© Anika Büssemeier

Kultur
06/01/2019

Zwei Romane in einem: Die Wohnung ist keine Heimat

Jan Brandt auf der Suche nach einer "Bleibe": "Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt"

von Peter Pisa

Vor der Wohnungstür sitzt eine Ratte.
In der Nachbarwohnung sind Musiker – Rapper: Die Gegenkultur will keine Einmischung. Grüßt man, kommt die Antwort: „Verpiss dich, du Kartoffel!“
Vom Plafond rinnt Wasser, und eines Tages klopft eine Frau an: Ingrid ist die Tante des Wohungseigentümers. Er hat ihr gesagt, sie darf  hier einziehen ...
Aber das sind nur Kleinigkeiten im Roman von Jan Brandt (Foto oben) – nicht verwandt mit Willy Brandt, dessen Söhne Lars und Matthias Bücher schreiben.
 Er beobachtet, wie  oft, sein Leben. Sein Aufenthalt in Los Angeles war schon Thema, seine Tage in  Turin waren es, und die Jugend in Ostfriesland.
Jetzt erzählt uns der 45-Jährige, wie er  am Wohnungs- nzw. Immobilienmarkt – wie sagt man? eine Zeitlang nicht reüssieren konnte. Das Ganze ist als sogenanntes Wendebuch angelegt. Zwei Mal 200 Seiten. Man kann, aber muss nicht mit „Ein Haus auf dem Land“ beginnen.

Keine Chance

Dieser Teil ist der Versuch, im ostfriesische Ort Ihrhove das schöne Haus zu erwerben, in dem einst der Urgroßvater lebte und   u.a. mit „1a Centrifugen-Tafelbutter“ handelte. Es  war schon in fremden Händen und wird jetzt frei.
Aber keine Chance. Ohne Unterstürzung der Gemeinde ist die Sanierung zu teuer. Ein Bauunternehmer kauft das Haus, er reißt das Alte nieder und baut  Wohnungen für Rentner, barrierefrei. So ist unsere Welt.
Man dreht das Buch um, „Die Wohnung in der Stadt“ klingt heiterer (wenn man nicht betroffen ist). Wie soll Berlin Heimat sein, wenn man keine passende Bleibe findet? Die Stadt wird zum Provisorium, zum Ort des Übergangs – man kann jederzeit die Wohnung verlieren.
Wie es bei Brandt der Fall war. Zuerst hat der Eigentümer  die Miete erhöht.  Das war nicht gerechtfertigt, so hat das Gericht entscheiden.
Aber dann hat der Eigentümer halt Eigenbedarf geltend gemacht, für die Familie seines Sohnes. Und tschüß, Jan. Wohin mit ihm?
Ein ausgezeichneter, ruhiger Autor ist das, er macht’s  nicht nur dann interessant, wenn es um Existenzielles geht – Wohnungsnot, Gentrifizierung, Spekulanten.
Brandt könnte bestimmt auch fesselnd über sein  Abenteuer berichten, eine Glühbirne zu wechseln.
Wenn er dabei nicht übertreibt und sich zu detailreich Glaskolben und Pumpstutzen widmet.

Jan Brandt: „Ein Haus auf dem Land“ bzw. „Eine Wohnung in der Stadt“
DuMont Verlag.
424 Seiten. 24,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****

 

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