Wer ist für sie, wer für die Prämie? Marion Cotillard (re.) muss ihre Arbeitskollegen für sich gewinnen, sonst ist ihr Job weg

© Thimfilm

Kampfabstimmung zwischen Prämie und Kollegin
10/29/2014

Kampfabstimmung zwischen Prämie und Kollegin

Marion Cotillard in "Zwei Tage, eine Nacht" der Brüder Dardenne. Weiters: "Pride" und "5 Zimmer, Küche, Sarg"

von Alexandra Seibel

Zwei Tage, eine Nacht hat Sandra Zeit, Wahlkampf zu machen. Wahlkampf dafür, dass sie ihren Job behalten darf. Ihr Gegner: Tausend Euro. Sandras Arbeitskollegen müssen sich nämlich entscheiden, ob sie für eine Prämie von 1000 Euro stimmen – was bedeuten würde, dass Sandra ihren Job verliert. Oder ob sie für Sandra stimmen – was bedeutet, dass sie ihre Prämie verlieren.

Zwei Tage, eine Nacht wandert Sandra von Tür zu Tür, klingelt an Sprechanlagen und fleht um Solidarität. Jeden einzelnen Kollegen konfrontiert sie mit der Bitte, für sie zu stimmen. Manche zögern, manche versprechen ihre Unterstützung, und manche machen erst gar nicht die Tür auf.

"Zwei Tage, eine Nacht" hatte Premiere in Cannes und ließ die Kritik begeistert aufschluchzen. Effektiv bietet das hochkarätige Kampfmelodram von Jean-Pierre und Luc Dardenne Politkino auf höchstem Unterhaltungsniveau. Als Mehrfachbesitzer der Goldenen Palme – für "Rosetta" (1999) und "Das Kind" (2005) – stehen die Dardennes Pate für ein sozialengagiertes Autorenkino der Extraklasse. Mit ihrem unverwechselbaren Blick nehmen sie den alltäglichen Existenzkampf in der spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft ins Visier. Die französische Star-Schauspielerin Marion Cotillard leiht ihr melancholisch schönes Gesicht der Heldin Sandra und veredelt mit ihrem verhaltenen Spiel den entwürdigenden Kreuzgang. Mit hochmobiler Kamera folgen die Dardennes der jungen Ehefrau und Mutter durch eine Kleinstadt in Belgien. Die Sonne strahlt heiß, die Helligkeit des Sommers lastet schwer. Sandra hat sich gerade von einer Depression erholt und muss beweisen, dass sie wieder arbeitsfit ist. Am liebsten würde sie sich ins Bett legen und nicht mehr aufwachen. Stattdessen wirft sie Xanax ein, um es zur Türklingel des nächsten Kollegen zu schaffen.

Thriller

Mit viel Suspense-Rhetorik peppen die Dardennes eine potenziell trostlose Sozialmisere mit immenser Thrillerspannung auf: Wird es eine Rettung in letzter Minute geben? Werden die Kollegen für Sandra stimmen? Lässt sich Sandras Beziehung zu ihrem Ehemann retten?

Während sie uns erzähltechnisch auf Trab halten, fächern die Regisseure ein Soziotop des (unteren) Mittelstands auf. Den einen bedeuten 1000 Euro ein Jahr lang Gas und Strom; den anderen Geld für das Studium der Kinder; den dritten eine neue Terrasse im Garten.

"Ich würde gern helfen, aber ich kann nicht", heißt es oft. Eigenheim steht gegen Eigenheim, Existenz gegen Existenz. Solidarität gibt es vorerst keine, sie muss erst mühselig geschaffen werden. Doch dass es sie gibt, diese Solidarität, daran glauben die Dardennes ganz fest. "Zwei Tage, eine Nacht" legt ein tief empfundenes Zeugnis von diesem Glauben ab, mit allen Mitteln des (Spannungs-)Kinos.

KURIER-Wertung:

INFO: Zwei Tage, eine Nacht. B/F/I 2014. 97 Min. Von J.-P. und Luc Dardenne. Mit Marion Cotillard.

Gegen Thatcher und Schwulenfeindlichkeit

Mit LGSM sind keine Sexualpraktiken gemeint. Dahinter versteckt sich der Aufruf: "Lesbians and Gays Support the Miners". 1984, zu Zeiten der Bergarbeiterstreiks gegen Margaret Thatchers Sparmaßnahmen, zeigten Lesben und Schwule Solidarität und sammelten beachtliche Geldsummen. Dreißig Jahre später ist aus der Story eine spritzige britische Sozialkomödie geworden. "Pride" zeigt mit kecken Dialogen und tollen Darstellern, wie durch Mut friedliche Koexistenz erkämpft werden kann.

