusammenhängt – daran glaube ich.

Sie haben mit Ihrem Bruder die Asche Ihres Vaters in Griechenland verstreut – exakt ein Jahr, bevor Ihr Bruder starb. Waren Sie seitdem noch einmal dort?

Nein. Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder hinfahren kann. Es war verrückt: Am Tag meiner Abreise war es so neblig, so etwas habe ich in Griechenland noch nie erlebt. Alle waren völlig aus dem Häuschen! Plötzlich löste sich der Nebel und zog über den Berg, genau dahin, wo die Asche meines Vaters war. Und da soll man nicht gläubig sein?

Buchpräsentation Am Montag, 25. September, um 19 Uhr bei Thalia, Mariahilferstraße 99, 1060 Wien. Eintritt frei.

„Ich war mein größter Feind“ erscheint im Brandstätter-Verlag. 216 Seiten, 21,90 €

Zwischen zwei Welten

Adele Neuhauser wurde am 17. Jänner 1959 in Athen geboren. Im Alter von vier Jahren übersiedelte die Familie (der Vater Grieche, die Mutter Österreicherin) nach Wien. Nach der Scheidung der Eltern wuchs Adele beim Vater auf. Neben ihrem Bruder Alexander hat sie noch einen Halbbruder, den Künstler Georg Marquant. Neuhauser absolvierte die Schauspielschule Krauss und zog mit Anfang 20 nach Deutschland, wo sie erste Theaterrollen bekam. Aus der Ehe mit dem Schauspieler Zoltan Paul stammt Sohn Julian (30). Seit der Scheidung lebt Neuhauser in Wien.