Kultur
02.03.2016

"Zwischen Pest und Cholera"

Robert Schindel über sein Holocaust-Drama "Dunkelstein", das Dienstag im Hamakon-Theater Premiere hatte

Saul Dunkelstein kooperiert als Leiter der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde mit den Nazis, aus deren Sicht er für eine reibungslose Deportation der Juden nach Osten sorgt. Er selbst ist überzeugt, lebensrettende Maßnahmen zu setzen, indem er die Juden zur raschen Emigration drängt. Robert Schindels Drama "Dunkelstein" (Haymon-Verlag) verarbeitet historische Fakten und Personen, allen voran die Geschichte des Wiener Rabbiners Benjamin Murmelstein.

Spätestens seit dem Dokumentarfilm "Der letzte der Ungerechten" von Claude Lanzmann (2013) sind Murmelstein und seine umstrittene Rolle als hochrangiger jüdischer Funktionär der von Adolf Eichmann kontrollierten Israelitischen Kultusgemeinde Wien in der NS-Zeit sowie als "Judenältester" des Konzentrationslagers Theresienstadt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Robert Schindel, der als Kleinkind der Ermordung durch die Nationalsozialisten entgangen ist, setzt in " Dunkelstein" dem Holocaust einen Tante-Jolesch-Humor entgegen, der die Grausamkeit des Geschehens noch eindringlicher macht.

KURIER: " Dunkelstein" wurde 2010 geschrieben. Warum wird es erst jetzt uraufgeführt?

Robert Schindel: Es war ein Auftrag des Volkstheaters. Der damalige Direktor Schottenberg hat gesagt, es gefällt ihm gut, aber mit einem Holocaust-Stück bekommt er das Haus nicht voll. Das Stück ist korrekt bezahlt, aber nie gespielt worden. Ich hab’ mich ein bisserl gekränkt, weil ich ja kein erfahrener Theaterautor war, und hab’ mir gedacht, jetzt hab’ ich einmal ein Stück, und dann führen sie’s gar nicht auf.

Das Stück nennt sich "Realfarce". Es kommen Figuren wie Alfred Polgar, Egon Friedell vor.

Ja, das sind alles wahre Geschichten ...

Außerdem zitieren Sie Torberg.

Vieles ist der Tante Jolesch entnommen, ich habe es weiterentwickelt.

Das macht dieses Stück auch so beklemmend. In letzter Konsequenz wäre die Tante Jolesch wohl ins KZ gekommen. Dieser schwarze Humor ist doch auch etwas sehr Wienerisches ...

... oder Jüdisches.

Sie haben sich Ihr Leben lang mit dem Thema Holocaust beschäftigt. Wie viel Wissenschaft ist in diesem Buch?

Es ist mir ja viel bekannt, was damals mit den Juden passiert ist. Ein Buch war mir zudem wichtig: "Instanzen der Ohnmacht", eine historische Studie von Doron Rabinovici. Es ist eine Rehabilitation der Judenräte, die von Hannah Arendt aus dem fernen Amerika angeschwärzt wurden. Und das wurde ja von einem beträchtlichen Teil der Juden auch geglaubt. Der Unterschied zwischen Kooperation und Kollaboration wurde nicht verstanden. Dunkelstein bzw. Murmelstein, der sein Vorbild war, waren Kooperierende, nicht Kollaborateure, die es auch gegeben hat. Mir war es wichtig, so unangenehm es ist, das zu sagen: Verantwortliche der Judenheit im Dritten Reich mussten sich verhalten. Die Judenräte mussten mit den Nazis reden. Sie haben Schritt für Schritt versucht, das Beste herauszuholen, und wussten natürlich nicht, dass es nur mehr in Richtung Endlösung geht. Es gab immer Hoffnung, Einzelne zu retten. Es ist leicht, von Kalifornien aus jeden, der auch nur an der SS angestreift ist, zu verdächtigen. Heute gibt es ein Umdenken, auch in den jüdischen Gemeinden.

Das heißt also: Auch Moral ist immer eine Frage des Standpunktes.

Ja, sicher. Vor allem, wenn man zwischen Pest und Cholera entscheiden muss. Und wenn es um Leben und Tod geht. In diesem Kontext hat Murmelstein geschickt agiert. Ich habe den Gehalt dieser Geschichte belassen, aber die Figuren geändert, damit sie frei agieren können.

Deswegen sind Murmelstein und Dunkelstein nicht identisch. Letzterer ist eine literarische Figur.

Ja, Murmelstein hat die Alten geschützt. Er ist weit über die Pragmatik hinausgegangen, die mein Dunkelstein hat. Der hat gesagt: Ich kämpfe nur für Leute, die eine Chance haben, zu überleben. Die Alten haben keine Chance. Murmelstein jedoch hat gerade die beschützt.

Dunkelstein ist nicht die einzige Figur in Ihrem Stück, die ein echtes Vorbild hat.

Nein, auch Linde im Buch ist zwar nicht ident mit Eichmann, er trägt aber doch Züge von ihm. Wir Autoren haben oft Vorbilder, aber die Figuren, die entstehen, haben ein Eigenleben. Man muss sich das Original wie einen Steinbruch vorstellen, aus dem wir die literarischen Figuren herausschnitzen. Es hat ja auch die Esther Rebenwurzel in meinem Buch ein Vorbild: Franzi Danneberg-Löw, die damals Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde war. Sie hat mir als Kind das Leben gerettet. Ich habe sie in ihrer Funktion und Herzenswärme genommen und dann frei gestaltet.

Zur Person

Robert Schindel, geboren 1944 in Bad Hall bei Linz, ist Lyriker, Autor und Regisseur. Die Zeit des Nationalsozialismus überlebte er als Kind jüdischer Kommunisten in Wien. Sein Vater René Hajek wurde im März 1945 in Dachau ermordet, die Mutter Gerti Schindel überlebte Auschwitz und Ravensbrück und kehrte 1945 nach Wien zurück. Er selbst wurde von Mitarbeiterinnen der jüdischen Selbstverwaltung gerettet.

Uraufführung im Nestroyhof

Das Theater Nestroyhof – Hamakom zeigt seit 1. März eine von Frederic Lion und Karl Baratta bearbeitete Fassung von Schindels Drama „Dunkelstein“. Regie führt Frederic Lion. Es spielen Michael Gruner, Florentin Groll, Alexander Julian Meile, Lilly Prohaska, Rouven Stöhr, Heinz Weixelbraun, Eduard Wildner und Dolores Winkler. Weitere Vorstellungen: 2. bis 5. und 9. bis 12. März. Theater Nestroyhof – Hamakom. 2., Nestroyplatz 1.