Mark (Ben Schnetzer) ist es, der auf die Idee kommt, mit seinen bunten Vögeln eine Klassenfahrt ins graue walisische Grubenarbeiterkaff Onllwyn zu unternehmen, um die erhoffte Win-Win-Situation zu befördern. Ausgerechnet die Gewerkschaftssenioren (Imelda Staunton, Bill Nighy) verteidigen die "Queers" aus London vehement gegen Homophobie.

Vergleiche mit der Stripperkomödie "Ganz oder gar nicht" sind klar, wenn die Arbeiterschaft zu "Shame" die Hüften schwingt. "Pride" bleibt aber nicht im Vordergründigen haften und verliert sein politisches Thema nie aus den Augen. Pride.

KURIER-Wertung:

INFO: "Pride": Tragikomödie. GB 2014. 120 Min. Von: Matthew Warchus. Mit: Ben Schnetzer, George Mackay, I. Staunton, B. Nighy

Wilde Wohngemeinschaft der Blutsauger

Pünktlich um sechs Uhr abends fährt eine Hand aus dem Sarg. Der Deckel öffnet sich, und ein schmucker junger Mann entsteigt dem Holzpyjama. Er trägt perfektes Dandy-Outfit und grüßt freundlich in die Kamera. Dann beginnt er eine Hausführung.

Nein, wir sind nicht bei den "Osbournes" oder den "Lugners" auf Reality-TV-Besuch, sondern bei vier freundlichen Vampiren. Diese ... äh ... leben in einer Hausgemeinschaft in Wellington/ Neuseeland und lassen ein Kamerateam an ihren Tagesabläufen teilhaben.

So erfahren wir, dass auch in der Sauger-WG Streit darüber ausbricht, wer das Geschirr abwäscht. Umso mehr, wenn sich die Blutkrusten schon ziemlich in die Teller gefressen haben.

Viago, der häusliche untern den Langzähnen, muss die Kollegen immer wieder zur Ordnung mahnen. Sein Freund Vlad hängt kopfüber im Schrank, und auch Blutgenosse Deacon hat andere Vorlieben als Aufräumen. Im Keller schließlich schnarcht der älteste von ihnen, Petyr: Er zählt bereits 8000 Jahre, sieht aus wie Max Schreck in Murnaus "Nosferatu" und hat sehr schlechte Zähne. Als er einen Menschen anknabbert und in einen Vampir verwandelt, kommt Schwung in die Bude. Der Neue plappert überall herum, dass er Blutsauger ist und legt sich mit den "Fairwölfen" – einer politisch korrekten Abordnung von Werwölfen an.

Die neuseeländische Spaß-Doku "5 Zimmer, Küche, Sarg" gehört mit zum Lustigsten, was man sich unter einer Vampir-"Mockumentary" vorstellen kann. Taika Waititi und Jemaine Clement, die Vampire Viago und Vlad, sind nicht nur die Co-Regisseure der krassen Komödie, sondern längst auch Stars in Neuseeland.

KURIER-Wertung:

INFO: "5 Zimmer, Küche, Sarg". Komödie. NZ 2014. 86 Min. Von und mit Taika Waititi, Jemaine Clement. Mit J. Brugh.

Ein Augenblick Leben

Doku Filmemacherin Anita Natmeßnig lernte bei der Arbeit an "Zeit zu gehen" (2006) im Hospiz Rennweg den an Krebs erkrankten Robert Linhart kennen. Er konnte vor seinem Tod nach Hause zurückkehren. Nun löste sie ihr Versprechen ein, die Gespräche übers Leben und Sterben als Film zu verewigen. Beeindruckend ist die Gelassenheit Linharts – mit dem Fazit: "Die Leute sollen sich mehr selber mögen".

KURIER-Wertung:

Love, Rosie – Für immer vielleicht

Tragikomödie Rosie (Lily Collins) und Alex (Sam Claflin) sind seit ihrer Kindheit eng befreundet. Doch vor einer Liebesbeziehung schrecken sie lange zurück, um diese Freundschaft nicht zu gefährden.

Sex on the Beach – Down Under

Komödie Vier Briten auf Roadtrip in Australien auf der Suche nach Sex und Alk.

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